Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hesterr.- Ungar. Kantoren-Ieilung. Nr. 14. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Wie ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Aedaclion Die Entwickelung des jüdischen Canlorates von der Milte des achtzehnten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Von Obercantör I. Singer in Wien. Y. (Fortsetzung.) Als einer der emsigsten und correctesten, wenn auch etwas eigenartigen Synagogengesangs-Componisten der Jetztzeit muss der Prager Ehormeister nnd Cantor David R n b i n bezeichnet werden. Seit dem Jahre 1868, da sein erstes Werk Schire hechal in die Oeffentlichkeit trat, bis heute ist für ihn kein Ouinquennium ohne musikalische Schenkung an die Synagoge vergangen. Die Rnbin'schen Synagogengefangs-Compositionen sind bei aller Gediegenheit und Knappheit der Form, bei strengster Berücksichtigung des Wortinhaltes, der Wortdeclamation nnd der Verarbeitung althergebrachter Melodien, immerhin doch Binder unserer Zeit nnd bilden dieselben, so wie sie seit Jahrzehnten in Hunderten von Synagogen mit Erfolg zur Aufführung gelangen, anch einen trefflichen Beitrag zur Geschichte des Synagogengesanges namentlich der böhmischen Richtung. An dieser Stelle soll anch der vormaligen tüchtigen Prager Oberrantoren Pereles nnd Welsch und ihrer wenigen Eompositionen gebührende Erwähnung gethan sein.')! Die beiden Werke 8ehire jwroel (1877) und Seder | hadras kodesch (1899) von dem trefflichen, vielseitig gebil-; beten Bnnzlauer Obercantör M. Tin tner bezeichnen wir als holde Gaben eines für die Bedürfnisse seiner Amtsgenossen •: überaus bedachten und hilfbereiteir Mannes. Im erstgenannten i Werke 8ehire jisroel beabsichtigt Tintner, kleineren, über schwache 'Chorkräfte verfügenden Gemeinden, resp. ihren Cantoren, eine ' Sammlung dreistimmiger, leicht ausführbarer Gesänge verschiedener Autoren zu bieten; das zweitgeuannte Buch ^8eder hadra» kod68oh^ bildet, unseres Erachtens, eine räumlich erweiterte i Fortsetzung des ersteren: treffliche Recitative, die im ersten : Werke ganz fehlen, verbinden hier die einzelnen Chorgesänge, j und deutsche Gebete für die verschiedenen Festgelegenheiten, wie in j den Inhalt gestreute praktische Winke (Dinim), sind dankesj werthe Darbietungen des verehrten Autors an seine mindergeübten Berussgenossen. Die sich offenbarende, wohlthuend praktische Anordnung des Stoffes, wie die fachmännische Reife der ■ Auswahl und Leichtergestaltung der Eompositionen anderer! Autoren rückt Tintner sowohl als Fachmann wie als Pädagogen ' uns synagogalgesanglichem Gebiete in die vorderen Reihen seiner Amtsgenossen. College Tintner ist aber auch in socialer Beziehung eine Zierde seiner Gemeinde und somit auch eine Zierde jeiner Berussgenossen; deshalb sei ihm auch dieser öffentliche Dankeszoll für seine langjährigen, so vielseitigen Bestrebungen an dieser Stelle gebührend entgegengebracht. Der verewigte treffliche Warschauer Obercantör I. L. Weiß und der Londoner Obercantör M. H a st veröffentlichten eine stattliche Anzahl von Eompositionen unantastbar-musikalischer Structur, jedoch etwas blasser Färbung. Wir nennen diese j beiden sehr tüchtigen Männer korporativ, weil ihre fachmännische r) Rafael Moor, nur kurze Zeit in . Prag als Obercantör thätig, bearbeitete den Wochentagsgottesdienst mit Orgelbegleitung, soll sich später von der Synagoge losgesagt haben und ist verschollen. und componistische Bethätignng die gleichen Bor- und Nachtheile ausweisen und weil beide, aus dem polnischen Chasonim- und Meschorerthum hervorgegangeu. in ihren Werken auffallenderweise diese Provenienz des tratiouellen Gesanges gänzlich außer Acht lassen. M. Rosen Haupt, Cantor in Speier, componirte gleichfalls in den 70er Jahren die Freitag-Abendliturgie mit beigegebeuen Recitativeu. Die Compositioueu, einer gewissen Sphäre entstammend, müssen auch weitere Kreise zur Anerkennung verpflichten. — Der fachmännische und musikalische Gesichtskreis Rosenhauvt's, erweiterte sich durch die im Jahre 1881-erfolgte Uebernahme der Obercnntorstelle in Nürnberg, und leben wir daher der sicheren Ueberzeugung, dass er henke Vieles 2) in seinem Schire ohel jaakow I. ganz anders gestalten würde, als es bei Herausgabe des Werkes der Fall .war. Richtdestoweniger müffen wir der vorliegenden Arbeit, selbst in ihrer damaligen Gestaltung, unsere volle Sympathie znwenden. Man thnt Herrn Roseuhaupt entschieden unrecht, wenn man ihm seine Schwärmerei für das süddeutsche Cbasonus und für die dort übliche Gesangsqualitär znm Vorwürfe macht. Im Gegentheile! wir preisen ihn ob seiner Gesinnungstüchtigkeit, wenn gleich in den Recitativeu des Schire ohel jaakow I keine wie immer geartete Eigenthümlichkeit vorhanden ist die ihnen das ausschließliche Gepräge des süddeutschen Ehasonns verleihen würde; es müsste denn sein, dass die Cankillation oes „uma.twir jomu Rr. 9, die wir Nordländer allerdings an deil jomim-noroim Aoenden anstimmen, in den süddeutichen Synagogen am Freitag Abend üblich sei. Diese und ähnliche Vorkommnisse ausgenommen, tragen die Roienh:upt'schen Gesänge allesammt ein allgemeines unb, wir müssen es anerkennend zugeilehen, anch ein ideales Gepräge. Schire ohel jaakow II liegt ltns leider nicht vor und einen eventnellett Hinweis ans Schire ohel jaakow III behalten wir uns gelegentlich der Besprechung einschlägiger lliecitativSammlungen vor. Rosenhanpt wirkt seit 1881 als Obercantör in Nürllberg, werthgeschätzi und verehrt von seiner Gemeinde und ob seiner Intelligenz und Mnsikkenntnisse sich anch allgemeiner Hochachtung erfreuend; er ist, wie die meisten der deutschen Cantoren, ein gebildeter Mann, führt eine gewandte, >venn anch etwas feingespitzte Feder und ist ein biederer nnd beliebter Amtsbruder. Vom Obercantör Eduard B i r u b a ii in in Königsberg in Preußen liegen uns zu unserem Bedauern keine größeren Compositionen vor, doch ist aus seinen gediegenen litterarischen Kundgebungen den Synagogengesang betreffend zu entnehmen, dass er ans diesem Gebiete mit offenem Blicke und großer Fachkenntnis gearbeitet und viel Ersprießliches zu Tage gefördert hat. Obercantör Birnbaum zählt ui den jungen Cantoren, trotzdem er auf eine stattliche Anzahl von wirkungsreichen Dieustjahren in den großen Gemeinden Magdeburg, Beuthen O. S. und Königsberg i. P. zurückblicken kann, und muss zu jeuen wenigen Auserwählten des jüdischen Cantorates gerechnet werden, die, eigene Bahnen wandelnd, durch Idealismus uud fachmännisch reife Bethätignng die immer noch vorhandene Wildnis des jüdischen Cantorates urbar zu machet! bestrebt sind. Der einstige, rühmenswerthe Cantor in Frankfurt a. M. Moses W e i n l r a u b, veröffentlichte gottesdienstliche Gesänge für den Freitag Abend in ein-, zwei-, drei- und vierstiminigen Chören, nebst verbindenden Recitativeu für den Cantor. Der musikalische Aufbau sämmtlicher Compositiou bekundet den gewandten und in allen Beziehungen zur Reife gelangten musikalischen Fachmann uud die Trefflichkeit der gesammten Compositioneu lässt uns bedauern, dass der Schaffensquell dieses braven Mannes nicht ergiebiger geflossen; dem Werkchen gehl eine kurzgefasste Musik-. *) Z- B. den menuettartigen Lecho dodi Nr. 3.