Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Die Wahrheit. Seite 7. muss aber hier folgendes gesagt werden. Diejenigen Zionisten, welche nur deshalb mit aller Macht nach einem jüdischen Gemeinwesen im Lande seiner Ahnen streben, weil sie glanbeit, -ie jüdische Cultur dort besser pflegen und vor dem Untergange schützen zn können, mögen, meines Erachtens, ihre konvulsive! Dhätigkeit ruhig einstellen. Dafür hat unser Gesetzgeber hin-! reichend gesorgt, indem er die Abhängigkeit des Judenthnms von I einer bestimmten Erdscholle im vorhinein vorwegnahm. Er veri sprach dem jüdischen Volke ein L>211 zbn ri2T p» zur Zeit als j dasselbe noch in den Kinderschuhen steckte und beisammen sein! musste, um die Lehre in sich anszunehm-.'n nnd sich deren prac-! tische Anwendung anzucignen. Nach dem Reifwerden des Volkes! sank die Nothwendigkeit, eine gemeinsame Scholle zu haben, zur! Nebensache herab und zwar zur Sicherung seines materiellen! Wohlstandes; die geistige Entwickelung bedurfte eines gemein-! samen Bodens nicht mehr. Ihre Stätte ist nunmehr die ganze! Welt geworden. Dagegen aber ist das Bestreben, dem überall j verfolgten und bedrückten jüdischen Volke im Lande seiner Ahnen j durch Erlangung politischer Selbstständigkeit eine gesicherte Heim-! stälte zu gewähren, wo es Physisch nnd materiell gedeihen und! -.vor äußeren Eingriffen geborgen sein kann, ein lobenswerthes > -.und nicht genug hoch zu schätzendes Beginnen, das bei festem! Willen, vernünftiger Leitung nnd massenhafter Betheilignng des; gesaminten jüdischen Volkes zweifellos durchführbar ist.! Als Dr. Herzl, dessen Intentionen Schreiber dieser Zeilen i -genau zu kennen glaubt, mit seinem „Judenstaat" auftrat, war! sein alleiniges Ziel die Schaffung einer politisch gesicherten j Heimstätte für den heimatlosen, nirgends geduldeten Juden. Er - schuf sein Werk nicht als „jüdischer Patriot", wie dies viele j meinen, sondern als gerechter, über das den Juden zugefügte j Unrecht empörter Mensch. Herzl, als eminenter deutscher Schrift-! steller, schrieb den Judenstaat für die Juden aller Länder; er! selbst aber wollte damit keineswegs seine Liebe zu seinem Volke documeutiren, sondern ihm als gewissenhafter Mensch einen Rath > ertheilen, wie sich in dieser Lage zu helfen. Als er nachher! zur Realisirnng seiner Pläne schritt und die Unterstützung der! einflussreichen Männer Israels in den verschiedenen Ländern j anrief, wurden ihm von diesen Bedingungen gestellt, unter welchen! sie bereit wären, ihm die Hand zu reichen. / Die Rabbiner | forderten die Garantie, dass bei dem zn erwartenden neuen! Regime die Religion nicht verletzt werde; die gebildeten Classen fanden die Schaffung eines selbstständigen Gemeinwesens ohne gleichzeitige Ordnung und Sicherstellung der ungestörten cnlturellen Entwickelung des Volkes für gefährlich. Dr. Herzl, der stets nur von einer Idee beseelt war: dem armen unterdrückten j Volke zu helfen, und der sich zu anderweitiger Vorsorge vielleicht j für nicht berufen fühlte, überließ den verschiedenen Antragstellern freie Hand, nur damit sein Lieblingskind, sein Ideal, „die gesicherte Heimstätte" ins Leben gerufen werde. So entstand; aus dem Baseler Congress das Cultnrcomit« und all die ver- : schiedenen Sectionen, die nur Herzlos Toleranz, nicht aber seiner! Initiative zn verdanken find.! Die Vertreter des jüdischen Volkes hätten am besten gethan,? von ihren Sonderforderungen, die mit der Hauptidee nichts gei mein haben, abzustehen nnd nnu nnd ausschließlich für die i .Realisirung dieses practischen nüchternen, heilbringenden Ge-! dankens einzutreten. Die Sonderforderungen find nur geeignet,! Spaltungen unter den Mitgliedern hervorzurufeu und den Fortj schritt der guten Sache zu hemmen. i Die Herren mögen nur fleißig jüdische Geschichte studiren! und dann den Versuch machen, ein geographisches Schema zu! entwerfen, wo die jüdische Cultur gepflanzt und gediehen ist. Sie werden dann, nach fruchtlosem Suchen, die Geographie beij feite schieben und sich eingestehen müssen, dass die Macht und die Ersprießlichkeit der jüdischen Cultur und die Garantien für ihre Fortentwickelung eben nur in dem Umstande zu suchen ist, ,dass sie auf die Geographie nicht angewiesen ist. Aus Palästina. Wir haben in letzter Nummer über die in Frankfurt abgehaltene Conferen; der in P iläftiua thätigeu Vereine berichtet, und mit Rücksicht auf die daselbst gebotenen Schilderungen über die Verhältnisse in Palästina und die Lage der jüdischen Colonien erscheint es uns von besonderem Interesse, der Oeffentlichkeit auch die Beobachtungen des jüngst von einer Palästinareise zurückgekehrten Vorstehers der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Salo Cohn, mitzutheilen, eines Mannes, der über reiche Erfahrungen auf humanitärem Gebiete veriügt nnd mit einem eminent practischen Blicke ausgestattet ist. In einer mit dem Redacteur unseres Blattes diesbezüglich gepflogenen Besprechung betonte Herr Salo Cohn, dass die Colonisationsfrage nicht eine Gefühlssache sei, sondern mit kritisch erwägendem Verstände beurtheilt werden müsse. Von diesem Standpunkte ans, sei er auf Grund der gesammelten Erfahrungen zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Grüudnng von jüdischen Colonien in großem Maßstabe — und nur eine solche hätte einen practischen Zweck — in Palästina ans mannigfache enorme Schwierigkeiten stoße, ja fast undurchführbar erscheine. Zunächst die politischen Schwierigkeiten, die durch die Bestrebungen des politischen Zionismus eine bedeutende Steigerung erfahren haben, indem das Einwanderungsverbot verschärft wurde und der Sultan jetzt eifersüchtiger denn je über seine Hoheitsrechte in Palästina wacht. Eine Bestätigung dieser Anschauung finden wir auch in einer aus Bukarest uns zngehenden neuesten Nachricht, dass der Vertreter der Türkei in Bukarest die rumänische Regierung davon verständigt habe, dass Juden ans Rumänien unter folgenden Bedingunaen nach der Türkei einwandern können: Die Einwanderer müssen o t t o m a n i s ch e Nationalität annehmen, sie müssen sich den Gesetzen des R e i ch e s f ü ge u und dürfen die Negierung nicht um L a n d c o n c e s s i o n e n oder Unterstützung angehen. Ehe sie zugelasseu werden, müssen sie eine Erklärung unterzeichnen, dass ihnen die Bedingungeu der türkischen Regierung bekannt find und dass sie dieselben für sich als bindend anerkennen. Abgesehen davon dürfe man sich nicht verhehlen, dass dio jetzt bestehenden jüdischen Colonien, so sehr auch die Fortschritte einzelner anerkannt 'werden müssen, nicht productiv seien, indem das angelegte Capital gar keine, oder keine nenneuswerthe Verzinsung bringt. So liefere z. B. die Weinproduction, für welche ans den Rothschild'schen Colonien Millionen investirt wurden, eigentlich kein Erträgnis. Von besonderem Nachtheile ist es da, dass in Folge des Klimas die Ablagerung uno längere Aufbewahrung des Weines in geeigneten Kellern unmöglich ist, da die Temperirung durch Eismaschinen, welche in technischer Vollkommenheit vorhanden find, bei der Weinbehaudlung nicht zweckdienlich erscheint; dass ferner der Absatz ein 'ungenügender ist, nnd die angelegten Wege von der nachbarlichen Bevölkerung oft in böswilliger Weise unbrauchbar gemacht werden. Im Getreideanbau wurden mit Gerste Versuche 'gemacht, aber dieser Anbau leidet viel durch die Oftwinde. Ueberhaupt sei der Boden nicht überall so fruchtbar, wie in den vom Meere terassenförmig aufsteigenden Küstenstrichen, und auch das Klima sei in Folge der großen Temperaturdifferenzen nicht so überaus günstig. Besonders unangenehm fühlbar macht sich der Mangel an gutem Trinkwasser und selbst in Jerusalem müsse man das Trinkwasser ans Cisternen entnehmen. Trotzdem schon 10 Jahre um die Bewilligung znm Baue einer Wasserleitung petilionirt wird, wollen die türkischen Behörden den Bau nicht gestatten; wie man sagt, will der Sultan selbst eine Wasserleitung bauen. Aus politischen, öconomischen und hygienischen Gründen hält darum Herr Salo Cohn die C olonisanon Palästinas in großem Style für undurchführbar und unpraktisch, er würde jedoch dieselbe in Kleinasien empfehlen, wo, lvie ihm von maßgebenden Persönlichkeiten in Constantinopel versichert wurde, der Sultan, nicht nur Laud, sondern auch alle möglichen ColonisatiousbehelfL zur Verfügung stellen will.