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Die Wahrheit · 1900-05-11 · Heft 16 (11.5.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 16 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 16. Man kann diese Sätze vielleicht als falsch bezeichnen, ich selbst wäre fast dazn geneigt; aber dass sie tiefsinnig sind und viel zu denken geben, wird man nicht bestreiten können. Nun freilich sind solche Ausrufungen von gewissen Geschmacklosigkeiten und albernen Witzeleien noch himmelweit verschieden. So sehr aber letztere eine ganze noch so schöne Predigt der Wurde berauben und ästhetischen Widerwillen Hervorrufen können, sind auch diese nicht gar zu leicht zu vermeiden. Der Hörer kann sich leicht auf den hohen Kothurn des Verdammens setzen, aber der Prediger kommt aus einer Schule, die ihm ein Rüstzeug mitgibt, unter welchem sich auch manches Fangeisen befindet. Dort heißt es: Gleichnisreden sind gar schön, etwas Witz macht die Sache schmackhaft; setzt sich die Predigt zu einem schönen Bilde bunter Abwechslung zusammen, so folgt man ihr um so gespannter, allzu würdevoll klänge auch allzu pastoral und salbungsvoll. Das Publicum ist vielköpfig, und es ist gut, auch dem einen und anderen etwas zu rieten. Als wir in Prag bei Professor Dr. Kaempf unsere Exercitien machten, erinnerte er mit Vorliebe an Dräseke's Wort aus der Bibel: „Thuel Salz ins Wasser und es wird genießbar werden." Im Talmnd wird berichtet, dass ein Homiletiker sein eingeschlafenes Publicum durch folgenden Witz wieder munter machte: „Jetzt will ich von einer Mutter erzählen, die 60.000 Kinder auf einmal zur Welt brachte." Alles fuhr erschreckt aus dem sanften Schlummer, der Redner aber setzte beruhigend fort: „Das war doch die Jochebed, da sie den Moses gebar, welcher nach dem Talmud in seiner Person alle 60.000 israelitischen Männer auswog." Eine Misgeburt kann deshalb auch hier eben so wenig ausgeschlossen sein, wie seitens der gewiss vollendeten, künstlerischen, unermesslich reich ausgestatteten Natur. Wie suchte ein polnischer Darschan einst auf sein Publikum einzuwirkeu? Am Kol Nidre Abend Hub er an: R-ibono sellel olom (Gott) Du darfst Dich schämen mit Deinen Gojim, die noch so wenig an milden Sitten Deinen Juden gleichen. Eine sichere Norm, allen Arten Fehlern unbedingt ausiveicheu zu können, gibt es nicht, weil die Predigtart allererst keine Schablone sein darf. Man muss eben jeden Prediger darnach leurtheilen, wie er ist, und gerade die besten Redner haben jeder ihre eigene Art. Es kommt auch gar nicht aus die Art, sondern nur aus die Meisterschaft in derselben an. Der eine kann durch gelungene Citate fesseln, der andere durch Textauslegung interefiiren, wieder einer durch Redeschwnng begeistern, ein anderer auch durch Gleichnisreden Eindruck machen, ein anderer durch Kraftworte erschüttern, mancher auch durch Lebensbilder das Herz erzittern machen, mancher ist geistreich, geißelt durch feinen Spott, und auch copiren darf der, der es meisterhaft versteht. Jeder misst sich sein Gebiet nach eigener Abschätzung ab, zumal er sich darin Meister fühlt, und wer ihm diese Freiheit nicht zugestehen mag, will Schablone, hat ein Vorurtheil und nicht den richtigen Begriff von dem, was die Preoigt bezweckt und bezwecken soll. Die Frage, wie man predigen soll, ist daher leicht beantwortet: Aus dem Geiste, wie es einem gegeben ist! Doch die Frage, wie man preoigt, ob der Prediger und namentlich auf einem bestimmten Orte zu brauchen ist, darüber kann nur einmal gerichtet werden, wenn er nämlich a>,gestellt und ausgenommen werden soll. Auch da wird nicht über die Art zu richten sein, sondern wie man darin Meister ist, und äußerstens auch darüber, ob diese Art den in Frage kommenden Verhältnissen entspricht. Die dritte Frage jedoch, wie man gepredigt hat, das heißt wie jede einzelne Predigt ausgefallen ist, sollte wenigstens einem Gerichte nicht mehr unterzogen werden. Das Urtheil muss ja jedem Hörer frei gestellt bleiben: „Sie hat auf mich Eindruck gemacht," „sie hat mir gefallen", „sie hat mich nicht befriedigt", das scheint mir falsch, unlogisch, bedenklich" ii. f. w., aber directes Tadeln und Verurtheilen außer im Interesse der Moral und der etwa verletzten Religion halte ich für schädlich. Man bedenke nur, der Prediger kann ja nicht wegen irgend einer verlaufenen Predigt seines Amtes enthoben werden. Er bleibt der Seelenhirte, das religiöse Oberhaupt, der Lehrer der Gemeinde, und alle Gutgesinnten werden wünschen müssen, dass man seinen Worten lausche, sie erwäge und beachte. Wie dürfte man nun den Redner für alle Zeiten seinem Publikum verleiden wollen? Wenn man schon in eine Quelle, aus der man getrunken hat, nach talmudischer Lehre keinen Stein werfen darf, um wie viel weniger noch in eine Quelle, aus der man noch zu trinken hat. Fehler können Vorkommen, irgend ein guter Freund, ein sonstiger Verehrer kann auch taktvoll den Redner darauf aufmerksam machen, aber im allgemeinen ist die talmudische Norm gerade so wahr, so bedeutungsvoll wie überhaupt alles Talmudische. Damit jedoch die jüdischreligiöse Redekunst gehoben, geläutert, zur Blüthe und Vollendung gebracht werde, hätte die Journalistik und hätten alle maßgebenden Factoren ihre Aufmerksamkeit auf die Beurtheilnng der allzustellenden Prediger zu concentriren, wenn es sestzustelleu gilt, wie einer predigt. Merkwürdiger Weise kann hierüber den Juden trotz unbestreitbarer Intelligenz nicht das allerbeste Zeugnis ausgestellt werden. Ich wage das Paradoxon, dass die Meisterschaft im Predigen mehr von den Gemeinden als von den Predigern abhängt. Würde es den Cultusgemeinden an dem Verständnis und au dem guten durch nichts beirrten Willen, gute Prediger zu bestellen, nicht fehlen, so könnte es auch für die Dauer an guten Predigern nicht mehr fehlen. Der gute Wille besteht wohl, aber er ist stark durch Protectionswesen und durch Nebeninteressen getrübt. Diese Trübung durchzieht bereits alle größeru Gemeinden und reicht schon sogar bis zu der ersten, der bewunderungswürdigsten Gemeinde Oesterreichs heran. Noch schlimmer steht es mit dem Verständnis der Cultusgemeinden. Es ist ja der Helle Unverstand, wie jetzt auf Grund einer Probepredigt das Urtheil über den Mann gefällt, der Prediger angestellt wird. Mir selbst sind zwei Fälle bekannt, dass Geisteskranke mit der Probepredigt durchgedrungen sind und angestellt wurden. Ja, der eine, der natürlich immer wieder einen neuen Posten suchte, sobald an dem alten sein Geisteszustand erkannt wurde, hatte es gar nicht schwer, immer wieder den neuen Posten mit seiner Probepredigt; zu gewinnen. Es trifft sich sehr oft, dass Prediger, die sich mit fremden Federn schmücken, den Sieg über ganz gediegene Concurrenten davon tragen. Ich liebe das Judenthum, sein etwaiger Niedergang in irgend welcher Art greift mir tief ins Herz, und ich trete gerne in die Oeffentlichkeit, wo ich etwas Heilsames fürs Judenthum sagen zu können, nur irgendwie glauben darf. Mit diesem Problem der Rabbineranstellung, die ja maßgebend für die Geisteshöhe des Judenthumes ist, habe ich mich darum schon ernstlich und vielfach beschäftigt, dennoch wird es mir schwer, hier zu rathen und noch schwerer zu hoffen, dass der Rath durchdringen würde. Im allgemeinen schwebt mir nur vor, dass größere Cultusgemeinden nur Männer aus der Praxis anzustellen hätten, betvährte Männer, die auch schon gewissermaßen ihr Lehrgeld gezahlt haben. Junge Genies gieugen ja dabei nicht verloren, sie bekämen nur die nöthige Schulung und würden sich ihre Sporen erst verdienen können. Solche Norm wäre von mannigfachem Voriheile. Die größer» Gemeinden wären bestbesetzt, die kleinern Gemeinoen hätten sich die ersten der Leistungen genialer Männer zu erfreuen, selten bliebe ein Talent zurück, und das Judenthum hätte die Würde, dass auf Lohn und Anerkennung in seinem Dienste gerade so wie in jedem anderen Berufe zu rechnen wäre. Es wäre ein ideales Band, welches alle Gemeinden zu einer heilsamen Gemeinschaft verbände. Größere Gemeinden hätten dann noch, nicht zufrieden mit dem guten Ruf lines Mannes, auch noch die Pflicht Vertrauensmänner an Ort und Stelle zu senden, um den Mann vorerst dort zu hören; dann allerletzt käme noch die Proberede, oder die Probevorstellung vor der Gemeiude, in welcher der Candidat in Aussicht genommen ist. Da gälte in Wahrheit das Wort, der dreifach geschlungene Faden zerreißt nicht so leicht, eine solche dreifache Gewähr täuscht nicht also bald. Ja, guter Wille und Verständnis könnten so manches bessern. Doch es obwaltet hier noch ein schweres Hindernis, von dem zu reden, ich gar nicht wage.

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