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Die Wahrheit · 1900-05-11 · Heft 16 (11.5.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 16 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.- Ungar. Hantoren-Aeitung. Nr. 16. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20 Iahrg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Uedaclion. Zur Organisationsfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. Von einem amls- und dienstfreundlichen Collegen wurde neulich an dieser St ile das Losungswort ausgegeben: „Organisiren wir uns!" Mir wurde dabei warm ums Herz, so warm wie einst, als ich noch glaubte, in alle Fach ragen von einigem Interesse mit dreinreden zu müssen. Die gan; vortreffliche Arbeit gemahnt uns schon in den blossen Umrissen wie ein Frühling mitten im Winter, wie ein Zug jener geflügelten Herolde des 'Lenzes, die vom sonnigen Süden kommend, auch uns, Kindern der Eisesmächte, das linde Nahen des Sonnenglückes singend und jubelnd künden. Neu ist es allerdings nicht dieses allbeliebte, gar oft und viel gehörte Zündwort, aber neuartig und originell, allzumal bei uns und in unserer Staudesmitte. Schon um oessentwillen und auch um seiner Kürze wegen ist es eines vollständigen Programmes werth. Organisiren wir uns! Fast wäre es von nöthen, meinen Genossen, den Amtsbrüdern, die gewöhnt sind gehört zu werden, aber nicht kritiklos wie sonst ein Sterblicher znzuhören, eine Vorlesung über Organismus und organische Lebensgebilde zu halten. Für alle Lebewesen. vom niedrigsten bis zum höchsten, dem Menschen, gilt das unumstößliche Gesetz, dass das Leben und Gedeihen des gesammten Organismus von der freien und unbehinderten Entwicklung der einzelnen Organe bedingt ist, und dass alle wenn auch noch so bedeutungslos scheinenden Lebensüußeruugen -eines Theiles oder der Allgemeinheit in bestimmten Wechselbeziehungen zu einander stehen. Jede Abweichung von dieser grundsätzlichen Daseinsregel rächt sich bald, oft sehr bitter und -empfindlich, durch Niedergang, Siechthum und langsamen Tod. And ist der Mensch nicht im Kleinen, was ein Volk und Volkstheil im Großen und Ganzeil? Der Einzelne ist von der Mehrheit und die Mehrheit von der Gesammtheit abhängig. Sie bedürfen einander täglich und stündlich, drangvoll und nothschwer, l'o unumgänglich und so dringend, wie ein Blinder des Augenlichtes. Wer sich allein dünkt in der großen Artenmenge, allein und unabhängig im Thun und Lassen, ist eine Abart, ein Sonderling, ein Duckmäuser, der sich und seiner Sache mehr und -empfindlicher schadet als Jene, deren Nähe er gefiissenllich meidet, os jemals thun könnten. Damit hätten wir klar und deutlich den Nachweis erbracht, dass auch wir, ein winzig Völklein in der großen Beamtenwelt, dem Heerdentriebe folgen müssen, so wir Ersprießliches für den Einzelnen und sohin folgerichtig auch für die aus Einzelneu sich zusammeusetzende gleichgeartete Menge leisten wollen. Daraus ist auch die Folge des Gegentheils und insbesondere der Wahrheitssatz zu ersehen, dass ein Eiuzelleben, losgelöst vom einträglichen Zusammenwirken der zu seiner Erhaltung concentrisch thätigen Naturkrast, ausgeschaltet vom Kreislauf der lebensspendenden Blutströmung, gar bald dem Untergang zueilt. Das kann indess nur eine solche Körperschaft mit 'ErfM erreichen, in welcher das Streben nach Eintracht, nach gememsamer Jnteressenwahrnehmung und nach gegenseitigem Anteressenschntz allmälig die Oberhand gewinnt, und dies würde Len ersten Schritt zum Ziele bedeuten, den glücklichen Anfang zu einer gut organisirten Cantorenvereiuigung. Cantorenvereinigung! Wollte Gott, wir hätten damit den rechten Ausdruck für diesen Begriff gesunden- Man wird sich den Accent wol darum besonders merken müssen, weil wir der Cantoren-'Bereine etliche, mehrere, ja mehr als genug, dies- und jenseits der Leitha haben, aber keine Bereinigung, die alle Glieder des Cantorenstandes in sich fasst, und keine, die einen innigen Zusammenschluss, eine Verbrüderung oder auch nur ein glimpfliches Nüherrücken der einzelnen Theile dieser verschieden! abgestusten und doch zueinander gehörigen Deamtencategorie : bewirkt hätte. — Nicht dass uns die bukolische Eintracht Jesaias,; für eine vorläufig noch uugeborene Jdealmenschheit erträumt nnd erdacht, vorschwebte! Nein, nein, von dieser reich divinatorischen Einbildungskraft eines Sehers der Zukunft und des werdenden Zukunstsglückes soll hier nicht die Rede sein. Sie; ist des Ideals würdig, dessen Erreichbarkeit nur ihm, dem vom Geiste des garstigen Realismus mit Abscheu sich abwendenden i Propheten, möglich erscheint. Wir, die raschlebigen Kinder einer! rascheuteileudeu Zeit, wir begnügen uns schon mit nur Wenigem, * und dieses Wenige, verschwindend Winzige würde hinreichen,! ttm aus uns das zu machen, was wir dermalen noch nicht sind; ' eine Mehrheit, ein Stand, eine solidarische Körperschaft, die! Achtung fordert und lohnende Entgeltung der Pflichten wegen,! die ihr obliegen; eine fest und zäh geschweißte Masse von Funktionären, mit der man rechnen müsste wie mit einem Factor,! der unentbehrlich ist. Dass wir es vordem nicht waren, vielleicht j auch gar nicht sein konnten, ist ein nicht mehr gutzumachender, ' und darum ein durch Baße verzeihlicher Fehler, dass wir es j aber auch jetzt in dieser bündnisreicheu unb bundeslüsternen; Zeit der arbeitenden und werkverrichtenden Menschheilsclassen noch nicht sind, ist eine Schmach und Schande für uns Alle, i ein Brandfleck, ein unschönes, weithin sichtbares Merkmal, das > ätzend und zersetzend aus diese unserer Wunde wirkt, aber auch! schwer wie ein Bleigewicht aus unserer Standesehre lastet.! Gibt's einen Ausweg aus dieser zerfahrenen Staudeslage? i Wo liegt er, nach welcher Richtung hin ist er zu finden2 Der j Anknüpfungspunkte wüsste ich mir die Menge, des Aukuüpsungsputtktes hingegen, der schnurstracks zum Ziele leitet, gar kenren. Stünde uns ein Organ zu Gebote, dessen Stimme hallend und schallend alle Kreise des heimischen Cautorenthums durchdringt, ein Sv rachrohr, welches im weiten und erweiterten Oesterreich l gleich kräftig und gleich vernehmbar sich Gehör verschaffen költnte, uns bangte nicht um Anfang und Ende eines sacherschöpseuden Mahnrufes. Zu den augenscheinlichen Gebresten und Mängeln unseres sociale,: Lebens gesellt sich auch noch der Abgang dieses sonst leicht zu ersetzenden Hilfsmittels. Von der Centrale Wien gingen einst zahlreiche und gehen auch noch zur Stunde Fühlsäden geling aus, das weite Reich bis in die fernsten Gaue und Thalmulden umspanneud. Aus diesem Borne von frischen Impulsen und lebenskräftigen Ideen tranken auch wir, die seitab Gedrängten, Labung und Stärkung in des Tages Noth und Peili, und der allbelebende Geist des Jungfortfchrittes spornte auch uns zu Thaten an für das eigene Wohl und für das Wohl Aller, die unseres Gleichen sind. Es war eine schöne Zeit, von der man glaubte, dass sie gar nie und niemals aushören werde, bis sie vollendet, was sie in z verheißungsvollen Grundrissen uns angedeutel. Sie ist ent-; schwunden. ohne zu halten, was sie versprochen, mit ihr das j letzte Fünftel des neunzehnten Jahrhunderts, und mit ihnen all! unser süßes Hoffen und Sehnen; des Sanges und Klanges - und all der Liebe Mühen lvar umsonst. Warum, ja, wie so! denn und weshalb? Das ist eine eigene Geschichte, eine Ge-! schichte alt und veraltet, und dennoch eine, die es verlohnt, j wiedererzählt zu werden. j Wenn man Einem weißmacht, er sei was, könnte was und gälte was, wenn er nur wollte, so setzt man voraus, ec

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