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Die Wahrheit · 1900-05-04 · Heft 15 (4.5.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 15 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 7. Rachel diesen Gesang recitiren gelehrt, und sie hat damit nicht minder das Publicum entzückt, als mit ihren dramatischen Vorstellungen. Sie verdankt überhaupt dem berühmten Advocaten ihren Ruhm und ihre Stellung. Sein Salon war unter der Juli-Monarch e einer der beliebtesten und besonders der Sammelplatz der Künstler und Kunstliebhaber, zu denen auch er gehörte. Eines Tages wurde ihm das etwas vernachlässigte Mädchen vorgestellt. Er erkannte das Talent in der Rachel und lieg sie zu sich kouunen. „Sie war", erzählte er, sehr unwissend. Ich gab ihr Stücke aus „Phädra", „Andromache", „Iphigenie" zu recitiren. Sie declamirte sie mir sehr reizend; aber, sagte ich zu ihr, es scheint, dass du nicht verstehst, was du hersagst?" —„Wie, Väterchen", erwiderte sie, „komme ich denn dazu, diese Sachen zn. kennen?" Ich gab ihr eine Lectürc über die Zabel der Stücke, über den mythologischen Hintergrund, gieng die Verse mit ihr durch, schickte sie in ein Nebenzimmer und sagte: „Jetzt lerne und recitire es mir!" Als sie zurückkam, stand bereits die große Schauspielerin, vor mir. Sie declamirte hinreißend. Wir setzten unsere Lectionen fort, und bald konnte sie aus der ersten Buhne Frankreichs ihre Nebenbuhlerinnen verdunkeln. Talente anerkennen, sie ans Licht ziehen, war ihm ein förmliches Bedürfnis. Gambetta war sein Gehilfe gewesen, doch liebte der spätere Kammerpräsident die Juristerei nicht. Cremienx ließ ihn bei einem großen Verschworungsprocesse Mitwirken, -aber sie trennten sich bald, um sich erst im Jahre 1870, als Gambetta gegen das Plebiscit im Corps Legilativ sprach, wiederzusinden. „Als ich ihn da" erzählte Cremienx, „jene Beredtsamkeit entfalten härte, die ihm später die Führerrolle vindicirte. traute ich meinen Augen und Ohren nicht. „Ist er es wirklich?" fragte ich mich, und als er die Tribüne verließ, konnte ich nicht umhin, ihn zu umarmen und zu beglückwünschen. Cremienx' Bered:- samkeit war von jener Gambetta's ganz verschieden. Es herrschte bei Ersterem Eleganz und Leichtigkeit vor. Er handhabte mit gleichem Geschick die Kunst, tief zu rühren, und jene, lächerlich zu machen. Als Legonvö einmal Mademoiselle Rachel ans Entschädigung j Elagte, weil sie ein Stück von ihm nicht spielen wollte, las Cremienx Scenen aus dem Stücke derart vor, dass der ganze Saal in Lachen ausbrach. Das Gericht sprach die Rachel frei, Legonvtz aber konnte dem Advocaten nie verzeihen. Cremienx hielt sich als Advocat verpflichtet, Jedem beiznfpringen, der seine Dienste in Anspruch nahm, namentlich wenn er der unterligenden Partei angehört. Er hat die Minister Karls X., Louis Napoleons und die der Verschwörung ungesagten Arbeiter vertheidigt. Sein Salon war eine der fett - sumsten Sammlungen von Andenken aus allen Ländern und von allen Parteien. Lange Zeit vertrat er die Familie Bonoparte. Er war für die Candidatur Louis Napoleons gegen Cavaignac, wendete sich aber gegen ihn und lvurde am 2. Deeember in Mazas eingesperrt. Von da ab weigerte er sich, in die Toulerien zu gehen. Da traf es sich, dass die Juden in Marokko ein Wort an den Kaiser richten wollten. Niemand war dazu mehr berechtigt und hatte mehr Aussicht ans Erfolg, als Cremieux. Er kämpfte lange mit sich und bekämpfte sich. Als er zurückkam, brach der alte Mann in eine Art Paroxismns aus: „Ja," platzte er zu den ihn Erwartenden heraus, „ich habe ihn gesehen," und fuhr sich mit den Händen in das weiße, wollige Haar. „Er hat mir zugesagt" und wiederholt rief er unwillig die Worte: „Ja. ich habe ihn gesehen!" als hatte er sich da einer Unthat ZU zeihen; aber er sah ihn nimmer wieder, wohl aber lief er oft den ' Ministern die Thür ein, wenn es sich um verfolgte Juden handelte. Cremienx war ein Jude in des Wortes reinster Bedeutung, ein Jude, dem das Heil und Wohl seiner Glaubensgenossen am Herzen lag, der sich mit Stolz einen Juden nannte, dessen Zorn entbrannte, so man aus gegnerischer Seite die Fehler lind Verbrechen der Juden zu generalisiren versuchtes . Im Jahre 1858 fand vor dem Kriegsgerichte in Oran (Algerien) ein Prozess statt, in welchem m.'hrere Jnoeu sich unter den Angeklagten befanden. Cremieux war ihr Verchei >iger. Gegen den Schluss feiner Anklage hakte sich der kaiserliche Commissarins eine überaus heftige Anschuldigung gegen die Inden erlaubt. Cremienx begann sein Plaidoyor mit einer energischen Zurückweisung dieser Diatribe. In dieser vorzüglichen Rede hieß es unter Anderm: „Meine Herren! Bevor ich mich mit der eigentlichen Sache beschänge, muss ich vor Allem ans den Schluss der Rede antworten, welchen das öffentliche Ministerium soeben ausgesprochen. Diese Worte haben mir das Her; durchschnitten. Dieser heftige Angriff gegen die Juden von seiten des jungen Offlciers, der sich des Wortes wie des Degens mit gleicher Auszeichnung bedient, gehört nicht unserer Zeit, nicht unserem Lande an. Ich habe die Ehre Jude zu sein, meine? Herren, und ich habe auch die Pflicht, die ich nie verletzt habe.! den Angriff auf meine Glaubensgenossen abzuwehren. Weil! einige Individuen dieses Bekenntnisses vor dem Gerichte stehen, schleudern Sie aus Alle eine beschimpfende Anschuldigung! Aber unsere Religion, was ist sie? (Schluss folgt.) Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. Sonntag, den 13. Mai 10 Uhr Vormittags findet im Saale der israel. Cnltusgemeinde, l., Seitenstettengasse 4. 2. Stock die siebeilnudzwanzigste ordentl. General- Ver- , Li» 'WlVU Ulk -, . . sammlung der „Israelitischen Allianz zn <vien" mit folgender Tagesordnung i'htt: 1. Bericht über die Thätig>°eit des Vereines im Jahre 1899. 2. Bericht über die finanzielle Gebahrnng im Jahre 1899. 3. 'Wahl von fünf Vorstands-Mitgliedern mit vierjähriger Fnnction^da.ler (§ 6 der Statuten). Die Reihe zum Austritte trifft die Herren: Theodor Kohn, Adolf Klein. Dr. A. Schmidt, Rabbiner und Prediger, Fritz Singer und Sigmund Tanssig, k. k. Qberbanrarh. 4. Neuwal des Beirathes für die Dauer von drei Jahren (§ 6 der Statuten). 5. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder 8 der Statuten). Wien. Dem verdienstvollen Obmanne der Chewra- Kadischr und des Bikur-Cholim-Vereines der hiesigen türkischen Gemeinde, Herrn Licco M. Russo, wurde von Sr. Majestät dem Sultan, in besonderer Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste ans commerciellem Gebiete, der Osmanie-Orden verliehen. Wien. Am -ryiorr bin sollte im Betlocale des Vereines „Liwiarh Chen," Obere Donaustraße, eine zionistische Versammlung stattfinden, doch im letzten Momente hatten einige Herren vom Vorstande ein Bedenken, ob es geziemend sei, zumal der Zionismus auch als politische Angelegenheit ausgesasst werden kann, nnd anderseits der Cultnsvorstand dem Vereine eine reguläre Subvention gewährt, in einem Bethause darauf bezügliche Reden zn halten. Sohin entschloß man sich, in ei» Restartrant in der Großen Schiffgasse zn übersiedeln, wo Antiquar Deinhardt aus Amerika über die verschiedenen Arten der jüdischen Colonisation eine längere mit Beifall ansgenommene Rede hielt. Or. L. Kahn sprach noch über das Verhältnis der Orthodoxie zum Zionismus und stellte die Ansicht ans, dass bei größerer Beteiligung der religiösen Richtung auch beim Congress in , Basel derselbe wesentliche Erfolge erzielen konnte. Nachdem noch i der Obmann des „Liwiath Chen," Herr Mori; Groß, und! andere Herren ihre Meinung unverblümt gegen die allzufreie»; Anhänger des Zionismus äußerten, schloß nach 10 Uhr die gutbesuchte Versammlung. Mrag. D e r B e r e i n für geregelten Gottes- : dien st der Israeliten in Prag hielt Sonntag am; 8. v. seine Jahresversammlung unter Vorsitz des Obmannes 1 Herrn Dr. L. B e n d i e n e r ab. Derselbe gedachte nach der ’ Begrüßung der Erschienenen der Heimgegangenen Ehrenvorsteher - Herrn I. F i s ch e l und M. Maie r, wie der übrigen im i letzten Jahre verstorbenen Mitglieder. Ferner erwähnte er, dass

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