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Die Wahrheit · 1900-05-18 · Heft 17 (18.5.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 17 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.- Ungar. Kantoren-Ieitung. Ir. 17. Meil'age zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 20. Zahrg. Me Entwickelung des jüdischen Lantorates von der Mitte des achtzehnten dis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Von Obercantor I. Singer in Wien. V. (Fortsetzung.) Der greise, sehr verdienstvolle Obercantor der Amsterdamer Synagoge, Isaak H etpnnn n, veröffentlichte unter dem; Titel »8obire todo loel*‘ vier der Königin Wilhelmine der! Niederlande gewidmete Psalmen für Männerchor, welche nebst! einer farbenprächtigen, harmonischen Ausgestaltung auch in allen! Stimmen eine dankbar anzuerkennende Fülle leicht dahin sprudeln-! der Melodien ausweisen. Diese liebenswürdigen^componistischen! Qualitäten bilden gleichsam die Signatur ihres seit vielen j Decennien, sowohl in seiner Gemeinde selten beliebten und i geachteten als auch von seinen College,, wegen seiner Biederkeit! und seines warmen Interesses für gemeinsame cantorale Ereignisse i allgemein hochverehrten Schöpfers. Für Gelegenheitsaufführnngen j bei Jubiläen rc. können die vorliegenden Compositionen bestens j empfohlen werden.! Die beiden achtungswerthen Leipziger Cantoren und Lehrer! L. Liebling und B. Jakobsohn veröffentlichten im Jahre > 1880 unter dem Titel „8ohh'6 bes jaakow“ eine Sammlung j ein- und zweistimmiger Synagogengesäuge für Cantor und Chor. Das trefflich zusammengestellte Büchlein weist in feinen! 165 Nummern zumeist Transcriptionen von Gesängen aus dem! Schir-Zion, ferner von Lewandowski, Deutsch, Hessel. Freuden- 1 thal ans und enthält aber auch viele treffliche Originalschöpfnngen der beiden Herausgeber, welche in selten collegialer Einmüthigteil seit Decennien das Leipziger Cantorat ehrenvoll versahen und von denen Herr College Jakobsohn am 1. März 1899 j unter wohlverdienten, allgemeinen Ehrungen fein 25jähriges Amtsjnbiläum feierte. Das Büchlein „Sehire bes jaakow“ kann, wenn auch zuvörderst für Deutschland berechnet, als eine auch für allgemeine Verhältnisse instructive Schöpfung gelten; und wird, namentlich Gemeinden mit beschränkten Synagogenchören, als treffliches Handbüchlein sehr willkommen sein. Von Moritz Sonntag, Obercantor in Temesvar, erschien im Jahre 1891 und 1892 je ein Heft gottesdienstlicher Gesänge für Eosob haschonoh. Der geehrte Herausgeber bezeichnet diese Composition in der beigegebenen Vorrede als bescheidene Arbeiten; wir jedoch fühlen uns bemüfsigl, die vor- > liegenden Ausschreibungen, namentlich die ausgezeichnete Durch-! arbeitnng von Nalebios, Sichronos und 8obokros-Recitativen, i nebst einschlägigen Chören, als überaus bemerkenwerthe Compoj sitionen zu bezeichnen, welche auf dem Gebiete des in steter; Abnahme begriffenen traditionellen Recitativs eine bedentungs-! volle Lücke auszufüllen geeignet sind. Abgesehen davon, dass die j genannten, wie auch die im zweiten Hefte vorfindlichen Arbeiten TJnesaneh tokef, uweschofor godol, kwakoras, broscli; •haschonoh rc. beim Aufführen eines großen Erfolges sicher ■ sind, führen uns dieselben märchenhaft einschmeichelnd in eine der jetzigen Generaiton beinahe unbekannte, nunmehr längst entschwuni dene Tonwelt, welche uns in trefflicher Durchführung die Art und Weise offenbart, wie unsere Altvorderen gesungen und gesagt haben. Die harmonische Gewandung hätte allerdings etwas weniger modern sein können, allein auch nach dieser Richtung gibt sich der Componist redlich Mühe, der alten Struktur des Lntervallenverhälmisses gerecht zu werden, wie aus der kurzen -Orgelüberleitung von Gweschokor godol zu Kwakoras mit Genugthuung zu ersehen ist; mit Ausnahme eines einzigen Cis ist diese Orgelüberleitung in den leitereigenen Intervallen 8. F. Gis A. H. C. D. E. gearbeitet und selbst dieser obligatorisch dünkende Leitton Gis erscheint vollständig unnöthig, wenn das Tonstückchen nicht auf der V-inoN-8oa1a, woraus es trotz der Vorzeichnung und Anlage nicht basirt, sondern nach dem Intervallengefüge E. F. Gis A. H. C. D. E. gearbeitet wäre*). Wir machen aus diese, uns vorliegenden, etwas an die Jude Lee b'sche**) Gesangsmanier erinnernden Aufzeichnungen nachdrücklichst aufmerksam und leben der sicheren Ueberzeugung, dass jeder jüdische Cantor, der im Rückblicke ans die Tradition einen Anknüpsuugspuukt für das weiter zu Gestaltende stnoet, diese beiden von Sonntag herausgegebenen Heste nicht allein seiner Bibliothek einverleiben, sondern den Inhalt derselben auch mir großer Befriedigung studireu wird. Auch von dem an einer der Temesvarer Synagogen seit Decennien verdienstoll wirkenden Obercantor L ö w e n h er; sind einzelne Compositionen im drucke erschienen. Herr Ferdinand Singe r, diploin. Musiker, veröffentlichte im Verlage der Pefter Bnchdrnckerei-Actiengesellschast ein Heft, vier Freitag Abendgesällge, L’ehododi, Adonoj moloch, Adon olora uub im Anhänge Adoa olom und schomoi* wesochor für kleinen Chor enthaltend, welche, sowohl im Ansbane als in der musikalischen Durchführung zwar etwas opernhast anklingen, jedoch als blendend wirksame Anffnhrnngsnnmmern bezeichnet werden müsse,:. Der Coinponilt bekundet tüchtige musikalische Kenntnisse und ein seltene Beherrschung der Form; eine Specialität des Autors scheint es zu sein, Richard Wagner'sche Harmouisiruug für den Synagogengesang zu verwenden, welches Vorkommnis gleichfalls für die autoritative Verwaltung musikalischer Behelfe spricht. Es wäre zu wünschen, dass der Componist noch mehrere seiner Mnsikschöpfnngen der Veröffentlichung entgegenführte. Auch von dem in Prag seit vielen Jahren als Musik- und Gesangslehrer sehr geschätzten Obercantor Maller st ei n sollen vereinzelnte Syuagogencomposiriouen veröffentlicht worden soin, die uns sedoch nicht vorliegen. Von Obercantor Emil Brod ist ein im Berlage von Pascheles in Prag erschienenes Predigtlied „In stiller Andacht" zu verzeichnen. Von Obercantor Schmulowitz (Szanto) in Raab sind zwei feierlich klingende und gut verwendbare Piecen : Adon oloni in Es-dur und Keduscha in A-dur vorhanden, und Obercantor Jakob G r o ß k o p f in Frankfurt a. M. widmete Herrn Obercantor Lazarus in Budapest ein etwas balladenhaft auklingendes Hochzeitslied für eine Singstimme mit Orgel- oder Clavierbegleitung. (Fortsetzung folgt.) Canloren-Cnrse. Von Obercantor Sarasohn in Stettin. Am 3. v. M. haben in Berlin llnter Leitung des rühmlichst bekannten Mustkdireccors William Wolff und des ebenso tüchtigen als bewährten Cantors A. Friedmann die Fortbildungscurse für jüdische Cantoren begonnen, und der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" darf des wärmsten Dankes aller betheiligten Kreise sicher sein, dass er neben seiner sonst so segens- *) Der Componist zeichnet nämlich ein B vor, trotzdem er sich bemüffigt fühlt, sämmtliche B nach H aufzulösen. **) Berühmter orthodoxer Chasen in Lemberg und Budapest.

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