Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063027--00741-3067271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrhctt. Nr. 14. ' — dass dieses keiner Apologie bedürfe, sondern die rein objective Darstellung für sich selbst sprechen und wirken muss. Ebenso verhält es sich mit der Geschichte. Des Judenthums wirkungsvollste Apologie ist seine Geschichte. Ob und wie weit dies auch bei den „Bmggräflern" und ihren Hinter- und Dunkelmännern zutrifft, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Zum 70. Geburtstage Ludwig Speidels. Von Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. Löbliche Redaction! Vor einigen Tagen wurde der 70. Geburtstag des weltbekannten Wiener Kritikers Ludwig Speidel gefeiert; es dürfte daher für die Leser Ihrer geschätzten Zeitschrift nicht ohne Zntereffe fein, dass sich Speidel auch der j Juden warm angenommen hat. Es geschah dies in einem Herr-! lichen Feuilleton zum „Allerfeelentag" 1897, betitelt: „Aus freier j Höhe." Als ich jenes Feuilleton las, fühlte ich mich sofort ver-! anlasst, folgende Zeilen niederzuschreiben, die angesichts des 70. , Geburtstages Speidels an actuellem Interesse gewinnen: In einer seiner Schriften bemerkt einmal Auerbach: „Nur j derjenige Mensch ist frei, der sich feiner Würde als Mensch! genau bewusst ist, der es fühlt, dass er in sich einen Adel trägt, j der das Höchste ist; nur der Mensch ist frei, der die Gesetze j kennt, die Gott in seine Brust geschrieben hat, und ohne Men- > schensurcht ihnen gerecht zu werden strebt." > Daher kommt es auch, dass wir jenen Männern die! größte Hochachtung entgegenbringen, welche aus freier Höhe! stehen und unbekümmert um Menschenlob oder Menschentadel j für Wahrheit, Liebe, Sittlichkeit und Gerechtigkeit eintreten. So! war Ende voriger Woche der Name „Lecher" in Aller Munde; i denn er hatte die Rechte einer Minorität mit dem Answaude! aller seiner Kräfte vertheidigt. Allein so sehr auch die seltene! Ausdauer, das tiefe Wissen und die ungewöhnliche Rednergabe! des Abgeordneten Lecher bewundert werden muss, — höher steht noch der Muth des weltbekannten Kritikers Ludwig Speidel, der im dieswöchentlichen Sonntags-Feuilleton der „Neuen Freien Presse" betitelt: „Aus freier Höhe" für die Juden eiulrat. Hinter Lecher stand und steht das ganze deutsche Volk—hinter Speidel stehen nur wenige Männer, die den Muth hätten, seine Ueberzeuguugen zu theilen, geschweige offen ansznsprechen. Für den „Allerfeelentag" schrieb Speidel sein Feuilleton, wie uns scheint, nicht ohne Absicht; denn an dem Tage sollte! der Friedhof die Mahnung bringen, nicht erst im Tode, sondern schon im Leben zu erkennen, dass wir alle Menschen nur einen Gott und einen Vater haben. Mit feCtenev Pietät sucht Speidel das Grab eines jüdischen Freundes aus und es ist ihm Herzenserleichterung, stille und heilige Zwiesprache mit dem „gerechten Israeliten" zu führen. Befriedigt tritt er den Rückweg an. Plötzlich aber ergreift Bitterkeit sein edles Herz, denn er sieht einen mächtigen Kessel, in welchem Menschenhass gebraut wird — die Haupt- und Residenzstadt Wien. Da entströmen dem gepressten Herzen die Worte : „Es ist, als ob Oesterreich stets das Reich bleiben sollte, in welchem die Sonne nicht aufgeht. Jedem Versuche einer Reformation folgt eine Gegenreformation. Viel fröhlich aussprossender Same des Guten ist schon wie oft gewaltsam niedergeschlagen worden. Aller massenhaft angehäufter Hass und Neid scheint sich gegenwärtig wider das Judenthum entladen zu sollen. Und doch — die Hand auf'ö Herz! — Wie Viele von uns müssten das beste Stück ihrer selbst binwegwersen, wenn sie vergessen wollten, was sie, sei es in der Religion, sei es in der Wissenschaft oder im Leben, den Juden verdanken. Die Juden haben uns einen Gott geschenkt, sie haben uns eine religiöse Entwicklungsgeschichte der Welt überliefert, sie haben uns eine Moral gegeben. Sie haben uns ein Buch in die Hand gedrückt, „Das Buch" schlechtweg, aus dem wir durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände deutsch lernen." Der Muth Speidel's muss umso höher angeschlagen werden, als er sich dessen bewusst ist, dass seine Worte wenig Anklang sinden werden. Denn es „brodelt weiter und graues Gewölk erscheint über dem einsam gewordenen Friedhof." „Doch im Westen," so schließt Speidel seine herrlichen Ausführungen, „säumen sich die Wolken mit dunklem Roth, das seinen Widerschein ahnungsvoll über, das Weingelände hinwirft. Und so bringe ich doch ein Stück Sonnenschein mit mir nach Hause." Diese letzten Worte scheinen uns kein bloßes Bild zu sein; vielmehr glauben wir darin beu Gedanken sinden zu dürfen, dass die Sonne der Freiheit, die im meerumschlungenen Albion leuchtet, in Zukunft ihre Strahlen auch nach der Residenzstadt Oesterreichs senden werde. Dieser Gedanke, der im Herzen Speidel's lebt, ist das Stück Sonnenschein, das er mit sich nach Hause bringt. Speidel hat aber auch uns ein Stück Sonnenschein gebracht und den Gedanken in uns bestärkt, den der Prophet in die Worte kleidet: „Der Edle ersinnt Edles, Der Edelmuth muss siegen, List und Lügenworte erliegen." (Jesaias Cap. 32, V. 7 u. 8) Zur jüdischen CnUurfrnge. Von Ll. Mirsky. (Schluss.) Die Völkerpsychologie, diese junge, aber vielversprechende Wissenschaft, wird mit der Zeit diesen Punkt näher beleuchten. Sie wird die geistige Physiognomie eines jeden Volkes genau präcisircn und in scharfen Umrissen der denkenden Welt vor Augen führen. Sie wird sich aber im Laufe ihrer Arbeit lauge beim jüdischen Volke aushalten müssen. Sie wird sich einer Riesenarbeit unterziehen müssen, um die geistige Entwickelung dieses merkwürdigen, räthselhaften Volkes in seinen unzähligen Stadien zu verfolgen. Um so werthvoller wird aber das Ergebnis dieser Forschungen sein. Diese große weltumfassende Lehre ist allein berufen, auf die Frage, worin das Wesen der specifischjüdischen Cultur besteht, eine erschöpfende Antwort zu geben. Für uns genügt es festzustellen, dass eine specifisch jüdische Cultur besteht, dass dieselbe ebenso alt ist, wie ihre Träger und so umfangreich, wie die gesammte Cultur der Menschheit. III. Giebt es oder gab es eine Stätte, wo diese specifisch - jüdische Cultur entstanden, gepflegt und in selbstständiger Eigenart der Nachwelt erhalten wurde? Diese zum Theil bereits in den bisherigen Ausführungen beantwortete Frage bedarf noch der Ergänzung. Entstanden ist die jüdische Cultur, im Gegensätze zu der anderer Völker, gleichzeitig mit dem Entstehen des jüdischen Volkes. Ein Volk, dessen Gesetzgebung eine unlösbare Verschmelzung von Recht und Moral bildet und neben dem primitiven, von allen wilden Völkern als Selbsterhaltungsprincip angenommenen -renn das rein ethische Princip TOTI 16 enthält, ein Volk, bei dem das Recht zurückweichen muss, wo es mit den Principien der Moral nicht vereinbar ist (ivie *6 D12P2 und dergleichen viele), ein solches Volk hat bei seiner Geburt den Grundstein zum Aufbau seiner eigenen Cultur mit aus die Welt gebracht. Gepflegt wurde dieses Kind in verschiedenen Stätten und bei wechselnden Verhältnissen. Zuerst im Elteruhause unter durchwegs günstigen Lebensverhältnissen, dann zog es mit den Eltern ins fremde, wo es, trotz der widerwärtigsten und schwersten Schicksale, mit derselben Li.be, ja mit verdoppelter Sorgsalt gepflegt und gehätschelt wurde. Später, als es anfwuchs und erstarkte, kam es mit anderen Culturen in Berührung, ohne etwas von seinem Eigenen einzubüßen. Der Spruch unserer Weisen r^lp.n bo by '*8 m'ny ist tu Bezug aus die jüdische Cultur im vollsten Sinne des Wortes in Erfüllung gegangen. Ueberall wo Inden leben, dort ist jüdische Cultur anzutreffen. Diese Auffassung des jüdischen Cnlturgedankens lässt sich aber schwer vereinbaren mit derjenigen Bewegung im Judenthnme, die gegenwärtig so viel von sich hören lässt. Ich meine den Zionismus. Hier stoße ich auf eine Frage, die ich lieber unberührt lassen möchte. Es hieße die Toleranz dieses Blattes gegenüber der freien Meinungsäußerung missbrauchen, wollte ich hier auf die Besprechung dieses Themas näher eingehen.