Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 17 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17. Die Wahrheit. Seite 5. Kundgebungen gegen die „Blutbeschuldigung". Nur zweierlei sei hier erwähnt. Während viele Päpste in den Anschauungen ihrer Zeit in Betreff der „Hexen" befangen waren, hat kein einziger die hier in Rede stehende Beschuldigung ausgesprochen; im Gegentheil haben viele sie direkt vernrtheilt. Der Reinigungseid, den Ma,raffe ben Israel 1656 abgelegt hat. trägt gewiss das Gepräge der Wahrhaftigkeit; geradezu undenkbar aber ist, dass die irr hebräischen Märthrerakten und hebräischen Gedichten des Mittelalters ausgesprochenen Klagen über die grässliche Beschuldigung unwahr sein sollten. Die Verfasser waren überzeugt und konnten überzeugt sein, dass kein Christ ihre Herzensergüsse sehen und verstehen werde. Wenn es also einen „Blutritus" gab, so wäre er in diesen Schriftstücken nicht geleugnet, sondern verherrlicht worden. Woher nun aber, wenn die Beschuldigung nicht wahr, ihr häufiges Auftreten? Erstens: es giebt kein wirksameres Agitationsmittel als gerade diese Beschuldigung. Ich muss eine Religion, welche zu rituellen Zwecken meines oder meiner Religionsgenossen Blutes bedarf, hassen, verfolgen, anszurotten suchen. Und verfolgt man eine Religion nicht am leichtesten und sichersten, indem man ihre Anhänger verfolgt? V'ele können die Juden, gleichviel aus welchen Gründen, nicht leiden und halten deshalb jedes Mittel für recht, durch welches sie den Juden schaden zu können meinen. — Zweitens: Der Glaube an die wunderbare, namentlich heilende und zauberische Wirkung des Blutes und alles mit einem Todten, besonders einem Hingerichteten, Zusammenhängenden zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit. Dieser Glaube ist noch jetzt vorhandeil und wirksam, theils im Aberglauben der Verbrecher, theils in der „Volksmedizin". Diesen Glanben, beziehungsweise Aberglauben setzt man nun auch bei den Inden voraus und begeht dabei den verhängnisvollen Fehler, ihn für etwas spezifisch Jüdisches zu erklären, ja ihn mit der jüdischen Religion in Zusammenhang zu bringen. Nun ist es ja richtig,dass bei den Inden nicht wenig von Aberglauben sich findet. Es ist aber sehr zu beachten, dass gerade der „Blutaberglaube" bei den Inden, wie auch statistisch sich muss Nachweisen lassen, verhältnismäßig sehr selten ist und nur in sehr abgeschwächter Form austritt. Ueber den Konitzer Mord hier mit Rücksicht ans die im Gange befindliche Untersuchung nur Folgendes. Weder hat ein „Schächtschnitt" stattgesunden, noch spricht irgend ein Anzeichen dafür, dass es dem Mörder (oder den Mördern) um Gewinnung von Blut zu thun gewesen ist. Der Mörder ist aber sicher ein abergläubischer Mensch gewesen, denn er hat drei Tage nach dem Tode den rechten Arm des Getödteten aus den Kirchhof geworfen, damit er auf geweihter Erde ruhe und dort vermodernd, nicht gegen den Mörder sich erheben könne. „Wenn der Mörder ein Jude war", so sagt Herr Professor Strack, „so wird das ebenso wenig gegen das Jndenthum beweisen, wie aus seinem Getauftsein etwas gegen das Christenthum folgen würde." Zum Schluffe ermahnt der Verfasser seine christlichen Leser, „bleibt bei der Wahrheit, bei der Gerechtigkeit", gleichviel wie sie auch sonst über die Juden und ihre Beziehungen zu den nationalen, sozialen, politischen und religiösen Fragen denken mögen. Zionisten und „Jüdische Volkspartei."*) Man mag über Ziel und Zweck der zionistischen Bewegung denken wie man will, man mag ihre Führer mit welchem Kosenamen auch immer belegen, man mag die Propagierung der zionistischen Idee als ein Zugeständnis für die Berechtigung der antisemitischen Bewegung bezeichnen — Alles dieses mag man thun und zu einer Waffe gegen die Belvegung und ihre An- > . *) Ohne den zionistischen Standpunkt des geschätzten Autors einzunehmen, halten wir dennoch die Veröffentlichung der nachfolgenden Anregungen für zweckdienlich, weil wir es einerseits für einen Fehler halten würden, eine Bewegung, die in allen jüdischen Versammlungen Ausdruck findet zu ignoriren, und weil anderseits der Artikel selbst eine derzeit actuelle Frage in unserem politischen Leben behandelt. Hänger schmieden — Eines wird man den Zionisten nicht bestreiten können, weil das offenkundigen Thatsachen widersprechen würde: Sie waren es, die die große Masse der westeuropäischen Inden an ihr Judenthum erinnert, dem Abfall vom Judenthume eine Schranke errichtet, das Selbstgefühl und Selbstvertrauen unter den Juden wieder geweckt und gestärkt — kurz, dem Auflösungsprozess im Judenthume ein Halt geboten hat. Und da nicht der Wille allein, sondern erst der Erfolg die Richtigkeit eines Unternehmens beweist, so muss auch hier zugestanden werden, dass der Erfolg, den die erst 3 Jahr alte politisch-zionistische Bewegung aufweist, ein in der Geschichte aller Parteien geradezu beispielloser ist. Mögen auch diejenigen Recht haben, die da behaupten, dass die Bewegung stagnire oder bei einer Krisis angelangt sei; noch mehr, mögen selbst einige ihrer Anhänger, die eine führende Rolle einnahmen — wie z. B. B e r n a r d L a; a r e — ins feindliche Lager übergegangen sein — alles dieses beweist absolut Nichts. Das und Aehnliches wiederholt sich bei jeder neuen Bewegung. Es ist sogar besser, dass eine derartige „reinliche Scheidung" sich bald vollzieht, als wenn sich unter den Führern oder innerhalb der Partei Differenzen ergeben, die nur zu leicht vom persönlichen auf das sachliche Gebiet überspringen, durch Kleinlichkeiten der Sache schaden, sie discreditiren. Wenn man so oft der zionistischen Bewegung und den Führern den Vorwurf macht, dass sie Nichts gethan oder noch Nichts erreicht haben, so mögen sich jene Nörgler doch einmal fragen, was denn eine Partei, die ganz neue und babst von ernsten Leute für discutirbar erklärte Principien aufstellt, in der relativ kurzen Spanne Zeit von wenigen Jahren eigentlich mehr hätten leisten sollen und können als eine Organisation aus dem Nichts h e r a n s s ch a s f e n!? Was in 2000jähriger Diaspora nicht gelungen, war in kaum 3 Jahreu vollbracht. Das ist aber nicht nur „Etwas", soitdern sogar schon „etwas Viel," viel, viel mehr als irgend eine politische Partei in den letzten 50 Jahreu vermocht hat. Oder : Hatten vielleicht die Socialisten schon in den ersten drei Jahren eine Parteiorganisation zu Stande gebracht, vielleicht die Christlich-Socialen, oder vielleicht irgend eine andere Partei? Man misverstehe uns nicht: Wir find weit davon entfernt, den augenblicklichen Stand der zionistischen Parteiorganisation als ein Ideal zu bezeichnen, dazu ist die Zeit viel zu kurz. Aber: Man zeige uns doch eine zweite Partei, die, über die ganze Erde verbreitet, ein Programm aufzuweisen hat, das f ft v alle Länder passend den nationalen Wünschen eines Volkes Ausdruck verleiht, wie das auf dem ersten Basler Coitgress im Jahre 1897 aufgestellte und seitdem von Hunderttausenden ratificirte zionistische? Und — und das ist das Merkwürdigste an der Sache : Dieses Programm wird von v e r st ä u d i g e n N i ch tjndeu als berechtigt bezeichnet, die Bewegung — die jüdische Bewegung — als in der Vergangenheit fltßend unterstützt, mib nur Jude n, die eigenen Volksgenossen sind es, die zum Kampfe aufrufen, zum Kampf bis aufs Messer. Doch nicht vom Zionismits als solchen wollen wir heute sprechen, sondern von einem Punkte seines Programmes, der, ungeschrieben zwar, zu lebhaften Discussionen innerhalb der jüdisch-nationalen Kreise in den letzten Monaten Veranlassung geworden. Es handelt sich um das Verhältnis der Monistischen Partei zur „jüdischen Volkspariei." Die erste und Hauptfrage ist: Können und dürfen diese beiden nationalen Parteien sich gegenseitig unterstützen, ohne ihren speciellen Programmen untren zu werden? Sprechen wir zunächst von der zionistischen als der numerisch stärkeren und weil deren Programm am weitgehendsten lautet. Sie „erstrebt für die Juden die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" im Allgemeinen, „für diejenigen, welche sich in ihren jetzigen Wohltländern nicht assimiliren können oder wollen" im Besonderen. Es entsteht nun die weitere Frage: Was können und dürfen, ja, was müssen die Zionisten thun in denjenigen Ländern, wo sie gleichberechtigte Staatsbürger sind, zumindest, wie z. B. in Oesterreich, wenn auch nur aus dem Papiere?