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Die Wahrheit · 1900-05-04 · Heft 15 (4.5.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 15 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 5. Aber nun die Details. Da es nicht meine Absicht ist, die vielen sprachlichen Schnitzer und den Mangel der streng logischen Durchführung im Einzelnen darzulegen, so sei nur zum Belege der obigen Bemerkungen folgendes angeführt: Der Redner meinte, darin liege die besondere Bedeutung des Pessachfestes, dass die Ereignisse, an die es erinnert, die Zeit des Druckes und der Befreiung, vorbildlichE seien für die Geschichte unseres Volkes in den folgenden Jahrhunderten. Auch dagegen lässt sich nichts einwenden. Es ist zwar kein neitei-, origineller Gedanke, aber richtig. Das führte nun Dr. Gelbhaus im Einzelnen aus und verflieg sich dabci zu Folgendem: Als endlich die Stunde der Befreiung schlug, ließ Pharao den Moses rufen, aber er sagte ihm dabei nicht, dass er den Israeliten die Gleichberechtigung mit den Aegyptern gewähre, nein, i«e iüTp 'öy “pfltt „Ziehet hinaus aus der Mitte meines Volkes'" rief er ihm zu. Das war auch das Schicksal Israels in allen folgenden Zeiten, es musste wandern von Ort zu Ort, von Land zu Land. Und als sie ans Aegypten auszogen, nahmen sie nicht den geraden, kurzen Weg, sondern den langen. Auch das wäre zu allen Zeiten wieder zu finden, die Juden konnten nicht den geraden Weg gehen, der sie ins Lager der Feinde führte, sie mussten Umwege machen, um zur Freiheit zu gelangen. Und nun bedenke man: Widerrechtlich ivar Israel jabrhuudertelang in ägyptischer Knechtschaft. Sie waren in das Land als freie Männer zu kurzem Auseuthalte gelangt, aber im Wandel der Zeiten wurden sie als Rechtlose und Unfreie behandelt und zu Frohudieusteu gezwungen. Jahrhunderte lang seufzte Israel unter dem Drucke, endlich nahte die Stunde der Befreiung und Moses bat im göttlichen Austrage den Pharao um Erlaubnis, das Land verlassen u dürfen. Erst nach vielen Heimsuchungen und im allmäligeu Zurückweichen wird die Erlaubnis in Form einer Bitte nahegelegt: ,.Ziehet hinans ans der Mitte meines Volkes!" Der Auszug erfolgte nach göttlichem Rathschlusse, er war ja auch, ebenso wie die vierhundertjährige Knechtschaft dem Abraham für seine Nachkommen verheißen worden. Auch, dass sie den langen, und nicht den kurzen Weg ziehen, wollte die göttliche Vorsehung, weil die längere Dauer des Weges zur Läuterung und Erziehung des Volkes notwendig war. Nach göttlichem R a t h s ch l u s s e also sollte Israel Aegypten verlasse» und auf Umwegen in das Land der Verheißung ziehen — nach Dr. GelbHaus hätte es freilich anders kommen müssen. Israel hätte in Aegypten die Emancipation erlangen und das Land aus dem kurzen Wege verlassen müssen. Heißt das nicht mit dem Texte willkürlich umspringen und muss nicht jeder die Schrift hochhaltende Jude gegen derartige Verdrehungen und Entstellungen des Bibelwortes mit aller Energie austreten? Ich begrüße darum Ihre im Artikel „lieber Predigt und Prediger" kuudgegebenen Bestrebungen imu wünsche, dass sie dabei allseitige Unterstützung finden. Der meinen können Sie sicher sein." Ihr ergebenster Olied emmes. Diese beiden Zuschriften bedürfen keines Commentars und wir überlassen es unseren Lesern und den maßgebenden Kreisen in unserer Cultusgemeinde, die nöthigen Schlüsse daraus zu ziehen. _ Die peffnchwoche in Lemberg. Der galhischjüdische zweite Gememdetag. (Von einem Zionisten.) Das herrliche Fest der Erlösung und der Befreiung Israels ans seiner ersten Diaspora stellte sich auf dem ganzen Erdbälle zum 3l47male ein. Israel wusch sich den Schweiß aus der gramgesurchten Stirne, und Mechaniker Schneider, der parlamentarische Cerberus, darf sein von Todesvisionen gequältes Gemüt in jeder psychiatrischen Heilanstalt studiren lassen, ob diese bange Furcht das Symptom einer labilen Psyche oder blos eine mechanische Simulation sei. Aus so weiter Ferne vermögen wir nicht zu beurtheilen, ob der Mangel an einem Ritualmorde aus der ganzen Erde dem besorgten Schneider Freude oder Kummer verursachte, aber wir können dieser schüchternen und meitschenfreundlichelt Natur die beruhigende Versicherung geben, dass in den Zelten Jakob's nicht ein ein» ziger Selbstmord oder gar ein Fremdenmord während der Festwoche und vor derselben verübt wurde. Hingegen hat Israel große und schwere Opfer gebracht, Opfer reinster Nächstenliebe und der Stammeszugehörigkeit. Wir wollen nur summarisch die Opferlämmer für Pessach aufzählen. Zunächst vertheilte ein Comite rühriger humaner Gemeiudegenossen 170 Centner Mazzos, ein zweites Comite 260 Centller Kartoffel. Die Vorstands-Armencommission rückte dann mit ihren Geldsäcken heraus, um verschämten nothleideuden Familien Unterstützungen an Mazzos, Geld, Fleisch und Wein in ganz discreter Weise zukommen zu lassen. Die Geldausgabe betrug 18,600 Kr. Eine weitere schöne That, schon seit Dezennien geübt, bestand wohl darin, dass die hier garnisonirenden nicht Lemberger jüdischen Soldaten in der respectablen Anzahl von 420 Mann bis zum Feldtvebel die complette Pessachkost gratis erhielten, was einen Kostenaufwand von 3800 Kronen verursachte. Einen erhebenden Eindruck machten die jüdischen Häuser, die alle auf's blendendste beleuchtet, den Anblick einer Illumination gewährten. Wahrlich schöner, moralischer und erhebender hat noch kein Volk sein Wiegenfest gefeiert wie das uuserige. Israel fühlt sich frer, obschon es die europäische Diaspora nicht weniger drückt als die ägyptische vor 3147 Jahren. Man würde sich aber einer Täuschung hingeben, wollte man glauben, dass die Lemberger jüdische Gemeinde dieses Fest zu leiblichen Genüssen nach Art der arischen Umgebung ausnützte. Mit Nichten. Abgesehen von der längeren Betfrist wurde es noch von der Pflege anderer idealer Interessen absorbirt, und mit Paraphrasirung eines bekannten Wortes könnte man sagen: Zion ante portas. Niemals wurde in Lemberg so viel über Zionismus gesprochen und geredet, wie an dem letzte» Pessach, nnd die Zahl der Redner reichte nicht hin. um allen Vereinen Genüge zu leisten. In origineller We se suchte Ihr Berichterstatter die gesammte jüdische Bewegung und die Parteien im Judenthum in vier Kaschioth zusammenzustellen, auf welche die beiden hervorrageitdsten Parteien im Jtldenthume, Zionismus und Assimilation, jede nach ihrer Weise, Antwort geben. Die Fragen lauten ungefähr wie folgt: 1. Was unterscheidet Israel von anderen Völkern? Weltbeherrschende Nationen haben gelebt und giengen zu Grunde, ohne ein Pessach zu feiern. Das weltbedrückte Israel, das geknechtete Volk, feiert das Fest der Freiheit und der Erlösung, Pessach, das Fest der Ueberschreitung. 2. Alle Völker suchen ihren territorialen Besitz mit dem Auswande aller physischen und moralischen Mittel zu erhallen und zu vergrößern, darf und soll Israel aus seilt Ahneuland verzichten? 3. Jede lebende Nation besitzt seine nationale Sprache und Litteratur, denen sie große Opfer darbringl. Israel, der glückliche Besitzer einer heiligen Sprache und einer göttlichen Cultur, soll und darf es diese seinen höchsten Güter aufgeben und der Vergessenheit überliefern? 4. Alle Culturnatiouen, Mohamedaner wie Christen, entlehnten unserem Volke ihre Nomenclaiur (neben der eigenen). Unser Volk hingegen verdrängt seine nationalen Namen, um dieselben gegen heidnische einzutauscheu. Darf und soll es so bleiben? Die Beantwortung dieser Fragen wird den zwei einander bekämpfenden Richtungen im Judenkhume, der Assimilation und dem Zionismus, in den Mund gelegt. Die Assimilation, als die Verkörperung des negativen Standpunktes, hat eben auf alle Fragen nur ein lautes „Nein." Dem modernen Judenthum passt das antike nicht mehr in den Kram, letzteres hat seine Schuldigkeit gethan und seine Mission, der Welt den höher» Unterricht in Ethik und Moral zu ertheilen, erfüllt und kann nuit abdiciren. Fort mit Pessach, das Osterfest der Arier nimmt die assimilatorischen Männer und Frauelt

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