Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 15 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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(Seile 10. Die IVahrheil. Nr. 15. umfassenden Organisation nicht nur nicht auszuschließen, sondern zufolge ihrer günstigen pekuniären Siluatiou dieselbe auch lhatkraftigst zu unterstützen. Demgemäß ergeht auch an alle unsere Collegen. die es mit ihrem Berufe ernst meinen, denen das Wohl ihres Standes und ihr eigenes Wohl am Herzen liegt, der Ruf nach einer Organisation, nach Zusammenschluss aller Kräfte. Periodische Zusammenkünfte sollen veranstaltet werden, bei rvelchen alle schwebenden Tagessragen erörtert, Missstände zu Tage gefördert, Vorschläge zu deren Abhilfe gemacht, und eigene Erfahrungen und Erlebnisse, die in Ausübung des Bernses gesammelt wurden, zur Kenntnis der Versammlung gebracht werden. Hand in Hand mit der Constituirung einer Organisation müssen wir das Fachblatt aus das kräftigste unterstützen, für einen ausgedehnten Leserkreis desselben Sorge tragen, damit die in dem Blatte besprochenen Missstände die weitestgehende Publicität erfahren und auch in maßgebenden Kreisen gelesen werden. Erfahrungsgemäß liefern periodische Zusammenkünfte der Mitglieder einer Fachgenossenschasl sehr viel Stoff, der dann in der Fachpresse besprochen, derart zur Kenntnis weiterer und maßgebender Kreise gelangt und gar oft die Abstellung so manchen Uebelstantes zur Folge hat. Das Fachblatt soll nicht nur in unseren Kreisen, sondern auch von jenen Personen gelesen werden, die über das Wohl der Gemeinde zu wachen haben, damit de'artige Uebelstände, wie wir sie geschildert haben, zu ihrer Kenntnis gelangen. Diese Persönlichkeiten werden dann gewiss dafür Sorge tragen, dass derart zu rügende Zustände in ihrer Gemeinde nicht Platz greisen, und dann wird auch die Zeit nicht ferne sein, wo dem Canlor die geachtete Stellung eingeränmt wird, die ihm gebührt. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag den 4. Mai Abends und Samstag den 5. Mai Früh wird Herr S. Cerini, Obercantor in Breslau, im Leopoldstädter Tempel Probe-Vorträge halten. Beginn des Gottesdienstes:Freitag Abends um 7 Uhr 30 Minuten, Samstag Früh um 8 Uhr. Wie«. Herr Dr. S. Frankfurter, Scriptor ander k. k. Wiener Universitäts-Bibliothek, ist vor Kurzem vom Minister für Cultus und Unterricht zum correspondirenden Mitglied des österr. archäologischen Institutes ernannt worden. Wien. Vorige Woche, Dienstag, ist hier nach längerem Leiden der Hof- und Gcrichtsadvocat Dr. Ludwig Pick im Alter von 38 Jahren verstorben. Der Verblichene, ein äußerst tüchtiger Jurist und hochintegrer Character, war durch besondere Herzensgüte und anspruchslose Bescheidenheit ausgezeichnet. Er war Jude im besten Sinne des Wortes und sehr religiös. Noch am vergangenen Pessachseste, als ihn seine Füße kaum mehr trugen, besuchte er die Synagoge in der Schönlaterngasse, deren treues Mitglied er war. Er war ein ausgezeichneter Sohn, ein liebevoller Gatte, ein hingebungsvoller Freund und im Kreise seiner Berufsgenossen wegen seiner besonderen Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit hochgeschätzt. Der Verewigte war ein Sohn des jetzt hier domicilirenden emeritirten Hauptschullehrers Moses Pick aus Prag und erst seit einem Jahre verehelicht. Zum Leichenbegängnisse, welches Donnerstag, den 26. April, stattsand, waren zahlreiche Collegen und Freunde aus Nah und Fern gekommen und bemerkten wir unter denselben auch Herrn Dr. Adler, Secretär der Wiener Cultusgemeinde, welcher zum Verblichenen viele Jahre in herzlich freundschaftlichem Verhältnisse gestanden hat. Am Grabe sprach Hof- und Gcrichtsadvocat Dr. Rafael Klein und nahm namens der Berufsgenossen mit bewegten Worten Abschied von dem hochgeschätzten Collegen Wien. Sonntag, den 29. April l. I, fand im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Herrn Philipp Schwarz mit Frl. Rosa Kohn, Tochter des in der Leopoldstadt bestbekannten Bäckermeisters, Herrn Wilhelm Kohn, statt. Dem Trauungsacte, welchen Rabbiner Dr. Schmidl und I. Cantor Blatt vollzogen, wohnte ein zahlreiches Publicum bei. Wien. Donnerstag, den 26. April l. I., fand im Tempel Fugkbachgasse der Bris Miloh des erstgeborenen Sohnes des Obercantors Ai. Seifert, unter Anwesenheit des Gesammtvorstandes mit dem Obmann Herrn Ad. Schrämet an der Spitze, statt. Als Gevatter fungirte das Vorstandsmitglied Herr Herrn. Ehrenfeld, als Sandek der Schwiegervater Salom. Tieger. Wien. Sonntag, den 29. April l. I., fand im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Herrn Arnold Friedmann mit Frl'. Sophie- Freundlich, Tochter des Vostehers der Fugbachsynagoge, Herrn Ignatz Freundlich, unter Anwesenheit zahlreicher Hochzeitsgäste statt. Den Trauungsact vollzogen Rabbiner Dr. Schmidl und l. Cantor Blatt. Kostt. Hier ist Frau Marie Kohn, Gattin unseres verdienstvollen Cultusvorstehers Herrn Baruch Kohn, im Alter von 56 Jahren verschieden. Die Verblichene war eine fromme, wohlthätige, allseits beliebte Frau, weshalb auch die ganze Gemeinde an dem traurigen Ereignisse innigen Antheil nahm. Die Herren Rabbiner Dr. Groß aus Lundenburg und der neugewählte hiesige Rabbiner, welcher sein Amt noch nicht angetreten, hielten die Trauerreden. Cantor Blau versah die liturgische Function. Arag. Am 24. April starb in Prag, Smichow, die Witwe nach dem dortigen, vor Jahresfrist verstorbenen Rabbiner, Herrn Phil. Doctor Back, Frau Emma Back, geb. H a u ck. Die Verblichene erfreute sich wegen ihrer hervorragenden geistigen Eigenschaften und ihres lauteren Charakters der größten Sympathien in weiten Kreisen. In ihrer Eigenschaft als leitendes Mitglied zahlreicher humanitärer Vereine wirkte sie in stiller Wohlthätigkeit in der segensreichsten Weise. Das Begräbnis fand unter großer Theilnahme zahlreicher Trauergäste statt. Lemberg. Verflossenen Freitag langte hier eine telegraphische Mittheilung aus Essegg ein, dass Herr Rabbiner Dr. Ehrenpreis zum Großrabbiner in Bulgarien gewählt wurde, jedoch ist es noch zweifelhaft, ob Herr Dr. Ehrenpreis diesen Posten antreten und seine glänzenden Aussichten auf Essegg fallen lassen wird. Lemberg. (Die Asfaire M i ch a line Ar aten.) Gegen den Bürgermeister der Stadt Kenty in Galizien, Zajonczek, erhob die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Hausfriedensbruches, weil er in das Kapuzinerinnenkloster in Kenty in rechtswidriger Weise im Vereine mit Israel Araten eingedrungcn ist, um Nachforschungen wegen Verbleibes der Michaline Araten durchzusühren. Bürgermeister Zajonczek wurde nach durchgesührter Verhandlung des Hausfriedensbruches schuldig erkannt und zu zehn Tagen Arests verurtheilt. Groß-Kanizla. Dr. Leopold Goda, Sohn des Bicecantors Samuel Goldmann, ist bei der am 26. April hier stattgefundenen Ärzten»! wähl zum Stadtarzten gewählt worden. Wir gratuliren dem in seiner Gemeinde in vorzüglicher Achtung stehenden alten Collegen aufs herzlichste. Wetovar. Sehr geehrte Redaction! In Nr. 14 der Cantoren-! Zeitung finde ich die Notiz: „Rafael Moor soll sich später von der J Synagoge losgesagt haben und ist yerschollen." Dies kann ich pahin j berichtigen, dass er sich nicht von der Synagoge, sondern nur vom Canj tora e losgesagt habe; er lebt gegenwärtig iu München. Diese Notiz > dürfte übrigens auch von Prag aus berichtigt worden sein. Hochachtend I Regina Mirsky-Tauber, derzeit Bevolar, Croatien. > Budapest. (Der wiedergefundene Soh n.) Vor genau! 25 Jahren erhielt der Thorarollenschreiber Reb Nehemia Zuckermann j die traurige Kunde, dass sein einziger, damals 22jähriger Sohn Jakob i das Elternhaus für immer verlassen habe, weil er seine Anstellung verlor! und den Eltern nicht zur Last fallen wollte. Der junge Zuckermann durchzog die Welt und brachte sich redlich mit seiner Hände Arbeit durch; nie aber gieng es ihm so gut, dass er seinen Eltern eine freudige Nachricht hätte zukommen lassen können, und so schwieg er Jahrzehnte hindurch und galt bei seinen Eltern als verloren. Am jüngsten Freitag Abends, Frau Zuckermann hatte eben die Sabbathkerzen angezündet, als ein Mann in die ärmliche Behausung des gottessürchtigen Greisenpaares trat und bald die Frau bald den Mann mit gerührter Stimme fragte: „Kennt Ihr mich nicht? Kennst Du mich nicht, Vater? Kennst Du, Mutter,. Deinen Jakob nicht?" Nach unzähligen Umarmungen und Küssen trab eine Pause stummer Rührung ein, die alte Frau sank schluchzend in einen Lehnstuhl und Thränen rannen über den silberweißen Bart des alten Nehemia. Indessen holte Jakob Zuckermann seine vor dem Hausthore in einem Fiaker wartende Gattin und sein kleines Söhnchen herbei, stellte sie seinen Eltern vor, die ganze Gesellschaft nahm um dem weißgedeckten Tisch Platz und^Jakob Zuckermann begann zu erzählen. Nach einer langen Wanderung durch Europa, während welcher er sich die deutsche, französische-