Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 15 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ni. 15. Die IDahrheit. Seite 11. und englische Sprache angeeignet hatte, gelangte er als Matrose mit einem Segler nach Indien. Nach langer Krankheit und schweren Entbehrungen kam er als Steward eines Ämerikafahrers nach New-Aork, wo es ihn jedoch nicht lange duldete. Er zog von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort gegen Süden, immer bestrebt, aus seinen Sprachkenntniffen Capital zu schlagen. In Mexiko gelang ihm endlich sein Plan; er gründete eine Sprachenschule, die sich mit der Zeit großer Beliebtheit erfreute, wurde ein reicher Mann und heiratete vor etwa 10 Jahren die Tochter eines amerikanischen Plantagenbesitzers, Frl. Carmella Del Fiori. Jakob Zuckermann gedenkt den Sommer in Budapest zu verbringen und erst im Herbst die Rückreise in sein neues Vaterland anzutreten. Er ließ den alten Eltern selbstverständlich reichliche Geldmittel zurück, kündigte die armselige Wohnung in der Hollogasse Nr. 15, wo Nehemia Zuckermann seit zwei Jahrzehnten wohnt, und stellte den alten Lenten eine neue Wohnung mit netter Einrichtung zur Verfügung. Samstag Früh begleitete der wiedergefundene Sohnseinen Vater in das orthodoxe Bethaus in der Schiffmannsgasse, und die Sitznachbarn des greisen Nehemia wurden nicht müde, dem alten Mann zu gratuliren und Gottes Allmacht zu preisen. Iie Mekenner des jüdischen chsanbens zählen nach dem jüdischen Jahrbuche, das ein Londoner Verleger alljährlich herausgibt, insgesammt ungefähr elf Millionen. Davon kommen ungefähr acht Millionen aus Europa, und zwar auf Rußland 4,500,000, auf Oesterreich 1,860,000, auf Deutschland 567,000, Rumänien 300,000, Türkei 120,000, England 101,000, einschließlich der Colonien 148,000. Nach der geringsten Schätzung sind im heutigen Deutschland während des 19. Jahrhunderts 17,520 Juden getauft worden. Für Oesterreich-Ungarn nimmt man im Laufe des Jahrhunderts 8356, für Rußland 3136 Judentaufen an. Die meisten Uebertritte, etwa 30,000, sind in Großbritannien erfolgt. Während in Preußen im Jahre 1878 noch 10,781 jüdische Kinder geboren wurden, betrug die Zahl der im Jahre 1897 geborenen nur noch 7596, also trotz des natürlichen Zuwachses der jüdischen Bevölkerung fast 3200 Köpfe weniger. Wacarrzerr. Leipzig. Cantorstelle. AnfangsgehaltZvon 4500 Mk. Bewerber muss deutscher Unterthan sein. — Kreutzbu'rg (Ober- Schlesien). Cantor, Schächter. Gehalt 2100 Mk. und Nebenemolumenten. Befähigung zum Religionslehrer erwünscht. — Hamburg (Dammthor). Tenorist, musikalisch gebildet, Vertreter des Cantors und Vorbeters. Meldung an Vorsteher Moritz Stavenhagen, Admicalitätsstraße 681. — Meran. Cantor- und Rel.-Lehrerstelle. Gehalt 1200Kr.,freie Wohnung, Gesuche an F. Stransky, Bankier Meran. — S i s s e k (Croatien). Cantor, Schochet u. Mohel. Gehalt 1500 Kr., Nebeneinkommen garantirt 600 Kr. Zuschriften bis 1. Juni an Vorstand. Lilteralur. Iie Schmach des Jahrhunderts, von Jonas Wilheimer. — Der in. wissenschaftlichen Kreisen durch seine pädagogischen und gelehrten Werke bestens bekannte Schriftsteller hat durch diese kurze und kernige Broschüre den an der Wende des Jahrhunderts leider noch immer aktuellen Gegenstand treffend dargestellt, allerdings mehr in der historischen Entwicklung, als in der sachgemäßen Bekämpfung; diesfalls werden competente Koryphäen mit ihren maßgebenden Urtheilen, bezw. Verurtheilungen der so hässlichen und gehässigen Bewegung citirt, was wohl der objectiven Betrachtung genügen kann. Das Andere hängt vom Fortschritte der Civilisation und der allmäligen Erleuchtung und Erlösung der Menschheit durch die Macht der Wahrheit ab. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen. Leb e^n Von Moritz Scherbet. (Nachdruck verboten.) (31. Fortsetzung.) 9. Unglückliche Liebe. Gabriel Lindenberg, mit dem wir uns beim Beginn unserer Er. Zählung nur kurz beschäftigten, war wohl Wer Glanzberg'schen^ Familie verwandt, allein er kam nur selten dahin, weil ihn das vornehme Wesen, das daselbst herrschte, fern hjelt und er unbeachtet zu bleiben fürchtete — denn Gabriel*besaß auch einen gewissen Grad von Stolz. Seine Mutter indeß nahm es^nicht so genau. Die Mutter Fremma's war eine Cousine von ihr und und sie ssuchte deren Haus an Sabbathen und Festen gerne auf und hatte auch niemals Ursache es zu beklagen, denn sie wurde mit allen Zeichen verwandtschaftlichen Wohlwollens empfangen. Wie nun die Frauen einmal sind, so sprechen sie viel über die Zukunft ihrer Kinder, wo Frau Lindenberg so viel Gutes von ihrem Gabriel zu erzählen wusste, und auch Rebekka Glanzberg von ihrer Fremma sprach und die Einfachheit und Wirthschaftlichkeit an ihr rühmte. „Ach, wenn man doch reich gewesen wäre," hatte einmal Frau Lindenberg bei solcher Gelegenheit geäußert — „wenn man doch reich gewesen wäre — und mein Mann dem Gabriel so seine 10.000 Rubel hätte mitgeben können, irgend ein Geschäft zu beginnen." — Und sie hielt inne. — „Nun, was wäre dann gewesen?" fragte die Andere im aufmunternden Tone. „Nimm mir's nicht übel, Rebekka, dass ich mich so weit versteige — ich hätte dann keine andere Schwiegertochter gewünscht, als Deine Fremma." „Nun, Leah, wenn es nur am Gelde liegen sollte, da wäre noch darüber hinwegzukommen. Warten wir vorerst noch ab." Diese frohe Aussicht, die der Mutter Gabriel's eröffnet wurde, konnte die Frau nicht auf dem Herzen behalten, sie musste ihrem Manne davon erzählen, der aber das Vernommene, praktisch, wie er immer dachte, für leeres Gewäsch hielt. Noch weniger konnte diese Mittheilung auf Gabriel einen Einfluss üben. Es war noch in jener Zeit, wo er Fremma noch ganz fremd gegenüberstand. Wie sich dies nun aber später änderte, als Fremma zu ihrem Großvater zog, wo er sie um so vieles näher kennen lernte, da konnte es nicht ausbleiben, dass er, wenn seine Mutter, wie es nicht selten geschah, auf jenes Project zu sprechen kam, seine Begeisterung für Fremma in einer Weise kund gab, die seinen Eltern, besonders seiner Mutter, die Neigung offenbarte, die er für die Tochter des reichen Glanzberg empfand. Da trat ein Fall ein, der sowohl der Mutter Gabriels wie diesem selbst einstweilen jeden Lichtblick in die Zukunft nahm: Baruch Lindenberg starb plötzlich und mit ihm brach der Pfeiler, der der Familie ihre Existenz gegeben hatte. Großes Vermögen war nicht geblieben und der Geschäftsbetrieb musste eingestellt werden. Es kam schließlich dahin, dass Gabriel durch Stundengeben die häuslichen Bedürfniffe aufbringen musste. Seine Gedanken hatten jetzt weniger Muße sich mit Fremma zu beschäftigen. Die traurige Veranlassung schien sogar wohlthätig auf seinen erregten Gemüthszustand zu wirken, der ihn seit der Begegnung mit dem Nihilisten beherrschte, wo er herauszufinden glaubte, dass er mit seinen Ansprüche auf Fremma nicht mehr allein da stehe, noch mehr, wenn er in Betracht zog, wie sehr er sich mit seiner körperlichen Erscheinung im Nachtheil gegen seinen Rivalen befand. Früher, als die Neigung für Fremma ihm zu Bewusstsein geiommen war, hatte er sich vorgenommen, durch den Erwerb eines großen, geistigen Schatzes sich ihr ebenbürtig zu machen. Er eignete sich die russische, deutsche und französische Sprache bis zu einer gewiffen Vollkommenheit an, er trieb Mathematik, Logik und war bekannt mit den alten und neuen Claffikern. Er wollte Fremma mit seinem reichen Wissen imponiren, um ihr so das Gefühl abzuringen, das seine persönliche Er scheinung ihr nicht «inzuflößen vermochte. Indes, von der Zeit ab, wo der Nihilist in dem Hause Glanzberg erschienen war, ließ seine diesbezügliche Thätigkeit nach, und das hatte jener Blick bewirkt, den er Fremma auf den Nihilisten richten sah, jene Theilnahme, die sie für ihn an den Tag legte, jene Aufmerksamkeit, mit der er den Fremden behandelt zu sehen glaubte. Gabriel war eifersüchtig. Der Arme, wenn auch so weit von seinem Ziele noch entfernt, hatte er die Erreichung desselben niemals aufgegeben. Jetzt aber fühlte er, dass der Kampf ein doppelter werden müsste. Da trat der Tod des Vaters ein, und Gabriel wurde ganz und gar von den Sorgen gefangen genommen, die derselbe über ihn brachte. Er hatte nicht Muße, seinen Herzensangelegenheiten nachzujagen, als in der Stadt das Gerücht auftauchte, dass Abraham Glanzberg seine zweite Tochter zu verheiraten beabsichtige, uud zwar mit dem Nihilisten, der eines Abends bei Hirsch Glanzberg Schutz vor der ihm nachfolgenden Polizei gefunden hatte. Allein, wer konnte wohl so etwas glauben, der die Familie Glanzberg und ihre Ansprüche in dieser Beziehung kannte, wer konnte glauben, dass der so hochangesehener Glanzberg seine Tochter einem hergelaufenen Staatsverbrecher geben werde? (Fortsetzung folgt.)