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Die Wahrheit · 1900-05-25 · Heft 18 (25.5.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 18 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ieWahrHsit Nedaction u. Administiaiion: Wien, II/l, Novaragaffe 27. K k öfterr. Postsparccisia Check-Conto Nr. 8-16.251. 3 nfetaig : 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Unabhängige Aeitfchrift für Msch> Intere^en. Erscheint jeden Freitag. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Kolta: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!‘ £e$ugspmts: Ganzjährig . . . A. 12.— Halbjährig . ... fl. S — I Für Lultusbeamte: Ganzjährig .... fl. 10.— jl Für Ausland: l Ganzjährig .... 2 Mark j 6 Rubel oder IS Frcs. j Ar. 18. Wien, 25. Mai MV. Inhalt: Unsere Organisationen. — Zur Linderung der Judennoth. — Vom Leopoldstädter Tempel. — Moses Montefiore und Adolf Cremieux. Der junge Goldmark. — Gemeinde- und Vereinsbote. — I. Lachmann. — Ein Mäcen der jüoischen Tempelmusik. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. Die geehrten Abonnenten werden ersucht, den Abonnementsbetrag einzusenden und uns Adressen behufs Zusendung von Probeblättern gefälligst mitzntheilen. Die Administration. Unsere Organisationen. Unter Patronanz des Ekerns und savorisirt von der Negierung gewinnen die rückschlittlichen Parteien in Wien immer mehr an Boden in den commnnalen Vertreinngskörpern. Das beweisen neuerdings die in den letzten Tagen begonnenen Ergänznngswahlen für den Wiener Gemeinderath und die Bezirksvertretungen. Geleitet und fanatisirr von Hetzaposteln mit und ohne Toga zieht das „Volk von Wien" mit einer Begeisterung, die einer besseren Sache würdig wäre, zur Wahlurne, und die Siegeszuversicht, die es zur Schau tragt, wird durch den Erfolg leider nur allzufrüh bestätigt. Nüchsichtslose Agitation und Siegesfreude aus der eiuen Seite, Mnthlosigkeit und Resignation aus der anderen, ist das traurige Bild, das der Kamps der Rückschrittler mit den Fortschrittlichen bietet. Und in den Reihen der jüdischen Wähler, die im berechtigten Zweitel sind, ob sie - ihre Stimmen den mit den Deutschnationalen verbündeten Liberalen oder den Sozialdemokraten geben sollen, von denen sie gleichfalls bisher nur sehr fragliche Beweise ihrer Fudenfrenndlichkeit erhalten haben, herrscht Zerfahrenheit, Zersplitterung nnd Apathie. „Man darf die Wahlen in den Gemeinderalh nicht zu einer jüdischen Sache machen", so änderte sich jüngst ein ton-; angebendes Mitglied des Wiener Enltusvorstandes, der ein strammer Anhänger der liberalen Partei ist. Auch wir sind die-; ser Anschauung, wenn auch in anderem Sinne, nnd finden es begreiflich, dass es den Juden ganz gleichgültig sein kann, ob christlichsociale oder deutschnationale Antisemiten in der Wiener Räthsstube herrschen, und dass sie darum überdrüssig geworden : sind, den politischen Parteien gegen ihr eigenes Interesse Handlangerdienste zu leisten. Auch die immer mehr zunehmende j Erschwerung der Erwerbsverhältuiste, die wol zunächst die! Juden trifft, vermag es nicht, sie aus ihrer passiven Haltung! aufzurütteln, denn unter der Classen- und Rassenhetze leiden j nicht nur die Inden, sondern alle Bürger und Berufsschichten! der ganzen Stadt, ja sogar das gesammte Staatsweseu, und i es ist daher nicht Sache der Juden, sondern Ausgabe der Regierung, im Interesse der Allgemeinheit, dem gefährlichen Treiben der Wiener Demagogen ein Ende zu bereiten nno einen Ansgang ans diesen Wirrnissen zn finden. Die im politischen Kampfe zur Disposition gestellten jüdischen Kräfte fänden aber gerade jetzt in Anbetracht der bestehenden nnd noch weiter drohenden Gefahren ein dankbares und ergiebiges Feld für intensive und erfolgreiche Thätigkeil, wenn sie an der Aufrichtung ihres eigenen, morsch gewordenen Hauses theilnehmen und ihre Dienste den jüdischen Organisationen widmen wollten. Aber leider macht man auch auf diesem Gebiete recht traurige Wahrnehmungen. Wie zur Zeit des Niederganges des römischen Reiches das Volk nur nach „panem et circenses* rief und jedem höheren Streben rheilnahmslos gegenüber stand, scheint auch die Wiener Judenschaft in einem gleichen Banne zu liegen. Während man Wochen hindurch jeden Freitag Abend Hunderte und Tausende, nicht nur aus den unteren Schichten sondern auch aus den mittleren und höheren, in den Leopoldstädter Tempel eilen sah, um nur rechtzeitig ein Plätzchen zu erringen und den erwarteten Ohrenschmaus von dem jeweiligen, zum Probevortrage eingeladeneu Cantor zu geniesten, landen wir fast ausnahmslos iu den Berfammlungslocalen der jüdischen Vereine, denen allen nur recht kleine Räume zur Verfügung stehen, eine erschreckende Oede und Leere. Dorr ein starkes Aufgebot von Wache, um den massenhaften Andrang abzuwehren, hier ein einzelner, sehnsüchtig ausschauender Vereinsdiener, der ganz beglückt jedem sporadisch eintrelenoen Mitglieds und Nichtmitgliede die Präsenzliste eiugege r hielt, bi s nach langem Warten endlich die Beschlussfähigkeit der Versammlung constatirl werden konnte. Wir wollen gewiss nicht unseren Glaubengenossen die lebhafte Theilnahme am Gottesdienste zum Vorwürfe machen, wollte Gott sie wäre unter gewöhnlichen Umständen und in allen Synagogen eine ebenso rege und anhaltende; aber die gegen« theilige Beobachtung, die sich uns bei den diversen, in letzter Zeit abgehaltenen Jahres- und Generalversammlungen der Wiener Allianz, der österr. israel. Union, des politischen Volks- Vereines, des jüd. Gewerbevereines, des Vereines zur Unterstützung jüdischer Handwerker, und wie sonst die Vereine alle heisten mögen, aufdrängte, gibt zu ernstem Nachdenken Anlass. An der allgemeinen Theiluahmlosigkeit scheint nicht nur das Publikum, sondern auch die mangelnde Organisation der Vereine

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