Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 17 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. Ohne sophistische Spekulationen darf man ruhig behaupten, dass der von gegnerischer Seite so oft gehörte Einwand: Der Zionismus wolle alle Juden nach Palästina bringen, vor dem Wortlaute und dem Sinne der soeben herangezogenen Programmes nicht Stich halten kann. Wenn dem aber fo ist, dann besteht auch für die Zionisten die Pflicht, ihre Rechte als Staatsbürger dort zu vertheidigen, wo sie a n g e g r i f f e n, s i e zu v e r t r e t e n, d o r t wo s i e g e s e tzl i ch dazu berechtigt sind. Denn, je mehr sich Die Zionisten in parlamentarisch regierten Ländern stärken, umsomehr sind sie in der Lage, denjenigen Inden zu helfen, die zur Auswanderung gezwungen sind. Als treffendes Beispiel brauchen wir nur auf England und Amerika zu verweisen. Nirgend in der Welt sind die Juden mehr beschützt als dort, aber auch nirgends gewinnt die zionistische Bewegung mehr an Boden, wie gerade in diesen beiden Ländern. Wer Zeitungen liest, kann sich von dem, was wir eben behaupteten, überzeugen. Was wäre — nein, wir sagen: was ist null die Pflicht der Zionisten in Oesterreich? Zu sorgen, dass die aus dem. Papier stehende Gleichberechtigung zur Wirklichkeit werde. Und das geschieht durch die m ö g l i ch st intensive Betheiliguug bei allen politischen Fragen und an allen politischen Wahlen. Wohlverstanden: Nicht als Zionistelt sollen sie das thun, auch nicht als nationale Juden, sondern als Juden, denen die gleichen staatlichen Rechte und Pflichten gesetzlich in gleichen Masten zuerkannt sind rvie allen übrigen U n t e r t h a n e n des u a l i o n e n r e i ch e n habsburgischen Reiches. Thun das die Juden nicht, so degradieren sie sich selbst, sie stellen sich selbst aus diejenige Stufe zweitklassiger Staatsbürger, welche seitens der Judenfeinde für sie geschaffen. Nun aber wird man uns fragen: Was für ein Unterschied besteht dann noch zwischen Zionisten und „Jüdischer Volks - Partei?" Was soeben vorgeschlagen, ist doch der letzteren Programm? Warum gehen Beide nicht zusammen in Fragen der inneren Politik? Die Fragen sind scheinbar berechtigt. Aber auch nur scheinbar. Denn in der That existiert zwischen den beiden Parteien eine schier unüberbrückbare Kluft. Die „Jüdische Volkspartei" treibt reale Politik, die Zionistische reale und ideale. Würde die „Indische Volkspartei" erklären: „Wir find zwar nicht der Meinung der Zionisten, dass Nation und Land untrennbar sind, aber wir wollen Euren Bemühungen nicht hindernd in den Weg treten. Thut was Ihr könnt, das Basler Programm auszusühren, undwenn Ihr solveil seid, wollen wir darüber weiter reden" — wenn das die „Jüdische Volkspartei" offen und ehrlich erklärt und zwar in einer Weise, die jeden Zweifel ausschließt, als könne aus einer solchen passiven Freundschaft einmal eine mehr oder minder active Opposition werden, dann dürste eine Verständigung dieser beiden nationalen Parteien möglich sein. Wir sind weit entfernt zu behaupten, dass die „Jüdische Volkspartei" autizionistisch gesinilt sei. Keineswegs. Aber die Möglichkeit ist nicht abzulengnen, es könne eines Tages eine Mehrheit vorhanden sein, die — aus welchen Ursachen auch immer — der zionistischen Bewegung Opposition machen, sie oder einzelne ihrer Führer bekämpfen würde. Dann hätte die zionistische Parthei eine Schlange an ihrem Busen großgezogen. Und diese Möglichkeit muss absolut ausgeschloffen sein. Damit kommen wir auch zu der Frage, die Vielen nebensächlich erscheinen mag, es aber durchaus nicht ist: Die Frage der Führerschaft in der i n n e r e n P o l i t i k. In beiden Parteien sind Männer, die sich ihre Sporen redlich verdient haben, aber — die zionistische Partei ist die numerisch stärkere und sie verfügt über organisirte Massen, namentlich in Galizien. Trotzdem sind wir dafür, dass man die Männer nehme, wo malt sie findet. Männer, die wissen, was sie , wollen und bereit sind, als Juden für Juden zu kämpfen, zu siegen — oder auch zu unterliegen. Diese stelle man an die Spitze von jüdischen politischen Vereinen, in denen die Juden der österreichischen Monarchie vereint ihr Recht erkäinpfen, in dem Bewusstsein, dass es nicht nur für sich geschieht, sondern, dass je besser die Lage der Juden Oesterreichs sich gestaltet, desto eher die Möglichkeit geboten ist, dass denjenigen Glaubensbrüdern und Volksgenossen geholfen werden kann, die sich selbst nicht Helsen können, wenn sie, auch wollten. Gekämpft muss werde n, darüber herrscht Klarheit. Darum aber: mit vereinten Kräften! Samueli. Carl Goldrnartr's 70. Geburtstag. Zum 18. Mai 1900. j Wir erachten es als wahrhafte Herzensfreude, den 70. j Geburtstag des hochverehrten Meisters schon heute initznseiern,! trotzdem nach einer authentischen Anszeichnnng dieser Tag erst! am 18. Mai 1902 zu feiern wäre, und wünschen nur, dass! wir noch lange Veranlassung haben möge», an diesem Ehrentage j herzlichen Antheil nehmen zu können. Die jüdischen Eantoren i haben nicht allein die Pflicht, sondern auch das volle Recht,! diesen Tag zu feiern; denn die Wiege des nun berühmten! und hochverehrten Meisters stand in einen Eantorhause, u. z.! in dem des weitberühmten Keszthelyer Ehasen Simche Rüben j Goldm a r k. j Es ist eine bemerkenswerthe Gepflogenheit, dass die! Söhne moderner jüdischer Eantoren zumeist einen anderen als; den cantoralen Berus wählen, so auch bei Earl Goldmark,! trotzdem ihn zwei bedeutungsvolle Berührungspunkte gleichsam! als Vorbedingung für die erwähnte Laufbahn prädestinirteu.; Für's Erste das Elternhaus, wo ihn von zartester Jugend an! die heiligen Genien des Synagogengesanges umgankelten, sich! in das empfängliche Herz des Knaben einschmeichelten undjdie unbej stritten als die allerersten Grundpfeiler seiner spateren herrlichen I Kunst erachtet werden müssen. Später aber auch die bedentungs-! volle Periode, allwo er als ausgezeichneter Dirigent des Zion-! Vereins-Chores in direkte Beziehung znm Synagogengesange! trat. Dass Goldmark sich trotz alldem und trotz der andrängen-! den Lebenssorgen später ganz von dem eingeschlagenen Pfade! ab- und der gigantischen allgemeinen Musik zuwandte, ist vom! synagogaleu Standpunkte sicherlich zu bedauern, vom allgemeinen > aber, im Hinblicke ans seine nachmaligen, ganz anßerordent-! lichen Knnstschöpsungen, nur zu begrüßen.! Wer, wie Goldmark, unsterbliche Werke, wie die Opern! „Königin von Saba," „Merlin" und „Heimchen am Heerde,"! Orchesterwerke und Streichmusik, wie „Ländliche Hochzeit," „Sa-! knntala"-Ouverture, das Violinconcert, das Claoierquintett, die! vier Concertouvertüreu und eine stattliche Anzahl von Liedern,! welche Werke insgesammt zu allgemeiner Anerkennung gelangten,! schns, dem darf es wohl nicht übel gedeutet werden, wenn sein j Schaffensdrang in der engen Umfriedung des Synagogengesanges kein Genügen fand. Zn beklagen ist es nur, dass der einstige Cantorssohn, der bei allen andrängenden Verlockungen bis heute in hochzuwürdigender Weise ein treuer Auhänger seines Glaubens blieb, neben seiner in das große Musikleben hineinbrausen-! den mächtigen Leier, nicht auch einige bescheidene Tonwellen an I seine Kirche, an die Synagoge zu verabreichen hatle.! Carl Goldmark, der einstige Cantorsohn, der nachmalige j Mufiklehrer, hat unter Plackereien und Entbehrungen, unter! Noch und Drangsal den weiten Lebensweg durchschritten, bis er, trotz seiner sprichwörtlich gewordenen Bescheidenheit, allein durch sein Können und Leisten zur Höhe gelangte. Durch sein ganzes Leben wuchs und erweiterte sich seine herrliche Kunst, inte ein großer Strom dem Meere zueilend, welches ihn, gleich andern großen Strömen liebevoll in sich ansgenominen, und wenn Carl Goldmark am heutigen Tage, inmitten der ihm entgegengebrachten, so sehr verdienten Ehrungen, nur für einen Augenblick sein geistiges Auge aus jenes bescheidene Cantorhaus in Keszthely richtet, wo er das Licht der Welt erblickte, so wird er es auch zu würdigen wissen, wenn die jüdischen Eantoren, als Vertreter der synagogalen Musik, dem Meister der Tonkunst ihre herzlichsten Segenswünsche entgegenbringen. Obercantor Singer, Wien.