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Die Wahrheit · 1900-05-04 · Heft 15 (4.5.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 15 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 15. ganz gefangen. Wer möchte Mazzos genießen und das uralte Fest noch ernst genug nehmen, ohne mit dem „Zeitgeiste" in Conflict zu gerochen? Der Gedanke au eine jüdische Renaissance darf nicht' aufkommen, die hebräische Cultur, die Sprache, Litteratur und Geschichte dem modernen .Juden nicht erschlossen werden, und schließlich dürfen die so barbarisch und asiatisch klingenden Namen dem jüdischen Nachwuchs nicht beigelegt werden, welche sie außerhalb der arischen Welt stellen und die Carri'ere behindern. Dieser Negation tritt der Zionismus mit der ganzen Wucht seines geschichtlichen Beweismaterials entgegen. Im Bilde des Pesiach lehrt er die wiederkehrende Ueberschreitung des Verderbens, der jedwede Nation unterliegt, über das Schicksal unseres Volkes kennen. Unser Volk erblickt somit in dem Pessach der Vergangenheit auch den der Zukunft als Befreiungs- und Erlösungssest aus dem letzten Exile unter den Culturnationen. Israel aber wird nicht mehr dem Zionismus der Ideale, sondern dem der praktischen Arbeit folgen. Das moderne Israel wird für das Land der Verheißung nicht mehr Gebete und sein Leibesfett durch Fasten opfern, sondern sein geistiges und materielles Gut, letzteres in Form von Schekel und Antheilscheineu für die jüdische Colonialbank. Natürlich rechnen wir hiezu auch die 270,000,000 der Baron Hirsch'schen Stiftung als ein gewichtiges Moment in der Erlösungsarbeit. Aber wie immer die colonisatorische Arbeit in Fluß gerät, die geistige muss ihr wie die Feuersäule unseren Vorfahren bei ihrer Wüstenwanderung voranleuchten. Deshalb schreitet man zum Culturzionismus, der Einpflanzung des Hebraismus in das kommende Geschlecht. Die Frage der Judaifirung unseres Volkes muss sobald als möglich in Angriff genommen werden, da die Noth"laufeu und die Mischehen alle Klassen in aller Herren Länder beschleichen und Hekatomben Opfer dem Judenthume abringen. Diesem Auflösungsprozesse kann eben nur die jüdische Schule erfolgreich entgegenireten. Wirklichen Halt kann nur die Nationalsprache einem Volke geben, wie man es bei allen Nationen der Welt wahruehmen kann. Für die Assimilationslustigen kann die christliche Schule, ob staatlich oder städtisch, fürderhin gut genug sein, niemals aber entsprechen sie der Tendenz einer Schulung unserer Jugend für unser Volk. Die nationaljüdische Schule muß daher das Feldgeschrei der Zionisten werden. Schließlich erachten wir die vierte Frage der Namenbeileguug für höchst wichtig für das praktische Judenthum. Wir Juden haben alle Ursache, auf unsere Vorfahren stolz zu sein, Vorsahren, aus deren Reihen Helden, Propheten und Lehrer erstanden sind, uns erwachst aber gleichzeitig die heiligste Pflicht der Dankbarkeit gegenüber den Verewigten, die Pflicht der Erhaltung ihrer Namen, als Vorbilder für alle Zeiten, und jene Juden, welche ihre jüdischen Namen umtaufen, verdienen es nicht, als Nachkommen jüdischer Heroen und antiker Charaktere genannt zu werden. Diese und ähnliche Auseinandersetzungen fanden ungetheilten Beifall in allen Versammlungen. Es sprachen außer dem Berichterstatter noch andere Männer im zionistischen Sinne, Herr Joel Hochseld, der Talmudist Nastali Schorr, Herr Perlbcrger und Herr Lebl Taubes. Zweiter jüdischer Gemeindetag. Wir stehen vor der Eröffnung des zweiten jüdisch - galizischen Gemeindetages, welcher am 1. und 2. Mai nach Lemberg eiuberuseu wurde. Die Tagesordnung bringt uns sehr driugeitde Angelegenheiten, '.'ltter beueii höchst geschickt der echte Pferdefeß versteckt wurde. Wir möchten nicht gerne au allem rütteln, was die Affimilationsgewaltigen inmitten ihres Volkes für Wunderdinge erzeugen, aber unwillkührlich ziehen sich beim Durchleseu ihres Programmes die Lach- und Thränenmuskel zusammen. Wenn als der erste Programmpunkt die Nothlage der galizischen Juden auf die Tagesordnung gesetzt wurde, der nicht nur eingehende Berathung, sondern auch wirkliche Bethätigung verdient, muss man dann nicht, ich möchte sagen, die Frivolität tadeln, welche darin liegt, als zweiten Gegenstand der Tagesordnung den Antrag einzubringen, bie. jüdischen Gemeinden Galiziens zu polonisiren. Haben wir sonst keine Schmerzen, und wenn wirklich nicht, dann müsste man das galizische Israel als das glücklichste auf der Erdenrunde preisen. Leider liegt ein Strom von Thränen und Qualen zwischen dem Breitegrade jener Glückseligkeit in effigie und dem wahren Jammerzustaude. Diese lakaienhafte Liebedienerei ad captandam benevolentiam der Polen brandmarkt die Faiseure des zweiten galizischen Gemeindetages und sie bietet uns von vorncherein die Wahrnehmung der Decadenz unserer Führer und der „Angeführten"; — wir wollen seinerzeit noch darauf zurückkommen. Ob und wie die vielventilirte galizische Judennolh wett gemacht wird, wenn ein oder zwei Redner ihre Zunge wetzen werden — bleibe dahin gestellt. Baron Hirsch hat sein Muidat in die Hände der göttlichen Versohung gelegt. Seine 12 Millionen dienen zur Polouisiruug und Entjudaisiruug unseres galizisch - jüdischen Nachwuchses. Die Zwerge der Philantrophie können den Augiasstall des jüdischen Eleudsnicht wegräumen. Dr. B. Moses Montefiore und Adolf Cremieur. Von Dr. M. H. Iwiedländer. (Fortsetzung.) Adolf Cremieux wurde am 30. April 1796 in Nimes, im südlichen Frankreich geboren. Er selbst erzählte die Geschichte seines Ursprunges in folgender Weise: „Ich bin in Wahrheit ein Sohn des Schreckens. Mein Vater gehörte der Municipialität der Schreckensregierung an, aber er ließ, so oft er konnte, ein Opfer entschlüpfen und gab den nichtvertheidigten Priestern häufig Pässe. Als nach dem 8. Thermidor das Blatt sich wendete, zog sich ein Gewitter über dem Haupte meines Vaters zusammen. Die Opfer aber, welche er gerettet, gaben Zeugnis für ihn; doch wagte man es nicht, meinen Vater aus dem Gefängnisse zu entlassen, aber man erlaubte meiner Mutter, ihn zu pflegen, und dieser Jndnlgenz verdanke ich mein Dasein." In seiner Geburtsstadt absolvirte^Cremieux die Gymnasialstudien und widmete sich später in Paris der juridischen Laufbahn. Infolge seiner großen, hinreißenden Beredtsamkeit erwarb er sich frühzeitig einen glänzenden Ruf und gelangte zu solcher Popularität, dass er nach der Februar-Revolution, 1848, zum Justizminister und zum Mitgliede der provisorischen Regierung ernannt wurde. Seine ersten Lorbeeren als Advocat errang er sich auch in Südsrankreich. Ein Pariser Correspondent der „N. Fr. Pr." Nr. 554 theilt hierüber folgendes mit: „Beim Beginn der Restauration hatten sich im Süden förmliche Banden gebildet, welche auf die ehemaligen Republikaner Jagd machten. Die Regierung, weit entfernt, die Verbrecher zu bestrafen, zeichnete sie noch aus. So fiel der alte Marschall Brun, der Vertheidiger Frankreichs, in den fürchterlichsten Tagen. Cremieux wagte es, den Mörder, einen Lastträger, Namens Trestaillons, vor Gericht zu ziehen und dessen Verurtheilnng durchzusetzen. Damit kehrten bei der Bevölkerung der Muth und das Sicherheitsgefühl wieder. Das Prestige der Missethäterwar verschwunden, und Cremieux halte sich einen Namen gemacht. Talma, welcher sich um jene Zeit in Aix befand, wollte den jungen Advocaten sprechen hören. Nach der Vertheidigung eines auf den Tod Angeklagten, gieng der große Mime auf ihn zu und ertheille ihm Lobsprüche. „Ich muss eilen, Kleider zu wechseln", sagte Cremieux „ich bin ganz von Schweiß durchnässt". — „Man darf sich nie echauffireu", sagte Talma, „wenn mau recitirt". — „Und wie machen denn sie es?" meinte Cremieux..—• „Ich, erwiderte Talma, „bin immer hier (auf's Herz zeigend) ganz ruhig, nur da arbeitet es", fügte er (die Hand auf den Kopf legend) hinzu. Ein anderesmal vertheidigie Cremieux einen Mann, der angeklagt worden war, die Marsailleuse gesungen zu haben. Der Vertheidiger trug den alten republikanischen Schlachtengesang derart vor, dass die Richter in Thränen ausbrachen, und der Angeklagte war gerettet. Später hat er die

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