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Die Wahrheit · 1900-05-11 · Heft 16 (11.5.1900) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 16 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wayryen. Nr. 16. jüdischen Kleinhändlern, Handwerkern und Ackerbautreibenden billigsten und langsichtigen Credit zu ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen sind, welche den Credit zur Schaffung selbstständiger Existenzen in Anspruch nehmen; e) durch Förderung jeder Art Industrie, besonders aber der Hausindustrie, thunlichst unter Anlehnung an bestehende Anfänge. Hieher gehören auch Rcisestipendien, sowie die Gewinnung von Wanderlehrern; k) durch Zuführung solcher jüdischer Erwerbloser, welche physische Eignung besitzen, zu allen Zweigen von productiver, besonders auch physischer Arbeit. Dies ist durch moralische Mittel und im Bedarfsfälle auch durch Prämiirung, besonders in der ersten Zeit dieser Arbeit und bis zu ihrer vollkommenen Erlernung anzustrebeu; Z. durch Unterstützung und Organisation jener Emigration, deren Triebfedern einzig und allein auf dem Erwerbsmomente beruhen. II. Die Repräsentanten der isr. Cultusgemeinden in Galizien haben aus dem ethischen Titel der Menschenliebe, sowie aus dem Rechtstitel der ihnen überwiesenen Armenpstege, die Bekämpfung der Erwerblosigkeit und ihrer erschreckenden Ausbreitung in ihr Programm in weit höherem und ausgedehnterem Sinne aufzunehmen, als dies bis nunzu geschehen ist. Demnach ist es heilige Pflicht der Cultusgemeinde-Verwaltungen, alle im Absätze I. der gegenwärtigen Resolution angeführten Hilfsmittel unausgesetzt im Auge zu behalten, zunächst aber Folgendes auzustreben: 1. Die Unterbringung einer möglichst großen Anzahl von Lehrlingen bei Handwerkern, wobei das besondere Augenmerk auf solche Handwerke zu richten ist, welche bis nunzu von Juden nicht betrieben wurden. 2. Die Zuführung jüdischer Erwerbsloser mit entsprechender physischer Eignung, zu allen Zweigen productiver, besonders auch physischer Arbeit; dies ist durch moralische Mittel als Ermittlung der Arbeitsgelegenheit und Aufmunterung zur Arbeit, im Bedarfsfälle auch durch Prämiirung, jedoch nur in dcr ersten Zeit dieser Arbeit und bis zu ihrer vollkommenen Erlernung anzustreben. 3. Die Errichtung von Vorschusskassen, welche den jüdischen Kleinhändlern, Handwerkern und Ackerbautreibenden billigsten und langsichtigen Credit zu ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen wären, welche den Credit zur Schaffung selbstständiger Existenzen in Anspruch nehmen. Nach eingehender Debatte wurden die Anträge genehmigt und einer Commiffion zugewiesen und hiemit die Berathungen des ersten Tages geschlossen. Am Abend wurde den Gästen zu Ehren ein Gottesdienst im Cultustempel abgehalten^ worauf im Saale des Vorstandes eine Reunion stattfand, an welcher die Honoratioren der Gemeinde und die Gäste des Gemeindetages theilnahmen. . Unter den Klängen einer Militärmusik und in ungezwungenem Gedankenaustausch flößen die Stunden rasch dahiu, und erst gegen Mitternacht gingen die Gäste auseinander. Am zweiten Tage kam als 2. Punkt der Tagesordnung die sogenannte I-sx Goldmana „Einführung der polnischen Sprache im officiellen Verkehr der galizischen Gemeinden" zur Verhandlung. Herr Dr. Goldmann hat schon lauge das Bedürfnis empfunden, politisches Capital für sich zu schlagen und seinen wie der Assimilationspartei Standpunkt den Polen zu demonstriren. Wir wollen uns mit dieser Persönlichkeit heute nicht beschäftigen. Er und seine Affiliirten haben das polnische Vaterland gerettet. Gegen diesen Antrag trat auf zionistischer Seite Herr Dr. Malz auf, der es tadelte, dass die betreffenden Programmverfaffer es darauf abgezielt haben, Politik in so ganz unnützer Weise in den Gemeindetag hineinzntragen. Dieser Antrag sei nur im Sinne der politischen Liebdieuerei gestellt worden, ohne zu erwägen, dass Galizien ein Land sei, das auch vom ruthenischen Stamme bewohnt ist, dem man gleichfalls Rechnung tragen müsste. Redner plaidirte weiters für die Einführung der hebräischen Sprache als unserer Nationalsprache in den Vorständen Galiziens. Hiebei stieß er nicht nur auf den Widerstand des Assimilationsapostels Dr. Bernhard Goldmann, sondern auch der Vicepräsinent des Gemeindetages, Herr Rabbiner Lewin, fand wohl Worte gegen die Polinisirung, aber nicht für die Hebraisirung. Er meinte Ihrem Berichterstatter gegenüber, wir seien für den allgemeinen Gebrauch d?r hebräischen Sprache noch nicht genügend vorbereitet und das moderne Hebräisch nicht zu gebrauchen. Bei der Abstimmung siel der Antrag des Herrn Dr. Malz statt „polnische Landessprache" „die polnische und ruthenische Landessprache," dann der zionistische Antrag auf Einführung der hebräischen Sprache, und der Antrag des Referenten wurde angenommen. Der nächste Punkt der Tagesordnung „Die Nichtzulassung jüdischer Candidaten zu öffentlichen Aemtern," über welchen Herr Dr. Ein. Grünberg referirte, berührte einen Wundpunkt des gesammten österreichischen Judenthums, die Frage der geistigen Niederwerfung unseres Volkes und des Misbrauches der Staatsgewalt zu seelenfängerischem Zwecke. Der Referent wies an seinem statistischen Materiale nach, wie sehr unsere jüdische Intelligenz, welche den Seelenschacher perhorrescirt und bei ihrem Volke treu ausharren will, auf Schritt und Tritt in ihren Ansprüchen auf eine Staatsanstellung behindert und verkürzt, ja ganz ausgeschlossen wird. Die genialsten richterlichen und Finanzbeamten, denen schon der Eintritt in den Staatsdienst tausend Schwierigkeit bereitete, bleiben in den niedrigsten Rangsclassen. Ganz ungeschminkt wird den betreffenden pflichttreuen und charaktervollen Dienern des Staates entgegengehalten, dass sie selbst an ihrer Situation schuld seien, weil sie die papierne Scheidewand nicht einzurennen vermögen. Doch zeigt der Staat wenigstens hie und da einmal eine gewisse Noblesse gegen jüdische Beamte, aber die galizische, reote polnische Unterregierung, eigentlich eine Oberregierung, die gepriesene nicht antisemitische, sondern assemitische, diese verbarracadirt sich hinter dem römischen Ultramontanismus, dem der national chauvinistische Patriotismus wacker secnndirt. Hier ein kleines Pröbchen des polnisch gouvernementalen Assemitismus: Die hiesige Landesverwaltung wurde von Dunajewski in ungewöhnlich raschem Avancetempo in die Hand eines preußischen Polen gelegt. Dieser Finanzgewaltige ließ seinen jüdischen Beamten gelegentlich eines diesjährigen Empfanges die sehr trostreiche Aufmunterung für ihre überaus pflichteifrigen Dienste zukommen, dass die Herren Secretäre rc. nicht der Hoffnung auf höhere Avancements Raum geben mögen, es sei sein (?) Grundsatz, Juden nicht in höhere Rangstellen einreihen zn lassen. Neulich taufte sich ein Secretär, der mindesttüchtige und jüngere seiner Amtscollegen, Herr Secretär U., und es geschah das Wunderbare, dass der Täufling sofort zum Rath vorgeschlagen und ernannt wurde. Man könnte derartige empörende Dinge en masse aufzählen, allein die Recriminationen am grünen Tische werden nur ein mitleidiges Lächeln seitens der Gewalthaber, ja noch mehr, boshafte Schadenfreude erregen. Zieht doch ein jesuitisch-clerical-feudal polnischer Eiswind durch das galizische Land, um das Jndenthum zum Erfrieren zu bringen, und unsere selbst von den besten Intentionen beseelten Abgeordneten laufen mit dem Maulkorbe, den ihnen der Polenclub angehängt hat, herum. Tantals! Dein Name ist: jüdischer Abgeordneter aus Galiziens Gauen. Auf dem autonomen Herrschaftsgebiete in Galizien, dem 800.000 Juden, iä «ot 12 Percent der Gesammtbevölkcrung, jüdisches Blut und Gut opfern, herrscht Judenreinheit in all den zahlreichen Verwalturlgszrveigen. Diesen jndenreinen Erfolg hat die 30jährige politische Heeresfolge, welche unsere Intelligenz den Polen leistete, eingetragen. Der Nothschrei, den Herr Dr. Grünberg namens der galizischen Juden ertönen ließ, und dies im polnischen Idiom, bildete den 3. Punkt der Tagesordunng, und als der Referent seinen Vortrag beendet hatte, wurde derselbe auch von den Zionisten lebhaft acclamirt und seine Anträge einstimmig angenommen.

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