Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 15 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.- Ungar. Kantoren-Aeitung. Nr. 15. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20 Iahrg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Hledaction. Organisiren wir uns. (Schluss.) Schließlich müssen wir aber gestehen, dass diese Gattung Don College» noch immerhin das Eine für sich hrt dass sie ihren Beruf von der ernsten Seite nimmt, dementsprechend den Stand nicht herabsetzt. Ganz anders ist es mit einer anderen Categorie. Da sinden wir ein Conglomerat von Bernfsclassen, wie es wohl kein Stand anfznweisen hat, aber auch das wäre noch immer nicht das Schlechteste, wenn dieselben sich nur als Eollegen fühlten oder die hehre Ausgabe ihres Berufes erfassten. Leider aber gibt es gar Viele, die des Vorbeteramtes nicht würdig sind, was nur der moralischen Gesnnkenheit so mancher Gemeinde zuzuschreiben ist. Da ist z. B. in einer Gemeinde ein Lehrer, der wegen eines Deliktes, das ich mich öffentlich \u nennen scheue, vorzeitig um Pension einschreiten musste; er bemächtigte sich des Vorbeterpultes und betrachtet denselben als Geschäft, um soviel als möglich zu erbeuten. Ein Anderer ist wieder ein Freund eines guten Tropfens uub, um als Mann von Geist zu gelten, kauft er sich den'elben in der Spelunke gleich Morgens vor dem Morgengebete, taumelt demzufolge zum Almemor und. gurgelt mechanisch die Gebete herunter. Die Leute lachen, anstatt ihre Andacht zu verrichten: „er hat halt zu viel geladen!" — Wieder ein Anderer erscheint pünktlich, wenn gewisse Leute Jahrzeit haben, macht sich erbötig, Rabonum- Kaddisch zu sagen, nennt aber denjenigen einen Fanatiker, der die Bemerkung wagt, es sei ein Fasttag, oder dass es zu Awdoloh zu früh ist. Denen Allen ist der Beruf ein Mittel zum Zweck, die Religion eine Melkkuh, zumal sie die religiösen Gebräuche nur nach dem Maste ihrer Erträglichkeit u»ld Beqnemlichleit als bindend betrachten. Oder tragen vielleicht die sogenannten Zugvögel, die. heute da, morgen dort als Cantoren auftreteu, aber nirgends verbleiben, im Gasthause, gleich einem Bänkelsänger, mit einem Schma Jisroel oder Weschomrn debutiren und brilliren, sich dabei Reisespesen erschnorren und * weiterziehen, um anderwärts ihr Kunststückchen derselben Art zu demselben Zweck auszuführen — zur Hebung unseres Standes bei? Dass alle diese Elemente von einer Organisation nichts wissen wollen, ist doch selbstverständlich, sie brauchen auch ein Fachblatt nicht. Aber dass der Cantorenstand durch sie herabgewürdigt wird, muß wohl nicht erst betont werden, zumal diese Parasiten seine eigentlichen Schädlinge sind; denn wenn dann schließlich doch ein ehrenhafter Cantor in eine solche Gemeinde kommt u d auf Achtung Anspruch erheben will, begegnet er nur einem verächtlichen Achselzucken. Wenn wir nun eine Organisation ins Auge fassen, können wir demnach nur auf den gesunden Kern des Cantorenstandes reflectiren, auf jene, die es ebenso mit ihrem Berufe ernst nehmen, wie sie in jedem Eollegen einen Freund erblicken. Aber auch da müssen wir leider zwei Gruppen auseinanderhalten. Zu der einen zählen wir in erster Linie diejenigen, denen Fortuna lächelnd einen Posten in einer Großstadt in den Schoß warf, deren Stellung demzufolge eine angenehme, weil auch gesicherte ist, die füglich auch auf eine Organisation leicht verzichten können. Aber es gibt Cantoren. denen Fortuna nicht lächeln will, die in einer Provinzstadt verkümmern müssen, die jedoch trotzdem mit ihrem Berufe es ernst meinen, aber zu stolz sind, ihre prekäre Lage offen zur Schall zu tragen. In ihrem Heim müssen sie sich die größten Einschränkungen auferlegen und sie möchten sich gerne einer Organisation anschliesten, aber sie scheuen die hiemit verbundenen Auslagen, zumal ihr Einkommen kaum zur Deckung der häuslichen Bedürfnisse hinreicht. Dass aber dem Cantor das Einkommen möglichst geschmälert werde, dafür sorgen schon andere Bedienstete der j Cultusgemeinde, allen voran aber der Schames. Dass der Schames, der doch die letzte Rangstufe in der Beamtenhieiarchie der Cultusgemeinde einnimmt. oft einen so! entscheidenden Einfluß ans die Gestaltung der Lage des Cantors! ausübt, beruht auf folgenden Gründen: In so mancher Gemeinde! ist der Schames eine Person, die in irgend einer anderen Beruf-! fphäre sein Auskommen nicht staden konnte, ein Kind der Gemeinde, | dem mit Rücksicht darauf dieses Aemtchen zugewiesen lvurde, j und der bei der zunehmenden Interesselosigkeit der leitenden Kreise > der Gemeinde für religiöse Jnstittttiolien das Factotlliu des Vorstehers lvird. Es gelingt ihm leicht, mittlerweile freiwerdende Aemter mit seiner Stelle zu vereinen, und so lvird er als Schames auch Gemeindepolicist, Religionslehrer^Schochet, Secretär rc. rc. in einer Person, ohne für diese Aemter eine andere Eignung zu besitzen, als die, dass er die für dieselben entfallenden Honorare zu beziehen versteht. Dabei ist einem derartigen Menschen der Cantor zumeist ein Dorit im Auge und gerne möchte er > auch dessen Einkommen einheimsen; das ist wohl glatterdings j nicht so leicht möglich, denn da must man sein Können und l Wissen öffeittlich zeigen, da kann man nicht im Trüben fischen. Schließlich aber weiß er sich auch da zu helfen, um auf Kosten des Cantors sein Einkommen zu erhöhen. Als Schames ist einem oft Gelegenheit geboten, mit den Gemeindemitgliedern zu verkehren, da wird, so oft als es nur jemand hören will, betont, dass der Cantor ein Einkommen von so und v el habe, dabei gar nichts zu thun hätte, während doch er, der Schames, zu bedauern sei, denn bei so vielen Dienstleistungen beziehe er ein äußerst knappes Gehalt. Man brauche dem Cantor nichts weiter zukommen zu lassen, der hätte ohnedies mehr als genug; dafür soll man den Konfirmanden- und Privat-Religionsunterricht, Jahrzeiten, Kauf von Andachtsgegenständen, uub wie der Svorteln noch andere heißen, dem Schames zuweisen. Wol ist damit blos die materielle Lage des Cantors tangirt, und in feinem Stolze reagirt derselbe nur in den seltensten Fälleit aus derartige Umtriebe, jedoch wird von solchen Personen oft auch die moralische Lage tu nicht geringem Maße beeinflusst. In so mancher Gemeinde hat der Schames die laufenden Bedürfniße der Gemeinde pauschalirt, als da sind die Beheizung der Amtslokalitäten und die Beleuchtung des Tempels. Naturgemäß trachtet man am Pauschale so viel als möglich zu ersparen, den Hauptnutzen aber muss die Beleuchtung des Tempels hergeben. Wehe dann dem Cantor, wenn der Gottesdienst am Freitag- oder Feiertag-Abend um zwei Minuten langer dauert, sein Schicksal ist besiegelt. Dass unter solch.n Umständen die Lage des Cantors keine beneidenswerthe ist, braucht nicht erst betont zu werden; aber hervorheben müssen wie, dass derartige Uebelstände nichtvereinzelt Vorkommen, sie zeigen sich in vielen Gemeinden, natürlich in verschiedenen Formen. Was wir nun zu thun haben und thun sollen, um dem > abznhelfen, ist uns demnach klipp und klar vorzezeichnet. Nur! von einer Organisation und einem guten und stark verbreiteten! Fachblatt können wir Abhilfe erwarten, und darum . erlauben j wir uns einen warmen Appel an unsere besser litiiirteii Eollegen i zu richten, sich von einer alle gesunden Kräfte unseres Standes