Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 15 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaetion u. Administration: Wien, II/l, Novaragasse 27. Jl f. österr. Postsparen ssa Check-Conto Nr. 846.251. Anabhängige Heitfchrift für Msche Ifojagspms: Ganzjährig . ... St. 12.— Halbjährig .... ft. 6.— Intere-stn. I Für Lultusbeamte: Infetats: Ganzjährig .... St. 10.— 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig .... 2 Mark betrage sind in Wien zahlbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Mahrheit!" S Rubel oder 16 FrcS. Ar. 15. Wien, 4. Mai 1900. Inhalt r Die Geineinderathswahlen und die Juden. — Zwei Peffachpredigten. — Die Peffochwoche in Lemberg. Der galizisch-jüdische zweite Gemeindetag. — Moses Montefiore und Adolf Cremieux. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Organisiren wir uns. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. — Feuilleton: Der Nihilist. Wir ersuchen unsere geehrten Abonnenten um Einsendung der Abouiterneutsgebühr für das mit 1. April begonnene II Quartal. Gleichzeitig richten wir an alle unsere Freunde die j Bitte, uns Adressen von Glaubensgenossen mitj zntyeilen, welche noch nicht Abonnenten unseres Blattes sind,! und ihren Kreisen für die Förderung unserer Bestrebungen,! die den Interessen des Judenthumes dienen, einzntreten.; Die Administration. | Die Gemeinderathswahle« und die Luden. Als der wichtigste Act im öffentlichen Leben jedes Staats- ' bürgers gilt die Wahl. Sie schließt den Inhalt aller im; Staate zur Vollziehung gelangenden Bestimmungen in sich. Je j nachdem die Wahl Persönlichkeiten trifft, deren Anschauungen,! Neigungen und Bestrebungen das Wohl der Gesammtheit zum! Ziele haben, erweist sie sich als Segen und als Fluch, wenn j aus der Urne Männer hervorgehen, die in ihrem öffentlichen; Wirken Partei- oder gar selbstische Zwecke verfolgen und diesen j das Gemeininteresse opfern. Das dermalige Regime im nieder-! österreichischen Landtage und in der Wiener Gemeindestube gibt! hiefür ein drastisches Beispiel. Ans allen Ecken und Enden des; österreichischen Stammlandes dringt laut und vernehmlich die Stimme berechtigter Unzufriedenheit an unser Ohr; die herrliche Metropole ' des Reiches verliert allmählich ihren früheren Glanz und auf 1 der Scala ihres Ansehens von ehedem wird bereits der Null-! Punkt niarkirt. Die nun herannahende Wahl in den Gemeinde-! rath hat daher eine Bedeutung erlangt, wie kaum eine frühere. > Von ihr hängt es ab, ob Wien von dem Alp befreit werden! soll, der schwer auf ihm lastet, oder ob es verurtheilt bleiben! soll, noch weiterhin unter dem Drucke des kaudinischen Joches! zu seufzen, in das eine unselige Wahl vor nahezu einem Lustrum? seinen Nacken gebeugt hat. Gilt dies im Allgemeinen, so hat es eine ungleich tiefere! Geltung für die Wähler israelitischer Coniession. Gehässiger, I raffinirter sind nie die Verhetzungen gegen sie erdacht worden, als von den gegenwärtigen Beherrschern des Prachtbaus in der Rathhausstraße, den der geniale Schmidt ins Leben gerufen hat, und an dem Max Fleische r's Künstlerhand mitthätig! war. Die Erwerbsadern jüdischer Steuerträger werden unter-! bunden, bewährte Kräfte beamteter Inden nicht gewürdigt oder brachgelegt, die wahnwitzigsten Beschuldigungen gegen die Bekenner des Judenthums erhoben und die Erfolge ihres Fleißes, ihrer Fähigkeit und Nüchternheit als Resultate ihres angeblich betrügerischen Vorgehens bezeichnet. Nichts ist daher selbstverständlicher, als dass die Gelegenheit ergriffen werden muss, bei den vor der Thür stehenden Gemeinderathswahleu das ganze Bestreben dahin zu richten, dass die Wahl der gegenwärtig in Wien herrschenden Partei wenigstens geschwächt werde, wenn sie nicht vollständig gebrochen werden kann. Hiedurch wird ein warnendes, zilr Besinnung führendes Nene tekel den Lueger und Conforten vor die Augen geführt. Es erscheint infolge dessen als ein unabweisliches Gebot dringender Selbsthilfe, dass jeder jüdische Wähler, ehe er seinen Stimmzettel in die Urne wirst, sich klar darüber werde, wem er seine Stimme znweitten solle. Das „Trau, Schau, Wem" muss er sich jetzt mehr denn je vor Augen halten, denn Viele sind der Bewerber um Mandate, aber Wenige, die solche verdienen. 'Nicht diejenigen, welche wie Schnittlauch auf jeder Suppe überall an der Oberfläche erscheinen, besitzen thatsächlich die Eignung, mit einem Mandate betraut zu werden. Es genügt ihnen, wenn sie dadurch einen neuen Titel erhalten, ohne Anlass zu verdienstlichem Wirken zu nehmen. Auch diejenigen besitzen keinen Rechtsanspruch aus ein Mandat, die in ihrer Reklamesncht sich gerne hören lassen, ohne damit einen weiteren Effect erzielen zu wollen, als eben in den Berichten der Blätter ihre Namen verzeichnet zu sehen. Am allerwenigsten sind anlässlich von Mandatsverleihungen diejenigen in Kalkül zu ziehen, die in vordringlicher Weise sich bemerkoar machen, um das „Besserwissen" und „Bessermachen" zur Geltung zu bringen, für das Gute aber kein Verständnis besitzen. Hinweg also mit den Schweigern ebenso wie mit Schreiern, hinweg mit den Geschäftigen und Nichtsthuern! hinweg mit den Gewissenlosen, Dünkelhaften, Hyperklngen! muss das Losungswort in heutiger Zeit sein. Soll unseren Zwecken gedient sein, dann muss die Hingebung für das verfolgte Recht, die Unerschrockenheit, das Verständnis, wie die Gewissenhaftigkeit bei Anwendung der Vertheidigungsmittel gegen die antisemitischen Angriffe die Oualistcation sein, die zur Erlangung eines Mandates die Berechtigung gibt.