Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 16 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Die Wahrheit. Seite 7. Äus jüdischen Äerstekreisen. Ais im Vorjahre in einer Versammlung der „österr. Israel. Union" in Wien, gelegentlich der Besprechung der Affaire 'Polna, aus die mannigfachen Schädigungen hingewiesen wurde, welchen die jüdischen Staatsbürger in allen Berufszweigen durch die antisemitischen Wühlereien ansgesetzt sind, zeichnete ein Wiener Arzt die Lage der jüdischen Aerzte in Wien und in den größeren Provinzstädten als eine arg gefährdete, und ihre Zukunft als eine überaus trostlose. Die Ausführungen des Redners, die in einer energischen Aufforderung zu strammer Organisation ans- Ilangen, fanden allgemeine sympathische Ausnahme. Ein ähnlicher Nothschrei dringt nun aus Deutschlands Gauen zu uns, wo der Antisemitismus gleich gefährliche Flüchte wie in Oesterreich ge zeitigt hat, und die diesbezüglichen Klagen, die Herr nwä. Dr. Lichtenstein in Neuwied a. Rh. vor Kurzem in der „allg. Ztg. des Judenth." veröffentlichte, verdienen besondere Beachtung. Sie bilden ein treffliches Gegenstück zu den Verhältnissen in Oesterreich, und die gleichen Lehren können hier wie dort aus ihnen gezogen werden. Da uns, so meint Dr. Lichtenstein, der Weg verschlossen ist, in Fachblättern über Berusssachen zu sprechen, welche den jüdischen Arzt als solchen seines Glaubens wegen tangiren, so wählen wir diese Stelle, um an unsere jüdischen Collegen zu appelliren und unserer Entrüstung darüber Ausdruck zu verleihen, dass man immer mehr in unserem Stande, — der sich ganz in den Dienst der „Hw manität" stellt, und mit diesem schönen Worte fast ebenso paradirt, 'wie anderwärts mit der „christlichen Nächstenliebe" — hässlichen, auf Grund konfessioneller Unterschiede hervortretenden Auswüchsen begegnet, die wir mit aller Entschiedenheit bekämpfen sollen und müssen. Nicht ganz ohne Grund war von jeher der „jüdische" Arzt gesucht wegen seiner Tüchtigkeit und seiner Gewissenhastigfeit. Die Thatsache, dass Päbste und Könige sich ihrer als Leibärzte bedienten, ist hinlänglich bekannt und braucht nicht näher besprochen zu werden. Der gute Rns des Juden als Arzt hat fich Gottlob erhalten. Es liegt in unserer Religion begründet, dass wir uns dem Berufe, dem wir uils widmen, mit ganzem Herzen hingeben, speciell einem solchen, der soviel ^Nächstenliebe und Selbstverleugnung erfordert, wie der des Arztes. Die Eigenschaft der persönlichen Tauglichkeit für den Aerztestand hat sich nun bei den Juden vererbt. Die Ausübung des ärztlichen Berufes ist eine Kunst, und der Künstler wird geboren. Wer den Berus als Arzt nicht in sich fühlt, wer nicht n it Leib und Seele dabei ist, kann vielleicht ein tüchtiger Forscher in der exakten Wissenschaft, niemals aber ein ganzer Arzt des Leibes und der Seele seiner Mitmenschen werden. Der Jude hat ein Herz voll Liebe und Milde; von Israel gieng aus die Liebe in die Welt und auch die Lehre. Denn die Gotteslehre und die Liebe sind Lins. Darum aber, weil der ärztliche Beruf gerade Selbstlosigkeit, Aufopferung, Liebe erfordert, darum ist der wahre Jude schon von Haus aus für deu Beruf des Arztes vorgebildet. Das jüdische Familienleben, da wo es in seiner alten, ureigenen Form besteht, ist eine Quelle des Lebens und der Liebe. Auch wir Aerzte wollen es an dieser Stelle laut bekennen, dass wir keiner anderen Religion die Priorität zugestehen, die Liebe der Welt offenbart zu haben. Das wissen auch die Andersgläubigen, aber sie verneinen es; doch wir wollen ihnen das Geständnis abzwingen durch uns selbst, unser persönliches Verhalten, und wir dürfen es getrost den Juden im Aerztestande nachsagen, dass sie keine Schuld trifft, wenn andersgläubige Collegen sie zu unterdrücken versuchen, sie, die Vertreter der Kunst, Kranke zu heilen, ihnen Trost und Hilfe zu spenden. ' Gott sei Dank, wir werden nicht bemitleidet, aber überall keimt der Neid und treibt seine hässlichen Triebe. Ich höre vrohl Stimmen jüdischer Collegen, die da sagen : „Das ist persönlich, wir merken nichts von cousessioneller Gehässigkeit in hen Kreisen unserer Collegen!" Das ist ein Nichtsehen mit offenen Augen; in der That ist leider auch der Aerztestand vom Antisemitismus angefressen. Wir Juden sind solidarisch, wetz Standes wir auch sein mögen, das ist all, aber wahr. Ich selbst empfinde es sehr wenig hier zu Lande, aber es gibt viele junge jüdische Aerzte i mit dem besten Wissen und Können und erfüllt von dem Drange,! nur Gutes zu wirken, welche arg unter den Anfeindungen „christlicher" Collegen zu leiden haben. Hand auf's Herz, wir wissen es Alle. Und welcher jüdische Arzt ist denn nicht empört, wenn er in ärztlichen Zeitungen bei Vacanzen, sei es nun, dass es sich um Vertretungen, Cassen oder Assistentenstellen handelt, fast stets das vielsagende „christlicher Conseffion" liest, bisweilen aber ganz deutlich „nicht Jade" gewünscht wird. Die jüdischen Aerzte nehmen das ruhig hin, sie haben sich schon daran gewohnt. (Schluss folgt.) Gemeinde- und Pereinsbote. Wien. Die unter d e IN Vorsitze des Präsidenten, Herrn k a i s. Rath K l i n g e r, st a t t g e s u n d e n e n Plenarsitzungen des C u l t n s v o r st a n d e s vom 26. und 28- April und 2. Mai 1900 w a r e n der eingehenden B e r a t h u n g und Erledigung einer Anzahl von S t e u e r r e c n r s e n g e w i d m e r. In der ' Sitzung vom 26. April wurde über das Ansuchen des Tempel-; bau-Vereines in der Brigittenau und im Sinne der Anträge! der I. Section über Referat des Herrn Dr. Berger beschlossen, i die seinerzeit für den Tempelban in der Brigittenau votirte! Subvention von sl. 15.000 nach Erfüllung gewisser Vorausi setznngen ans fl. 25.000 zu erhöhen. An Spenden sind eingelaufen: Von Herrn D. Schwarzmaun anlässlich der Vermählung seiner Tochter Sydonie für . das israel. Versorgungshaus 2000 Kr. mit der Bestimmung,! diesen Betrag zu Gunsten des Verforgnngshanses gleichwie die I von ihm bei früheren Anlässen gespendeten 6000 Kronen sruchtj bringend anznlegen. Von Herrn N. Scheffrel anlässlich der Verj mählung seiner Tochter für die Ehewra-Kadischa 200 Kr., für j Arme 100 Kronen. Von Herrn Moritz Edlen von Knfsner an- | lässlich des Sterbetages seines Vaters für Arme 280 Kr., an-! lässlich des Peffachsestes für Arme 400 Kr. Von der Chewra- Kadischa im XVI. Bezirk für Arme 300 Kr. Von Herrn Ober-; stübsarzl Dr. Jacob Treulich für die Armenanstalt 10 Kr. für i die Borislawer Arbeiter 10 Kronen. j In der am 6. Mai d. I. stattgehabten Plenarsitzung ' wurden mehrere, das Friedhosswesen betreffende Agenden erledigt. : Eine Anzahl wichtiger Berathnngs-Gegenstände sind einer dem-! nächst stattsindenden öffentlichen Plenarversammlung Vorbehalten. Wien. (Kundmachung.) Freitag den II. Mai Abends und i Samstag den 12. Mai Früh wird Herr M. Schorr, Obercantor des * israel. Bethausvereines „Beth-Jsrael", im Leopoldstädter Tempel Gast- [ Vorträge halten. Beginn des Gottesdienstes: Freitag Abends um 7 Uhr j 30 Minuten, Samstag Früh um 8 Uhr. Wien, am 7. Mai 1900. Der l Bethausvorstand., Wien. (V erein zur Unter st ü tz u n g i s r a e l.; § a h b io e v f e v n n d Kleingewerbetreibender.)! Donnerstag, den 10 Mai 1900, halb 8 Uhr Abends präcise, j har im Sitznngssaale der israel. Cultnsgememeind.', 1. Bez., i Seitenstettengasse 4, 2. Stock, die XI. ordentliche Generalverj sammlung mit nachfolgender Tagesordnung staltgesunden: 1. Be-! grüstung der Mitglieder und der Gäste durch den Vereinsvorj stand. 2, Vorlage des Jahresberichtes für das Vereinsjahr 1899! durch den Schriftführer. 3. Bericht der Censoren und Beschluß-! sassung über denselben. 4. Vortrag des Herrn kaif. Rathes! Johann Lichtenstadt: „Die jüdische Armenpflege in London."! 5. Neuwahl von Vorstandsmitgliedern. 6. Wahl der Censoren. i Die laut § 8 der Statuten ausge'chiedenen Vorstandsmitglieder:! Gustav F r a u k l, Philipp F r a n k l, Maurice G r n b e r. j kais. Rath Johann L i ch t e n st a d t, k. k. Commercialrath Alfred! P o l l a k Ritter von Rudin, k. k. Baurath Wilhelm S l i a s s n y! und die Censoren : Hermann Beck, Steiner und W e i z n e r wurden einstimmig wiedergewählt. Den anssührlichen Bericht veröffentlichen in n ichster Nummer, doch verdient die eine ebenso