Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 18 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Mayryerl. Mw 18, Schuld zu sein. Entweder haben einzelne Vereine — wir haben dabei durchaus nicht gerade die par exemple genannten im Sinne — überhaupt keine Existenzberechtigung, weil in älteren, gleichartigen Vereinen für den betreffenden Wirkungskreis bereits genügend gesorgt war, und die zahlreichen Neugründungen in den letzten Jahren wurden nur vorgenommen, damit Herr 3E oder 2) sich auch des Borstehertitels erfreue; oder die Leitung dieses oder jenes Vereines liegt nicht in den rechten Händen, und es wird mehr Geschäftigkeit als Thätigkeit entwickelt, die das Vertrauen und die Theilnahme des Publikums nicht gewinnen kann und auch niemals gewinnen wird. Wenig ermunternd für den Besuch von jüdischen Vereinsversammlungen ist auch der Umstand, dass überall immer dieselben Personen das große Wort führen, und einem fleißigen Besucher kann es leicht passiren, dass er in einer Woche in verschiedenen Vereinen von denselben Personen einige Male die gleichen Tiradeu zu hören bekommt, oder dass ihm Herr A oder B heute dieses und morgen jenes Paradepferd vorführt. Es gibt wenig Leute, die auf allen Sätteln reiten können, und auch diese müssen sich allmälig abnützen, wenn sie ihre Kräfte allzusehr anspaunen. Das ewige Einerlei wirkt mit der Zeit etwas langweilig und wird bald auch Jene abschrecken, die von Haus aus ein großes Interesse für jüdische Angelegenheiten mitbringen. Wir mochten Niemandem nahetreten, am wenigsten Jenen, die wirklich große geistige und materie!e Opfer für die gute Sache bringen, aber es ist zweifellos, dass unsere Organisationen viel zu wünschen übrig lassen, und da wir gegenwärtig wirklich lebenskräftiger und zielbewusst wirkender Organisationen dringend bedürfen, erachten wir es als heilige Pflicht der jüdischen Publicistik, ohne jede Rücksicht auf offenbare Mängel und Schäden hinzuweiseu. Eine Organisation jüngeren Datums, die bei Vielen große Hoffnungen erweckte aber bis heute nicht eine einzige derselben erfüllt hat, ist der sogenannte „österreichisch-israelitische Gemeindebund", dem wir im nächsten Artikel unsere Aufmerksamkeit widmen wollen. Iur Lmdenmg der Iudennoth. In Nr. 15 der „Wahrheit" wuide in einem Artikel „Die Pesiachwoche in Lemberg" auf die vor und während der Festwoche in der Lembergei Gemeinde armen Glaubensgenossen gegenüber geübte Mildthätigkeit hingewiesen, die gewiss allgemeine Anerkennung verdient. So überzeugend und treffend auch die sonstigen Ausführungen des geschätzten Autors waren, so muss ich mir doch erlauben, gegen den Schlusssatz des Artikels, der da lautet: „Die Zwerge die Philautrophie können den Augiasstall des jüdischen Elends nicht wegräumen", lebhaft protestiren. Ist denn wirklich das jüdische Elend gar nicht mehr wegzuräumen? Wenn man dieser ernsten Frage näher tritt, findet sich vielleicht doch noch ein Mittel, um wenigstens theilweise diese große Noch und dieses himmelschreiende Elend zu lindern, und hiezu will ich im Nachfolgenden einen Fingerzeig bieten. Wenn ein nichtjüdischer Fabrikant, Kaufmann rc. einen Angestellten sucht, so lesen wir gleich in der ersten Zeile seines Inserates „Christ" oder „kein Jude", d. h. soviel, als dass er einen Juden absolut nicht mag. Unsere Glaubensbrüder aber beachten dies gar nicht, stellen lieber einen Nichtjuden an, und während tausende Nichtjudeu in jüdischen Fabriken oder Geschäften ihr Brod finden, schmachten ebenso viele Juden ohue Existenz, hungern oder — ergreifen den Bettelstab, da sie trotz Bildung, Kenntniße und Fertigkeiten keine Unterkunft finden können. Die jüdischetl Kaufleute oder Fabrikanten merken es gar nicht, dass sie, trotz guter Besoldung und Gewährung größtmöglichster Freiheiten an ihre nichtjüdischen Angestellten, von diesen nur mit scheelen Augen angesehen werden und sozusagen bezahlte Feinde im Hause haben; denn trotz Allem ist doch der Chef nur ein Jude! Das sociale und wirthschastliche Leben ist leider durch den Glaubens-, Racen- und Classenhass schon so arg vergiftet, und wir sind gewiss die Ersten, die dies bedauern, aber diese Zustände sind nun einmal ohne unser Verschulden da, und darum müssen wir auch alle Consequenzen derselben tragen, zumal es sich jüdischerseits eigentlich nur um einen Act gerechter Nothwehr handelt. Und wahrhaftig! Alle anderen Confessionen gehen uns mit gutem, eigentlich bösem Beispiele voran, folgen wir ihnen also! Wenn dann die Juden Oesterreich-Ungarns nur jüdische, oder in erster Reihe jüdische Buchhalter, Comptoiristen, Commis, Werkführer und Arbeiter aufnehmen möchten, wie viel Elend würde da verschwinden, wie viele jüdische Menschen wären vor Hunger gerettet, und binnen einer kurzell Zeit könnte ein Theil der jetzt bettelnden oder hungernden gebildeten Juden eine bescheidene Anstelluilg finden. Es liegt uns ferne, gleich unseren Gegnern den rücksichtslosen Raceukampf zu predigen, aber eine größere Rücksichtnahme als bisher sollten denn doch die jüdischen Fabrikanten und Kaufleute den jüdischen Erwerbsuchenden zuwenden. Und wenn auch der größte Theil dieser Juden erst einer Belehrung und Einführung in einzelne Zweige des Fabriks- und Geschäftslebens bedürfte und dadurch iu der ersten Zeit ihren Chefs vielleicht einigen Schaden brächte, so würden die letzteren durch das Bewusstsein, tausenden Juden Brod verschafft, sie vor Hunger, Noth, Elend und Bettelschande geschützt zu haben, weitaus entschädigt werden. S. S. vom Leopotdstädter Tempel. Die bevorstehende Besetzung der Obercantorstelle am Leopoldstädter Tempel hat einen Theil der Wiener Cnltnsgemeindemitglieder, die Leopoldstädter, aus der Gleichgültigkeit, mit welcher sie den sonstigen Vorgängen im Gemeindeleben gewöhnlich gegenüberstehen, aufgerüttelt. Für die einzelnen Candidaten bildeten sich größere und kleinere Parteien, die mit vielem Eifer für den Mann ihrer Wahl eilltraten, und vor einigen Tagen sprach eine Deputation Leopoldstädter Betsitzinhaber beim Präsidenten der Cultusgemeinde vor, um dem Vorstande bezüglich der Ernennung des Nachfolgers Goldsteins einen bestimmten Wunsch zu unterbreiten. Bei diesem Anlasse erklärte der Präsident, dass der Vorstand beabsichtige, die Betsitzinhaber zu einer Versammlung eiuzuberufen, und ihnen Gelegenheit geben wolle, ihren Ansichten und Wünschen öffentlich Ausdruck zu leihen. Es ist gewiss recht und billig, dass der Vorstand bei der Besetzung der Obercantorstelle sich mit den Balbatim ins Einvernehmen setzt und auf ihre Wünsche Rücksicht nimmt, ob aber die Einberufung der Versammlung die richtige Form hiefür war, das möchten wir dahingestellt sein lassen. Es scheint, dass der Vorstand hiemit ein gefährliches Präjudiz geschaffen hat, das leicht als ein Aufgeben seiner Competen; misdeutet werden könnte. Und factisch herrschte auch bei einzelnen Rednern, welche die Wahl des Obercantors am liebsten gleich in dieser Versammlung vorgenommen hätten, diese falsche Auffassung. Freilich wurden sie dann vom Vorsitzenden belehrt, dass diese Versammlung nur einen rein informativen Character habe. Der Verlauf der Versammlung, welche Donnerstag, den 24. d., 10 Uhr Vormittag, im Hotel „Continental", unter Vorsitz des Präsidenten, Herrn kais. Rath Heinrich K1 i n g e r, bei ungemein zahlreicher Theilnahme von Vorstands- und Gemeinde - Mitgliedern stattfand, war folgender: Der Vorsitzende dankte den Erschienenen, dass sie der Einladung des Vorstandes Folge geleistet, der in einer so wichtigen Angelegenheit die Meinungen der Betsitzinhaber zu hören wünsche. Nach dem Ableben des unvergesslichen Goldstein, dem Vorstand und Gemeinde ein ewiges Andenken bewahren werden, sei es die Sorge des Vorstandes gewesen, für ihn einen würdigen Nachfolger zu suchen, einen Obereantor, welcher der Bedeutung des Bezirkes und der .Bedeutung des Gotteshauses entspricht. Bevor nun der Vorstand, welcher bei seinen Berathungen von einer ausgezeichneten Fachjnry unterstützt wird, an die Wahl schreitet, will er den Gemeindemitgliedern Gelegenheit