Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 16 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10. Die Wahrheit. Nr. 1 6. berge in sich einen unabgenützten Vorrath von verborgenen > Triebkräften, die einmal entdeckt und ans Sonnenlicht gefördert, nur des Meisters bedürfen und der meisterlich veranlagten Hand, um ans ihnen Gold zu schlagen zu Nutz und Frommen des Eigenbesitzers und zur Wohlfahrt Jener, die eine Art sind von feiner Eigenart. Man stoßt nicht gleich auf ein Talent mit talentschwerem Goldgrnnde, es muss erst aus dem knorrigen Stamme gezimmert, aus dem porösen Stein gebosselt, aus dem Rohen ins Reine und Feine verarbeitet werden, bis die Weichlinicn des Guten und Edlen recht zum Vorschein kommen. Man stoßt anch nicht gleich auf eine rein goldführende Erzader, man muss erst viel taubes Gestein, werthloses Schlackengeröll und viel Katzengold überwinden, bis man dahin anlangt, das Gesuchte aufzufinden unb der Welt als Werthvolles und Vollwerthiges zu übergeben. Dabei wird auch was Anderes gewonnen; viel Erz und Mineralien, deren die Welt trotz ihrer Häufigkeit und Läufigkeit zu Gewerbe-- und Erwerbszwecken wie des Goldcs selbst und der Edelsteine, ja fast noch mehr und dringender als die letzteren benöthigt. So eine Schatzgräberin war die „Cantoren-Zeitnng," als sie es vor zwanzig Jahren unternahm, ihr erstes Exemplar der Cantorenwelt in die Hand zu spielen. Man griff darnach, als nach einer Nenheit und Nenerscheinnng, ohne sich zn fragen: Warum? Eine dunkle Vorahnung, ein unbestimmbares Vorgefühl sagte uns, dass neben ihr, durch sie und ihre Vermittlung sich Etwas vorbereite, das mit Händen greifbar sein werde, so eine Art Standesliirnng nnd Standesannäherung von solidem Untergründe mit weitreichendem Plane, zur Fürsorge für das künftige Schicksal der Bundesgenossen. Ich weiß nicht, wie groß die Erwartung gewesen sein mochte, von welcher die Herausgeber dieses Blattes sich von Vorneherein haben tragen lassen, aber vom Idealismus allein zu leben, dürften sie kaum gerechnet haben, als sie daran gingen, ihr Jdealwerk fruchtbar zu machen. Es war halt ein Unternehmen wie jedes Andere, das Etlvas für Etwas zu bieten sich anschickte. Es kam in Schwung, gerieth in die Höhe und sendete feine fliegenden Boten aus, weit und breit ins Reich, überall, wohin das Damptrofs keucht und wo das Posthorn ertönt. Reichlich floß der Stoff, aber reichlicher noch schwoll die Hoffnung Jener, die da meinten, tveiß Gott wohin mit ihrem Plane zu gelangen. Sie meinten es gut die Gönner und Freunde des kleinen Cantorenvolkes, ja, sie wollten ihm wohl. Und was sie wollten und am Herzen trugen, das gab die „Cantoren- Zeitung" als Echo wieder, und dieses Stimmgetön blieb nicht j ohne Gegenecho. Es verhallte nicht wie ein Schrei ins Leere, j denn mit ihm und in ihm erklangen die Accorde eines lleuen, eines besseren Zeitabschnittes, und daneben sang es in Tönen iüß und einschmeichelnd, das mälige Erwachen der Selbsterkenntnis gar herrlich präludirend. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Zöien. Der im HI. Bezirke bekannte Fleischhauer, Herr Julius Gold, hat sich mit Frl. Mathilde Brett, Tochter des Herrn Moritz Brett aus Goltsch-Jenikau, verlobt. Mir« (Am Grabe des Vaters.) Dieser Tage fand' sich in der israel. Abtheilung des Centralfriedhofes eine schwarzgekleidete Dame ein, die langsam, die Aufschriften der Grabsteine musternd, mehrere Alleen durchschritt und dann vor dem Grabhügel des kaiserlichen 'Rathes Wilhelm F. innehielt. Die Dame stand hier eine Weile sinnend vor der Grabstätte und zog dann einen Revolver aus der Tasche. Im nächsten Augenblick hatte sie bereits die Mündung der Waffe an ihre Schläfe gedrückt, und es ertönte ein Schuß. Lautlos sank die Unglückliche vor dem Grade nieder — sie war aus der Stelle todt. Mehrere Personendie herbeigeilt waren, bargen den Leichnam. Das Nationale der Dame war durch einen Brief, der in ihren Kleidern gefunden wurde, alsbald festgestellt: sie wurde als Fräulein Marianne F., 36 Jahre alt. Lehrerin der französischen Sprache, im 9. Bezirke wohnhaft, agnoscirt. In diesem Schreiben, welches an die Cultusgemeinde adressirt war, bat die Unglückliche blos, dass ihr Name nicht veröffentlicht werden möge. Marianne F. dürfte in letzter Zeit nicht völlig zurechnungsfähig gewesen sein. Si?- zeigte sich von jeher als exaltirt, ein Zustand, der sich in den letzten Jahrendurch verschiedene Vorkommnisse privater Natur immer mehr gesteigert hatte. Seit einigen Tagen nun war sie gedrückter als sonst. Nach ihrem Tode erfährt man, dass ein Betrag von zweihundert Kronen, den sie einem Buchhändler in der Stadt schuldete, die Lehrerin so außerordentlich drückte. Sie habe, wie sie in einem anderen Briese mittheilt, alle erdenklichen Schritte unternommen, um diese Schuld zu begleichen, jedoch vergeblich; nunmehr drohte ihr der Buchhändler mit einer Klage, und das sei für sie, schreibt sie, so schrecklich gewesen, dass sie seitdem keine Ruhe mehr finden konnte. Sie hatte auch an den Buchhändler einen, Brief gerichtet, worin sie ihm von ihrem Entschluss, sich zu tödten, Mittheilung machte. Sie bat in bewegten Worten, da er es der Lebenden gegenüber nicht gethan, nun der Todten zu verzeihen. Der Buchhändler übergab den Brief der Dame ohne Verzug der Polizei, doch es war schon zu spät. In dem Grabe, vor welchem Marianne F. den Selbstmord verübte, ist ihr Vater zu Ruhe gebettet. Kojetein. Unserem Cantor, Herrn Josef Grünstein, wurden von der hiesigen politischen Gemeinde auf sein Ansuchen das Heimats¬ und Bürgerrecht verliehen — verliehen nicht etwa von einer jüdischpolitischen Gemeindevertretung, sondern von unserer slavisch-christlichen Stadtbertretung, die bisher jedes derartige Gesuch eines christlichem Deutschen oder eines Juden abweislich beschied. Die durch Verleihung des Bürgerrechtes zu Tage getretene allgemeine Sympathie hat sich Herr Cantor Grünstein durch die musterhafte und tactvolle Aufführung, während seines 8jährigen Hierseins erworben, und darum war auch keiner der 30 anwesenden christlichen Gemeindevertreter gegen den Antrag. Jedenfalls ein ehrendes Zeichen für den Gemeindesunctionär. 8. K. Aoskorvrtz, 30. April. Heute wurde hier der am vergangenen Donnerstag plötzlich verstorbene Herr Isidor L a m m, Lehrer und Schochet, von uns zu Grabe geleitet. Mit dem Verblichenen, der im kräftigstem Mannesalter von seinem Wirken abberusen wurde, haben wir einen guten Menschen, einen gewissenhaften Diener der Gemeinde, einen treuen Freund jedes Einzelnen verloren, und die außergewöhnlich große Betheiligung, an dem Leichenbegängnisse hat gezeigt, wie beliebt der Verewigte bei. Allen, bei Juden und Christen, war. Als der Sarg auf dem Wege zur letzten Ruhestätte vor dem Tempel niedergestellt wurde und der Rabbiner, Herr Dr. Funk, seinem verewigten Freunde in ergreifender Trauerrede die letzten Abschiedsworte nachries, blieb kein Auge thränenleer. Allgemeine Theilnahme wendet sich auch der rückgebliebenen Witwe, einer Schwester des in Gott ruhenden Rabbiners von Pleschen, Dr. Elias Silberberg, sowie der rückgebliebenen Schwester des Verblichenen zu, welchen der einzige Ernährer genommen wurde. Irag. Das „Prager Tageblatt" vom 3. d. M. schreibt: „Max D a w i s o n, der bekanntlich mit Ende dieses Monates aus dem Verbände unserer Landesbühne scheidet und nach Hamburg geht, wo er unter Bedingungen engagirt wurde, wie sie nur einem Künstler ersten Ranges zugestanden werden, erhielt von den czechischen Wagner-Verehrern einen mächtigen Lorbeerkranz, dessen Schleifen die Widmung tragen: „Dem. Meistersänger — die czechischen Wagnerianer." Die Kranzspende war von folgendem Schreiben begleitet: „In den Tagen, wo Ihr Scheiden von Prag bevorsteht, wird uns Allen wehe um's Herz, denn wir Alle, Deutsche und Czechen, müssen über den großen Verlust klagen, der unserem Kunstleben einen so schweren Schlag versetzt. Eines bleibt uns aber: die Erinnerung! Die Erinnerung an herrliche, schöne Genüsse, wie sie einzig und allein Ihre Kunst gespendet. Wollen Sie. der geniale Dolmetsch des genialen Wagner, eine Erinnerung auch an Ihre czechischen Freunde, so nehmen Sie den Lorbeer, der Ihnen, wie sonst Niemandem, gebührt. Vergessen Sie in der Ferne nicht, dass Ihnen hier in unserer lieben Vaterstadt auch in czechischen Kreisen treue Freunde bleiben und Ihrer nie vergessen werden. Die czechischen Wagnerianer." Ein erfreuliches Zeichen für die objektive Beurtheilung eines Künstlers in. einem Lande, in dem sowohl Deutsche wie Juden sich nicht besonderer Sympathien zu erfreuen haben. Max Dawison ist bekanntlich ein Sohn, des früheren Cantors Dawison in Beuthen, O. S. Arag. Am 28. April starb in Prag nach langem Leiden der Religionslehrer Herr Marcus Freund, der wegen seines lauteren, Charakters und biederen Wesens sich allenthalben größter Werthschätzung, erfreute. Wudapest. Am 7. d. ist hier Herr B. L. Theumann, ein Bruder der bekannten jüdischen Fleischselcher, Jacob und Julius Theumann in^Wien und Paris, nach langem Leiden gestorben. Das Leichenbegängnis, fand Mittwoch den 9. d. 3 Uhr Nachmittags statt.