Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Die Wahrheit. Seite 5. geben, ihren Meinungen unumwunden Ausdruck zu leihen. Es! sei wohl schwierig, allen Meinungen gerecht zu werden, aber der! Vorstand werde gewiss nach Thunlichkeit auf die Wünsche der? Gemeindemitglieder Rücksicht nehmen.! Es sprachen hierauf die Herren K a n n, Max B l u m,! Jac. T h e u m a n n, K a r p e l e s, Rudolf Fuchs, L ö w, Pick, 1 Breituer und noch viele Andere, die mit warmen Worten! für einzelne Caudidaten plaidirten, oder dem Vorstände Terna-! Vorschläge unterbreiteten und ihre Anschauungen über die nöthigen ' Qualificationen des anuistellenden Cantors kundgaben. Die Mehrzahl der Redner trat für die Wahl des Cantors B ela j Guttma ii n ans Budapest ein. In der ziemlich bewegten Debatte gedachte auch einer der Redner mit Dank und Auer-! kennung der Leistungen des I. Cantors M. Blatt während der; Sedisvacauz. Seine Ausführungen fanden beim Vorstande und. den Gemeintemilgliedern vollste Zustimmung. Bei diesem Anlasse! finden wir es auch für angezeigt, auf die Mühewaltung des!, Chorleiters Heimann anerkennend hinzuweisen, der mit größter Liebenswürdigkeit und^Uuparteilicbkeit'sich jedem Probecandidaten, gleichviel ob er einen klangvollen oder minderberühmten Namen hatte, bereitwilligst zur Verfügung stellte. Nach Schluss der Debatte versicherte der Präsident abermals, dass der Vorstand auf die in der Versammlung zu Tage getretenen Meinungen Rücksicht nehmen und, wenn auch nicht alle, so doch sicherlich die Majorität der Gemeindemitglieder befriedigen werde. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen, deren Theiluehmer, in einzelne Gruppen aufgelöst, nachher noch eifrigst debattiuen und die Chancen ihrer Caudidaten erörterten. * Bei dieser Gelegenheit möchten wir auch ans die ganz unsinnige Aiiordnnug der einzelnen Worte des Satzes 'Dl UiT D'iiSx, der die Stirnseite des Leopoldstädter Tempels, oberhalb des Oraun hakodesch, ziert, aufmerksam machen. Die Worte sind so angeordnet ■wm rfco una'i uns is» r» während sie doch richtiger in folgender Weise geordnet sein sollten: 0\tSk T33"D»1 U3TP WB “IN’ rfoo m» Wenn schon die vielen Jahren hindurch jene unsinnige Anordnung entweder nicht beachtet oder, wenn bemerkt, nicht durch die richtigere ersetzt wurde, hätte dies doch gewiss bei der gründlichen Renovirung vor einigen Jahren, die mit so großem Kostenaufwand durchgeführt wurde, geschehen sollen. Aber auch da scheint man von keiner Seite darauf aufmerksam gemacht worden zu sein. Die Renovirung des Tempels wurde, was nicht geleugnet werden kann, in stil- und geschmackvoller Weise durchgeführt — bis auf die grellrothcn Felder, in denen die angeführten Worte stehen. Durch diese schreiende Farbe wird das Auge umsomehr aus den Miston in der Anordnung des schönen Spruches aufmerksam gemacht. Es würde sich empfehlen, beide Anstöße zu entfernen. Moses Montefiore und Ädolf Cremieur. Von Dr. M. H. Kriedländer. (Schluss.) Die jüdische Religion ist diejenige, welche zuerst die Einheit verkündete, welche auf dem Berge Sinai die reinste Sittenlehre in ihren unsterblichen Zehnworten. der Grundlage aller neuerer Gesetze, niederschrieb; Herr kaiserlicher Commissär, was Sie in diesem Augenblicke gegen die algierischen Juden sagen, das sagte man vor fünfzig Jahren gegen die französischen Juden. Ich, mein Herr, wurde in meiner Kindheit von diesen Injurien, die mich zur Verzweiflung brachten, verfolgt; in meinem reiferen Alter, vor zehn Jahren, war ich an der Spitze der französischen und algierischen Regierung. Diejenigen, welche die Juden anklagen, kennen diese nicht. Wenn nach so vielen Jahrhunderten der Sclaverei und der niedrigen Verfolgung sie die Gebrechen, welche aus der Sclaverei hervorgehen, und welche die entwürdigende Verfolgung der Seele einpflanzl, angenommen hätten, wer könnte ihnen ein Verbrechen daraus machen? Aber i'il Grunde ihres Herzens hat immer das Andenken an den Schutz und an die Treue der Verheißung Gottes fortgelebr; ich weiß nicht, welches Feuer sie aufrecht erhält und nur eines Funkens wartet, um aufzulodern. Sehen Sie, was die Geschichte des Jahres 1789 aus ihnen gemacht hat! Ein Vierteljahrhundert reichte hin, um sie auf die Höhe derjenigen zu heben, die ihnen die Emaucipation verliehen; ein anderes Vierteljahrhundert ist kaum verflossen, und Ihr habt sie sich in allen Carrivreu auszeichnen gesehen. Ich spreche nicht von der Bank, wo der größte Name unserer Zeit, der Name Rothschild, allerorten durch seine scrupulöse Redlichkeit, seine Großmuth, seine Familientugenden die größte Achtung genießt, der, wenn er in Engsand die Pforten des Hauses der Gemeinen sprengt, er in Frankreich in Zeiten der flnanciellen Unordnungen und Schwankungen, gleichbedeutend ist mit dem Begriffe von Ehre, Ordnung und Loyalität. Aber i in den Künsten, Wissenschaften, in der Magisl.atur, in Richterj amt, was für mit Recht berühmte und geehrte israelitische Namen!! Hat sie die Politik für unwürdig des französischen Namens j befunden? In unserer Revolution von 1848 befanden sich zwei i Inden unter den Leitern des Wagens, der damals so schwer zu lenken. Der Eine von ihnen war Mitglied der provisorischen! Negierung und Minister der Justiz, das will heißen des Hei-! ligsteu unter den Menschen; der Andere war Minister der > Finanzen, das will heißen der Redlichkeit unter den Menschen. ■ Fraget unsere Mitbürger, sie werden Euch sagen, ob wir unsere; unermesslichen Pflichten würdig und ehrlich erfüllt haben l; Hier, meine Herren, ist ein thatsächliches Unrecht, die; Juden anzugreifen; zwischen den Inden mib den Arabern ist? der intellectnelle Abstand außerordentlich. Beuriheilen Sie blos j nach diesem Processe: vor der Feigheit dieses Haufens von ' furchtsamen Zeugen, die gewissermaßen, um besser lügen zu! können, ihren Khalifat, ihren Kadi, ihren Kaid mit den Augen! befragen, haben Sie einen von diesen beiden Angeklagten Ihnen! antworten gehört! Sie lügen, diese arabischen Zeugen, sie zittern i vor ihren Häuptern; wir, die wir keine Häupter haben, die uns! einschüchtern, wir, die wir nur von der französischen Behörde; abhängen, wir haben vor Niemandem Furcht. Verwenden Sie! die Juden, um die Araber Ihnen zuzuführen, dies ist das Land! zwischen Ihnen; verwenden Sie, meine Herren, diese industrielle,! geschickte und treu ergebene Bevölkerung, die weiß, dass sie j Frankreich das Ende ihrer verhaßten Knechtschaft verdankt. Die | Knechtschaft! Wenn Sie wüßten, wie sie diejenigen lieben, die; sie davon befreit haben! Ihre ganze Religion beruht auf dem! Hasse der Knechtschaft, aus der Dankbarkeit für ihren Befreier, j Der Gott Israels sagt ihnen und jeder Seite der Bibel: „Ich i bin der Herr, der sich aus dem Lande Egypten, aus dem Hause! der Knechtschaft gezogen." Und noch heute nach vier Jahrlan-! senden, bei der Feier unseres Osterrestes, während ringsum die festliche Tafel, die Freude auf allen Gelichtern leuchtet, wendet sich der Sohn an dsn Familienvater stnit der naiven Frage in dem Gebete verzeichnet: Warum diese Freude, dieses Glück! heute größer als alle Tage? Und der Vater gibt diese große | und rührende Antwort: Mein Sohn, wir waren Sclaven in 1 Egypten; es ist heute die Jahresfeier des großen Tages unserer Befreiung; darum ist es, das wir so glücklich sind! Meine Herren! Wenn solche Gefühle in einer Religion vorherrschen, so sind diejenigen, welche sie bekennen, würdig mit Ihnen in Gemeinschaft zu treten; ennnuthieen Sie sie nicht, reichen Sie ihnen im Gegentheil eine brüderliche Hand; Sie werden sehen, dass in ihrer Seele ein Widerhall lebt, der für die Ihrige ist. Und sehen Sie, den ersten eingeborenen Advocaien, * geboren nach der Eroberung, mir Namen Enos, habe ich vor