Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 17 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Mahrheit. Nr. 17. reichen Thätigkeit auch diesem wichtigen Gegenstände seine Aufmerksamkeit zugewendet hat. Auf dem Gemeindetage am 16. Oct. v. I. ist von dem Liberalen Verein in Breslau der Antrag eingebracht worden, der Gemeindebund möge dahin wirken, dass möglichst bald im Anschluss an eines der in Deutschland bestehenden Lehrerseminare eine Anstalt zur Ausbildung von jüdischen Cantoreu errichtet werde. Herr Director Dr. Holzmann, unter dessen geschickter und gewissenhafter Leitung das Berliner Seminar zu grosser Blüthe gelangte, der für seine Zöglinge nicht nur während der Seminarzeit, sondern auch später noch, wenn sie längst im Amte sind, ein warmes Interesse an den Tag legt, sührte mit Recht in seinem Referate aus, dass die in dem Anträge gestellte Forderung von der Lehrerbildungsanstalt in Berlin seit circa 40 Jahren bereits erfüllt werde. Dr. Holzmann führte als Beweis dafür die Thatsache an, dass eine grössere Anzahl der Zöglinge des Seminars in großen Gemeinden zur Zufriedenheit derselben als Cantoren wirken. Es sei mir aber hierzu die Bemerkung gestattet, dass der überwiegend größere Theil dieser Cantoren Ausländer sind, und diese aus Polen, Russland, Oesterreich-Ungarn, Mähren, Galizien stammenden jungen Leute bringen aus ihrer Heimat soviel Fachkenntnisse bereits mit, dass bei ihnen der Unterricht im Cantorfache, den sie während ihrer Seminarzeit genießen, wohl ausreicht. Herr Dr. Holzmann wird es aber mir, der ich eine fast ZZjähtige Eriahrung hinter mir habe, nicht verargen, wenn ich behaupte, dass, so sehr ich den Unterricht in den verschiedenartigen Zweigen des cantoralen Faches im Seminar anerkenne, ich ihn für aus Deutschland stammende Seminaristen dennoch nicht für ganz ausreichend halte. Mit der Kenittnis des Kol Rinna und einer Anzahl Gesänge ans den Werken anderer Meister sind die Zöglinge noch keine Cantoren, welche den Ansprüchen größerer Gemeinden Rechnung zu tragen im Stande sind. Da sie nicht wie ihre Collegen aus den oben angeführten Ländern von Jugend aus große, gute Cantoren gehört, an deren Vortrag ihr Geschmack sowie ihre Phantasie sich gebildet hätten, so halte ich es für dringend nöthig, dass sie schon während der Seininarzeit und nach derselben in einem Fortbildungskurse von einem tüchtigen Fachmanne in den liturgischen Gesängen unterrichtet werden, der ihnen auch zum freien Recinren Anleitung gibt. Herr College Friedmann hatte Recht, wenn er auf dem Gemeindetag sagte: „Nicht die Noten, die in den Werken stehen, sollen gelehrt werden, sondern der Geist derselben, und dieser Unterricht muss eben einem Fachmanne übertragen werden. Zum Schlüsse möchte ich noch einen Punkt berühren, den Herr Dr. Reich aus Breslau besonders betonte. Er meinte, der Gemeindebund habe sich bis jetzt nur mit den Leiden der kleineren Gemeinden beschäftigt, und soll nun für den Nothstand der großen Gemeinden inleressirt werden. Herr Dr. Reich verlangt, dass man deutsche Jünglinge veranlasse, als Cantoren für die großen Städte sich ausbilden zu lassen, wo sie nur Cantoren und keine Lehrer sind. A gesehen davon, dass die großen Gemeinden vermöge ihrer reichen Mittel ohne Hilfe des Gemeindebundes sich alles leisten können, sehe ich nicht ein, warum nicht der Canter einer großen Gemeinde Lehrer sein soll. Kenne ich doch eine Anzahl vorzüglicher Cantoren in großen Gemeinden, die zugleich auch Lehrer sind. Selbst mein Freund Birnbaum, der unter den deutschen Cantoren sowohl als Musiker wie als Sänger und besonders als Forscher eine hervorragende Stellung einnimmt, ist Lehrer in einer so bedeutenden Gemeinde wie Königsberg. Ich stehe ganz auf dem Standpunkte, den Herr Dr. Vogelstein auf dem Gemeindetage in dieser Frage vertreten hat. Er sagt treffend, der Cantor soll mehr sein als ein Opernsänger (und ich möchte noch die Bemerkung hinzufügen, als sich selbst dünkender Opernsänger, —) er soll die genaue Kenntnis der einschlägigen Litteratur sich angeignet haben, und soll der Gemeinde gegenüber durch sein ganzes Auftreten den Eindruck eines gebildeten Menschen machen. Endlich ist auch Dr. Vogelsteiu der Ansicht dass die Ausbildung der Cantoren nicht nur tüchtigen Musikern, sondern auch practischen Cantoren übertragen werde. Dank der Anregung des Liberalen Vereins in Breslau, dank dem Gemeindebunde, der sich der Sache annimmt, dank Herrn Director Dr. Holzn ann, der derselben so warmes Interesse entgegenbringt, sindnun zur weiteren Fortbildung auf diesem Gebiete Curse geschaffen,, die sowohl den Gemeinden als den Cantoren in Deutschland sicher zum Segen gereichen werden und denen tvir das Beste wünschen. Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat dem Componisten Carl Gold mark, welcher derzeit in Gmunden ist, anlässlich seines am 18. d. stattfindenden 70. Geburtstages eine prachtvoll ausgestattete Adresse übersendet. Wien. Der Bethausvorstand der Wiener Culusgemeinde hat an den Obercantor der türk, israel. Gemeinde, Herrn Jacob Bauer, eine in überaus anerkennenden Worten gehaltene Einladung zu einem G a st - vortrage im Leopoldstädter Tempel gerichtet. Da dem Vorstande der türk. Gemeinde die Abhaltung eines solchen Vortrages nicht genehmerschien, sah sich Obercantor Bauer mit Rücksicht auf seine langjährige anerkannte Wirksamkeit in seiner Gemeinde veranlasst, die ihn ehrende Einladung dankend abzulehnen. Wien. (Das jüdische Museum an Carl Go ldm a r k). Anlässlich des 70. Geburtstages G o l d m a r k's hat das Curatorium des jüdischen Museums folgende Adresse au den berühmten Toukünstler gerichtet: Hochgeehrter Herr! „Jti weihevoller Stimmung feiern wir heute Ihren 70. Geburtstag und begrüßen mit hellem Klang die Stunde, in der Sie das Licht der Welt erblickt. Begeistert von der Allgewalt der Töne, mit der Sie unsere Herzen zu rühren velinochten, erkennen wir in der Musik die edelste, reinste, erhabenste aller Künste, die wie keine andere dem Fühlen und Denken nicht nur eines Individuums, sondern auch eines ganzen Volkes Ausdruck zu verleihen vermag, die wie keilte andere Jedem, der nur die Empfänglichkeit hiefür besitzt, die wonnigsten Gefühle, die innigsten Empfindungen vermittelt, und die wie keine andere ihre Meister zu wahren Wohlthätern und Tröstern der Menschheit erhebt. Als ein gottbegnadeter Künstler haben Sie die Gewalt über die Töne und mit ihr die Herrschaft über die Gefühle der Menschen erhalten und . Sie üben sie mit jener idealen Reinheit aus, die nur dem wahren Meister zu eigen ist. Sie leuchten aber nicht nur durch Ihre eigene Individualität als Stern am Kunsthimmel, Sie haben auch als treuer Sohn unseres Stammes nationale Klänge anzuschlagen, herrliche historische Erinnerungen ans unserer Geschichte in von orientalischer Farbenpracht und südländischer Gluth erfüllte Töne zu fassen gewusst. Sie haben als Musiker den Juden nicht verleugnet undden Beweis erbracht, dass in unserem Volke das ideale Streben tief im Innersten, in seiner Geschichte, in seinem ganzen Wesen wurzelt. So wie tvir gleich aller Welt Ihre Kunst bewundern und verehren, so sehen wir uns als Mitglieder unserer Gesellschaft besonders verpflichtet, dem Manne zu huldigen, der den jüdischen Namen auf dem Gebiete der Musik zu hohen Ehren gebracht,., und nicht nur ein Schöpfer neuer Melodien, sondern auch ein Schätzer der alten geworden ist. Hiesür und für die hohen geistigen Genüsse, die Sie uns, mit freudigem Sinne unsere- Bestrebungen fördernd, geboten haben, nehmen Sie unseren, herzlichsten Dank entgegen. Der Allmächtige erhalte Sie noch ungezählte Jahre der Kunst, Ihrer Familie, unserem Volke und unserem Vereine, die alle in Ihnen den edlen Meister, den theuersten Sohn, den besten Anhänger verehren." Wien. Donnerstag, den 18. d. M., halb 3 Uhr Nachmittags^, fand im Tempel in der Seilenstettengasse die Trauung des Fräulein Ella G r ü n f e l d mit Herrn Dr. Luc. Stolper statt. Die Braul