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Die Wahrheit · 1900-05-11 · Heft 16 (11.5.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 16 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. Die Ivahrheit. Seite 5. 1. Petitionen an alle maßgebenden Stellen im Sinne der j Zulassung jüdischer Beamte in allen Staats- und Landesämieln,! u. ztv. eine Petition au den Reichsrath, Landtag, Landmarschall! und Landesausschuss, an den Ministerpräsidenten und an die ani deren Minister. 2. Persönliche Vorstellungen bei obgenannten Machthabern zum gleichen Zwecke. 3. Alle jüdischen Reichsrathsabgeordneten und sonstigen nichtjüdischen aber jndenfreundlichen Abgeordneten mit der Bitte um Unterstützung anzugehen.! 4. Aufforderung an alle jüdischen Gemeinden behufs Unter-! stützung jener Petitionen und Bekanntgabe jeder diesbezüglichen! Ungerechtigkeit an die ständige Commission des Gemeindetages, j 5. Eventuelle Einberufung neuer Gemeindetage und Pro-! testversammlungen, so die Verletzung des Rechtes unseres Volkes j an der Tagesordnung bleiben wird. Das Referat des Herrn; Dr. Joses Riegelheim, des Deligirten aus Tarnow, behufs j Ernennung eines Vertreters im Schulrath bedurfte keiner i besonderen oraiorischen Leistung. Die Art, wie das Judenthum! in seinen berechtigten Wünschen im Schulwesen beengt und nicht § berücksichtigt wird, ist allgemein bekannt und wird von allen Inden schwer empfunden. Leider aber lehrt die Erfahrung, dass die einen solch hohen Vertretungskörper Berufenen lief im i assimilatorischen Fahrwasser stecken und die wahre jüdische Sache nur sehr schwach vertreten. Dieser Umstand, welcher in zionistischen Kreisen genau gekannt ist, bewog die letzteren das Postulat aufzustellen, die Vertretung einer conselvariven Persönlichkeit zu übertragen, in der Voraussetzung, aber, dass es noch lange Wege bis zur Realisirnng halte, wurde vorläufig davon abgesehen. Darüber zu debattiren wäre unnütz, daher wurde das Referat on bloc angenommen. Y. Der fünfte Punkt der Tagesordunitg: „Stipendien für jüd. Lehramtskandidaten" wurde durch den Rabbinerprediger Dr. I. Caro in längerem Vortrage allseitig beleuchtet. Die Ansichten des Referenten gipfelten in folgenden Ausführungen: I. Der Gemeindetag erklärt es als Pflicht der Cultusgemeinden, dem jüdischen Religionsunterrichte in allen öffentlichen Lehranstalten, besonders aber in der Volksschule die eifrigste Pflege und die hingebendste Fürsorge angedeihen zu lassen; a) durch Geltendmachung der gesetzlichen Bestimmung, dass bei Anwesenheit von 20 jüdischen Schülern in einer Anstalt für den Religionsunterricht auf Kosten des Schulerhalters gesorgt werde; b) durch Präsentation systematisch vorgebildeter^nnd gesetzlich qualifizirter Religions-Lehrer; v) durch regelmäßige Jnspection des Religionsunterrichtes in meritorischer Hinsicht. II. Der Gemeindetag erklärt die dringende Nothwendigkeit, an einem der bestehenden Lehrerseminare im Lande Curse zur Heranbildung von Religionslehrern für Volks- und Bürgerschulen zu errichten, zu deren Kosten außer den Beiträgen der Cnltusgemeinden, Subventionen des Staates und des Landes anzustreben wären. IH. Der Gemeindetag erklärt es als heilige Pflicht der Cultusgemeinden, Stipendien für Religiouslehrer zu errichten. Von zionistischer Seite wurde dem Referenten in vielen Punkten entgegengetreten. Bedauerlich ist der Umstand, dass der Präsident des Gemeindetages sich daran erinnerte, dass der Gemeindelag andere Aufgaben als zionistische Anträge zu berathen habe, und die unerwartete Aeußerung that, keinem Redner das Wort für den Zionismus zu ertheilen. Herr Doctor Brande wurde von der Assimilationspartei im Entwickeln seines Programmes geradezu gehindert. Er wollte eben nur Nachweisen, dass der zweistündige Unterricht — aus einen einstündigen reducirt, — gar keine Möglichkeit eines gedeihlichen Lehrens gewähre; dass ferner die christlichen Schulen sich überhaupt als ungeeignet zur Erziehung jüdischer Kinder erwiesen haben. Indessen wurden die Anträge des Referenten von der Majorität angenommen. Zum Referenten des sechsten Punktes der Tagesordnung wurde Herr Dr. Tobias Aschkenasi, einer der gewandtesten und gewiegtesten jungen Advocaten Lembergs bestellt. Schade nur, dass dieser talentvolle Mann zu den Coryphäen der Assimilationspartei zählt und dass das Polenthum sein ganzes Wesen absorbirt. Herr Dr. Aschkenasi plaidirte für das Anstreben einer Reform in der Gesetzgebung nach der Rlchtling, dass der Sabbath und die drei hohen Festtage gesetzlich als Feiertage anerkannt werden. Herr Advocat Dr. Koruhäuser trat für Eillbeziehnng aller Hauptfeiertage, ferner für die Freigebung der Schule an Sabbath und Feiertagen ein, worauf Herr Rabbiner Lewin aus Rohatyn den zionistischen Antrag aufnahm, ein eigenes jüdisches Gymnasium in Galizien zu creiren mit Einführung der hebräischen Sprache und Wissenschaft. Beide Anträge wurden mit starker Majorität angenommen, und hierauf zur Wahl eines 16gliedrigen permanenten Ausschusses geschritten, in welchen zwölf Assimilatoren und vier Zionisten, letztere aber nicht in Lemberg domizilirend, entsendet wurden. Diese Uebervortheilnng der zionistischen Sache kann dem ganzen Projekte des Gemeindetages nur abträglich sein. Wiederum schloss Herr Dr. Byk den zweiten Gemeindetag wie den ersten und lud im Namen der Lemberger Cultusgemeinde die Theilnebmer des Gemeindetages zu einem Soups ein, welches bis 1 Uhr Mitternacht dauerte. Me man predige« soll, wie man predigt, und wie man gepredigt Bon Dr. M. L. Stern. Es ist jedenfalls eilte ganz und gar nicht uninteressante Frage, welche in Rümmer 13 und 15 der „Wahrheit" über das Predigen angeregt erscheint. Was ich jedoch lisch zur Erörterung über diese Frage nachzntragen hätte, gipfelt in der talmudischen Norm „En meschiwin al hadruaeh“, zu deutsch: Homiletische Vorträge unterliegen nicht einer nachträglichen Begutachtung. Hiermit möchte ich nicht nur den Standpullkt einer für uns Juden noch immer maßgebenden Autorität betont haben, sondern zugleich eine wohlbegründete, beherzigenswerthe Lehre geltend machen. Wer viel spricht, kann Fehler nicht meiden, sagt schon ein landläufiges Sprichwort; imb da der Prediger nicht in der Lage ist, das Gold des Schweigens dem Silber des Redens vorzuziehen, so erheischt es auch schon die gute Sitte, dass nicht jeder sozusagen herausgerutschte Fehler an die große Glocke gehängt werde. Außerdem ist Vieles vom Geschmacke des Hörers abhängig, ja noch mehr auch von seiner Geistesrichtnng, seiner Stimmung, seiner Weltanschauung, und es wäre selbst für den besten Redner schwer, ja fast unmöglich, irgend einem Misfallen zu entgehen. Jellinek ist nnbebingt einer der ausgezeichnetesten Meister der jüdischen Kanzelberedtsamkeit gewesen, und doch, wie viele seiner geistvollsten bedeutsamsten Phrasen sind von seinen steifnackigen orthodoxen Gegnern an die große Glocke gehängt worden, ltm sie einer vermeintlichen Lächerlichkeit preiszugeben. Ich will nur zwei solcher Sätze als Beispiel anführen: „Wie," ruft er aus, „wir taffen unsere Kinder tanzen lernen, unterrichten sie im guten Tone und sollten dulden, dass eine Synagoge mit orthodoxem Ritus hier in Wien erstehe?" Ein anderesmal: „So viel ist in unser» Tagen für uns geschehen, so vieles hat sich verändert, solche unverhoffte siege haben wir zu feiern, solche herrliche Triumphe hätten wir zu besingen, und wir beten »roch die alten Gebete, so undankbar treu, so gottlos fromm sind wir geblieben." *) Um unsere vollste Objectivität und die Lauterkeit unserer Ab» sichten in der angeregten Frage zu beweisen und der Forderung »uckiatur st alter» pars gerecht zu werden, geben wir mit Vergnügen dem obige» Artikel Raum, trotzdem der geschätzte Autoor in mancher Beziehung und unseren Anschauungen nicht übereinstimmt. Die Redaction.

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