Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 17 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit. Seite 7. Äus jüdischen Äerstekreisen.! (Schluss.) * Können sie gegen solch' empörende Thatsachen etwas thnn?! Ja, lautet die Antwort. Ich sage: „gehet hin und thuet des-! gleichen!" Die Noth fordert es und die Solidarität, zu welcher! wir allzeit vertlrtheilt sind. Nehmet zu Euren Vertretern möglichst Juden. Möchten vor allem auch die Herren Professoren 1 und Docenteu, die Leiter von Kliniken und Polikliniken; jüdischen Glaubens in Anbetracht der zwingenden Noth möglichst , mit leuchtendem Beispiel vorangehen und, so weil thuulich, Juden zu ihren Hissärzten machen. Leider gibt es aber gerade unter. den Herren Professoren solche, die fast ängstlich meiden, die : Assistentenstellen an Juden zu vergeben, oder ganz principiell Juden nicht annehmen. Darüber zu urtheilen, ist wohl überslüssig, , ich überlasse das dem verehrten Leser. Wie im privaten Leben des einzelnen Arztes, so spiegeln sich diese Dinge auch im Vereinsleben wieder. Ich erinne. e an die Widerwärtigkeiten, welche sich vor nicht langer Zeit in der; Residenz bei Aerztevereinswahlen abfpielten, wobei nun die * jüdische Confession verschiedener Herren stark mitnahm, so dass : Geheimrath Eulenburg in der ,/Deutsch, med. Wochenschrift" sich zu einer jeden anständig Denkenden mit Befriedigung erfüllenden Erklärung veranlasst sah, worin er dagegen protestirte, .dass Standesfragen etwas mit der Confession zu thun haben. Wir wollen mm weiter keine- Statistik üben; es rvürde über den Rahmen dieses Aufsatzes hinausgehen. Es sei ander-; seits rühmend hervorgehoben, dass es zum Glück doch auch jüdische Aerzte gibt, die bei solchen Anlässen mit offenem Vesir : kämpfen und kräftige Abfuhren austheilen, wie kürzlich College Alexander in Berlin, ein streitbarer Kämpe für Freiheit und Recht. Ueberhaupt zeugen die Zustände in den Aerztekreisen der Residenz deutlich davon, dass dort unter den Collegen in großen Fragen Einmüthigkeit herrscht. Die Inden sind in solcher Anzahl im Aerztestande vorhanden, dass sie vor Allem ihr Augenmerk auch darauf richten sollten, Sitz und Stimme in den mit weitgehenden Befugnissen ausgestatteten Kammern zu erhalten, aber auch in den Localbezw. Bezirksvereiueu des Aerztevereiusbundes. Aber da hapert es in mauchen Bezirken außerordentlich! Geradezu jämmerlich ist es in der Rheinprovinz und den Hohenzollern'fchen Landen damit bestellt. — Nicht ein einziger Jude, weder in der Aerztekammer, noch in den Vorständen der Bezirksvereiue! Das liegt in der Hauptsache au den jüdischen Collegen selbst. Dass consessionelle Fragen auch bei diesen Wahlen in Betracht gezogen werden, weiß Jeder, der gelegentlich au Vorbesprechungen theilgenommen hat. Wir müssen mit Thatsachen rechnen; konfessionelle Unterschiede bestehen auch in unserem Staude, sogar in hohem Maße, wir müssen uns unserer Haut Mehren mit allen Mitteln, wir sind die leidende Partei. Die jüdischen Aerzte, fpeciell da, wo sie in größerer Anzahl <oncentrirt sind, sollen alle Sonderinteressen fallen lassen, sich .zusammenschließen, sie sollen zeigen, dass sie Juden sind, — iJndifferentismus ist das Schlimmste. Treu Zusammenhalten, da wo es sich um wichtige Dinge innerhalb des Standes, um Wahlen, handelt und ihre Stimmen auf Juden vereinigen! Sonst wird es um die Stellung der jüdischen Aerzte von Tag zu Tag schlimmer bestellt. Man wird, wo man kann, sich über sie hermachen, ihnen, ohne dass man dagegen angehen kann, den Erwerb, auf den Jeder, der isst und trinkt, angewiesen ist, mehr und mehr unterbinden. — Das hat dann zur Folge, dass sich junge jüdische Collegen veranlasst sehen, wie das seiner Zeit bei dem Streik der Cassenärzte in Elberfeld-Barmen vorkam, aus reiner Noth Stellungen anzunehmen, die sie mit ihren Eollegen in directen Conflict brachten. Und wie wurde es ausgebeutet in der allgemeinen und Fachpresse, dass sich vornehmlich Eollegen jüdischen Glaubens dazu bereit gefunden hatten. Sie wurden als die Verräther des Standes und der Standesehre Hingestellt. — Die Vorboten sind also da! Möchten doch vor Allem auch diejenigen Collegen unteres Glaubens, die in einflußreichen Slelluugeu sich befinden, ihren Tbeil dazu beitragen, dass diese Seuche in unserem Stande nicht um sich greift. — Heraus aus der Reierve. wo mau uns mit offener Feindschaft begegnet! Wir steheu unteren Manu; aber nur Eiitigkeil macht stark! Und nur unser Glaube vereint uns, wir mögen es sfen gestehen oder nicht. Allch wir Aerzte sind deutsche Staatsbürger, aber jüdischen Glaubens. — Dies wird nie anders werden, aber wir wollen uns die uns gebührende Achtung verschaffen und nicht uns unter die Füße treten lassen. Mit dem Gefühle der Genugthuung empfinden wir es, dass jüdische Männer in den ersten Reihen unserer Wissenschaft stehen, dass sie die gesuchtesten Aerzte sind, aber wir fühlen anch beu Stachel, dass sie trotzdem iticht gleichberechtigt erachtet werden mit den Anderen, da man im weiteil deutschen Lande in der me'diciuischen Facultät, fpeciell in Preußen, die mit der Laterne suchen kann, deren Visitenkarte die Wörtchen O. ö. Pro essor ziere '. Mögen Viele sagen, dass es früher noch schlimmer war, das befriedigt uns nicht. Wir haben ein Recht zu fordern. Es drückt unserer Zeit den Stempel ans, dass wir bei Anbruch des neuen Jahrhunderts noch nicht so weit gekommen sind, dass man den um die Wissenschaft hochverdientesten jüdischen Gelehrten die höchste Würde der akademischen Lehrcarriere einräumt. Ja leider ist es wahr : Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselde. Ich aber rufe meinen lieben Collegen jüdischen Glaubens zu. Seid einig, einig, einig! Gemeinde- und Vereinsbote. Wien (K u n d in a ch u n g.) Der gefertigte Cultusvorftaitd bringt hiemit zur K minus, oafs auf Grund oes 97 des Statutes der ifräel. Cultnsgemeinoe Wien die Rechnnngsabichlüsse über die Einnahmen und Ausgaben der Cultusgemeinde und fämmtlicher unter Gemeindeverwaltung stehender Foude und Anstalten für 1899 vom heutigen Tage ad durch 14 Tage im Secretariate (L, Seitenstellengasse 4, 2. Stock) zur Einsicht der Gemeindemirglieoer anfliegeu. Die öffentliche Vorstaudsfitzung zur Erledigung der Rechnungsabschlüsse wird auf Sonnt rg, den 27. d. M., Vormittag 10 Uhr, Sitzungssaal der israel. Cultusgemeiude, I.. Seitenstetlengasse 4, 2. Stock, anberaumi. Der Vorstand der israel. Cultusgemetude Wien. Wien. (C o n f i r m a t i o u der Mädchen in den G e m e i n d e t e m p e l n der israel. C u l t u s g e in e i n d e.) I., Seiteustettengasse 4, Sonntag, den 20. Mai, 10. Uhr Vormittags. — XV., Turnergasse 22, Sonntag, den 20. Mai, 10 Uhr Vormittags. — II., Tempelgasse 5, Donnerstag, den 24. Mai, 10 Uhr Vormittags. — XVI., Hubergasse 8, Sonntag, den 27. Mai, 10 Uhr Vormittags. Der Vorstand der israel. Cultusgemeinde. Wien. Sonntag, den 13. d., fand im Sitzungssaale der Cultusgemeinde die 27. Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" unter Vorsitz des Präsidenten, Herrn David Ritter v. Gutmann, statt. Nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes durch den Secretär, Herrn Dr. Friedr. S. Krauß, in welchem auf die mannigfachen Actioneu der Allianz hingewiesen wurde, eröffnete der Vorsitzende die Discussion, indem er Herrn Dr. Theodor Herzl das Wort ertheilte. Im vorigen Jahre — so führte der Redner aus — habe er über den Zionismus gesprochen, aber damit gerade keinen großen Erfolg erzielt. Das wolle er diesmal unterlassen. Dagegen dränge es ihn, den Vorstand der Allianz um eine Aufklärung zu ersuchen. Im Berichte sei unter Anderem die Rede von Hilfe suchenden rumänischen Glaubeusgenosfen, denen die Rückkehr untersagt sei und denen, soweit die Kräfte der Allianz reichten, geholfen wurde, um sich im Auslande eine Existenz zu gründen. Nun befinden wir uns bezüglich Rumäniens vor einer Katastrophe. Dort stehen die Juden vor einer nothgedrungeneu Altswanderung. Es herrscht in Rumänien ein wirthschaftlicher Nothstand ohne Gleichen, der au^