Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 15 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063028--00752-3067283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Lvahryen. Nr. 15. Zwei Pessachpredigten. In zahlreichen Zuschriften, welche wir in den letzten Tagen aus den Kreisen der intelligenten Wiener Shnagogeubesucher erhalten haben, fanden die Ausführungen des in Nr. 13 dieses Blattes veröffentlichten Artikels „Ueber Predigt und Prediger" lebhafte Zustimmung, und die uns von beit einzelnen Einsendern mitgetheilten Wahrnehmungen über verschiedene in der Festwoche gehaltene Predigten laffen es zur Evidenz erscheinen, dass wir mit dem Hinweis auf die gerügten Uebelstände sactisch einen wunden Punkt in unserem Gemeinwesen berührt haben. Wir besitzen — die Einen sagen leider, die Anderen Gott sei Dank — kein Consisiorium, dem ein entscheidendes Votum bei der Anstellung der ehrwürdigen Herren Rabbiner und Prediger zukäme und dem gegenüber dieselben bezüglich der Ausübung ihres Amtes verantwortlich wären, und so bleibt uns nur die, wenigstens unter den gegenwärtigen Verhältnissen, ziemlich problematische Oberaufsicht des Vorstandes der Cultusgemeinde und der diversen Bethausvereinc, dem es theils an Fähigkeit, theils an Willen und Energie gebricht, von seinem Aufsichtsrechte Gebrauch zu machen. So ist es leicht erklärlich, dass einerseits bei Vergebung von Stellen oft arge Missgriffe geschehen und andererseits die Herren Prediger im Bewusstsein ihrer Unumschränktheit sich allzusehr gehen lassen. Mangels jeder Controle ist es umsomehr die Pflicht der jüdischen Publiciftik, als mahnendes öffentliches . Gewissen auszutreten und nicht nur im Interesse der Gemeinde, sondern im eigensten Interesse der ehrwürdigen Herren Prediger strenge Wacht zu halten. Die jüdische Presse, wir gestehen es ganz offen, trägt zum Theile auch die Mitschuld an diesen Verhältnissen, denn man mag die Berichte aus großen oder kleinen Gemeinden, über wesentliche oder ganz unwesentliche synagogale oder außergottesdienstliche Functionen durchgehen, so wird man in jedem Falle — oft auch im offenbarsten Widerspruche mit allgememeiu bekanuten Thatsachen — von der „geistvollen Beredtsamkeit" des Rabbiners und dem „künstlerisch vollendeten Gesäuge" des Cantors lesen. Dadurch wurden liebe,Hebung und Reclamesucht bei unseren Synagogeufuuctionäreu gezüchtet, die nunmehr ihre bösen Folgen zeigen. Von den Eingangs erwähnten, zu unserer Kenntnis ge^ brachten Fällen wollen wir nur zwei hervorheben, weil sie, so verschiedenartig auch die betroffenen Persönlichkeiten sind, das in dem Feste selbst gegebene Thema in analoger Weise behandelten, und weil wir an der Hand dieser beiden concreten Fälle beweisen können, wie sehr unter Umständen in Ullseren Synagogen Hörer von Geschmack und feinerem Empsinden durch seichte und geschmacklose Witze einerseits und durch grundfalsche Verwendung und unerhörte Vergewaltigung von Textstellen andererseits verletzt werden. Und da es sich heute um concrete Fälle handelt, so sind wir auch gezwungen, die Namen der betreffenden Herren Prediger zu nennen, die ja ohnehin ihre Predigten vor der Oeffentlichkeit halten und für den Inhalt derselben der Oeffentlichkeit gegenüber verantwortlich sind. Man möge uns das jedoch nicht als persönliche Animosität auslegen, uns leitet einzig und allein die Erfü ung unserer publicistischen Pflicht, die uns gebietet, angesichts derartiger Vorfälle auf der Kanzel unsere warnende Stimme zu erheben, und gerade dadurch, dass wir durch Nennung der Namen etwaigen Missverständnissen Vorbeugen, sei die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Absicht noch mehr betont. Die eine der Zuschriften lautet: Geehrter Herr Redacteur! Sie haben mit Ihren Ausführungen in Nr. 13 dieses Blattes einen Kernschuss gemacht^ und es wäre zu wünschen, dass Sie auch den entsprechenden Erfolg erzielen. Um Sie in Ihren Bemühungen zu unterstützen, will ich Ihnen eine Probe aus der Predigt unseres verehrten Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann mittheilen. Niemand wird diesem auch als Gelehrten verdienten Manne die nötigen Fähigkeiten, als da sind: reiche, vielseitige Kenntnis, vollste Beherrschung der Sprache und der Form und durch Ersahruirg gereisten Verstand absprechen. Leider aber kitzelt ihn nur allzu oft der Stachel, durch Witze, die aber mehr einem Witzeln gleichen, seine Reden zu würzen, um dadurch die Aufmerksamkeit seiner Hörer zu fesseln. Und das kann llicht scharf genug gerügt werden. So hat Herr Dr. Güdemann in seiner Rede am ersten Pessachseste sich folgendes geleistet: Er verglich das Pessachfest am Anfang und am Ende des laufenden Jahrhunderts und kam zum Resultate, dass der Abstand der Zeiten doch ein so großer sei, dass trotz der Trübung in der Gegenwart dennoch ein unleugbarer Fortschritt zum Bessern verzeichnet werden könne. Freilich, meinte er, müsse man mit der Möglichkeit rechnen, dass wir Juden wieder in Unfreiheit zurückgeworfen werden; da müsse man sich damit trösten, dass wir ja auch am Aniang unserer Geschichte unfrei waren. Und das belegte Herr Dr. Güdemann durch eine alte Anekdote. Bei den im Nessane tolcef vorkommeuden Worte n nsrrv TOD' cnrr hätte ein Beter allzusehr geweint und auf die Frage seines Nachbarn, wrrum er so sehr weine, geantwortet : „Warum soll ich nicht weinen, wenn der Mensch aus Staub ist und wieder zu Staub wird?" worauf der Andere ihn belehrt habe: „Narr, deshalb muss man doch nicht weinen; wenn der Mensch aus Staub ist, so ist es natürlich, dass er wieder Staub wird, weinen müsste mau, wenn er aus Gold wäre und zu Stäub würde." Erscheint es schon bedenklich und stark au die berüchtigten „Localzugstudien" erinnernd, solche Anekdoten aus der Kanzel zu erzählen, so muss doch gegen die Nutzantvendung und die Perspective, die der verehrte Redner aus der Kanzel erösfuete, entschieden Einsprache erhoben werden. Aerger ist jedoch das Folgende : Um den Unterschied von Einst und Jetzt fühlbarer zu machen, führte Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann folgendes aus: Früher, sagte er, durften die Juden sich au den öffentlichen Angelegenheiten, an Kunst und Wissenschaft nicht betheiligen, da erfüllte sich an ihnell 2^2 mb „Kein Hund hat sich um sie bekümmert." Heute jedoch, wo sie um Staat und Stadt sich verdient machen, kläffe jeder Hund nach ihnen. Abgesehen davon, dass ein solcher Ton und Ausdruck nicht auf die Kanzel gehören, bedeutet doch diese Verwendung des Textwortes eine Umkehrung seines Sinnes. Mit jenen Worten wird für die Zeit des Auszuges die Verheißung ertheilt, die Kinder Israels werden so unbehelligt sein und bleiben, dass nicht nur die denkenden Menschen, sondern auch das blöde, seinem Instinkte folgende Thier in ihnen die von Gott -Beschützten respectiren werden. In der Verwendung, die Herrn Dr. Gädemann beliebte, ist jedoch das Textwort zu einer bedauerlichen Erscheinung geworden. Ich frage nun jeden unparteiisch deitkenden und einsichtigen Menschen, ob man nicht mit Recht dagegen Stell,mg nehmen muss. Deshalb habe ich auch Ihren Artikel mit Freuden begrüßt und wäre Ihnen für die Veröffentlichung meiner Zeilen zu besonderem Danke verpflichtet." A. K Und nun zu der zweiten Zuschrift. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: „Löbliche Redaction! Wie berechtigt Ihre Bemerkungen waren, dass unsere „Verkünder des Gotteswortes" leider Gottes allzuoft mit den Textworten Fangball spielen und sie, um ihre „Weisheit" zu beleben in einer Weise verwenden, dass man nicht selten geradezu von einer Verfälschung der citirten Stellen sprechen darf, mag Ihnen ein kleiner Auszug aus der'Rede des Herrn Predigers Dr. Gelbhans am 1. Tage des Pessachfestes dienen. Ich fühle mich dazu umsomehr verpflichtet, als ich Ihr Streben, die Oeffentlichkeit über unsere Herren Rabbiner und Prediger anszuklären, nicht nur billigen, sondern herzlich willkommen heißen muss. Herr Dr. Gelbhaus behandelte das Thema: „Bedeutung des Pessachfestes in Vergangenheit und Gegenwart" und seine Ausführungen gipfelten in der Mahnung, dass gerade dieses Fest den Israeliten es nahelege, ein besonderes Augenmerk der Jugenderziehung zuzuwenden. So weit wäre Alles recht schön.