Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Mayryen. Nr. 14. gerieben, die Judenfresser lassen uns ohnehin nicht zur Ruhe kommen; warum sollten wir das frevelhafte Spiel nicht aufgeben, mit den Antisemiten sich zu verbrüdern, die nichts sehnlicher hcrbeiwünschen, als an den Trümmern der jüdischen Religion sich zu weideil? Kommet, lastet uns enger aneinander schließen, es ist die höchste Zeit, den Feinden ein einträchtiges Israel zu zeigen, das allen Stürmen zu trotzen vermag. Es war bisher genug des Hasses und Streites, möge der Friede wieder in unsere Gemeinden einkehren, möge die Bruderliebe die Eisklumpen auflösen, möge Israel erblühen und erstarken, wie es die Gutgesinnten mit warmen Herzen herbeiwünschen! Und wenn der Hass seine Spitze im Innern verloren hat, werden auch die Judenfeinde verstummen, denn an dem neuaufgeführten, starken Wall werden alle Anstürme der antifemitischen Häuptlinge sich brechen, und wenn einmal die blinden Führer und Verleiter des Pöbels ihre Grabesruhe gefundeli haben, werden die Strahlen der Menschenliebe den vaterländifchen Boden befruchten, au dem jeder ungarischer Jude fcsthält. Die Liebe zur jüdischen Religion, die Liebe zum Vaterlaude möge uns zur Eintracht und Friedfertigkeit stimmen! Dunaföldvari (Ungarn). Rabbiner Dr. S a m. P a r t o s. Zur Geschichte der Juden in Tirol nnd Vorarlberg. Von Dr. Aron Tänzer, Hohenems. „D i e W a h r h e i 1" gab in einer ihrer jüngsten Nummern ans der Feder ihres Meraner Korrespondenten der darob gewiss erstaunten Mitwelt davon Kunde, dass der in Oesterreich vorläusig wieder zur Mode gewordene Antisemitismus unter der! armseligen Flagge des „Burggräfler" auch in Tirol und speziell in Meran einzunisten sich bemühe, dabei aber in anerkenueuswerther Prinzipien- und Wahrheitstrene von der „Meraner Zeitung" eines Besseren belehrt worden sei, freilich unter der sehr, sehr fraglichen Voraussetzung, dass Antisemiten einer Belehrung überhaupt zugänglich seien. Der Judenhass ist heute wie immer Geschäftssache, u. zw. wie z. B. in Wien ein sehr einträgliches Geschäft, um leere Säckel zu füllen, Abenteurern, Agitatoren zu freilich herostratischer Berühmtheit zu verhelfen, manch leerer Existenz einen Namen zu geben, im Verfall begriffenen Anschauungen wieder auf die Beine zu helfen, des Volkes freie Geistesentfaltuug zu hemmen u. s. w. Der Antisemitismus ist Geschäfts- und Spekulationssache. Handelt der Trödeljude mit von Herrschaften abgelegten Kleidern, so handeln die Antisemiten mit beinahe vom Pöbel abgelegten Lügen. Antiveritaner wäre eine richtigere Benennung als Antisemiten. Die innere Geschichte Oesterreichs der letzten Jahre ist reich an solch traurigen Beispielen, deren ein späterer Geschichtsschreiber sicherlich mit nicht minderem Abscheu gedenken wird, wie beispielsweise der spanischen oder portugiesischen Juquisitionsperiode und es ist dem biederen „Burggräfler" nur aufrichtigen Herzens zu gönnen, dass er sich neben Lueger, Schneider u. s. w. einen Ehrenplatz darin erringt. Ja lticht nur den Juden, sondern jedem vertlünftig denkenden Menschen, dessen Beruf es nicht ist, im Trüben zu fischen, kommt Vieles im heutigen Oesterreich spanisch vor. Hoffentlich wird jedoch unser liebes Oesterreich vor dem Schicksale Spaniens, dessen Reich kaum mehr von dieser Welt ist, bewahrt bleiben. Die Geschichte der Juden in unseren Alpenländern gehört eigentlich zum weitaus größten Theile Vorarlberg und der nahezu drei Jahrhunderte alten Jsraelitengemeinde in Hohenems an, doch haben die wenigen auch in Tirol zu allen Zeiten und an verschiedenen Orterr unter freilich harten Bedingungen ansässig gewesenen Juden ihre Geschichte, deren Darstellung auf Grund mehrjähriger Forschung in den Landes- und Privatarchiven ich in meiner „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg", deren erster Theil gegen Ende dieses Jahres vor die Oeffentlichkcit treten dürfte, bieten werde. Ob die da gebotenen Wahrheiten — und ich biete ausschließlich unanfechtbare Wahrheiten an der Hand vorliegender amtlicher Urkunden — nicht doch manchen! Leser des „Burggräfler" die Angen öffnen werden, wird die Zukunft lehren. Zu einem vorläufigen Versuche nach dieser Richtung hin lasse ich hier einen Theil meines in Wien gehaltenen Geschichtsvortrages folgen i „Besonderes Interesse verdient ,die Periode der Franzosenkriege, und dies umsomehr als über die großartige» patriotischen Leistungen der Juden in jener Epoche bisher noch -kein Sterbenswörtchen zur Veröffentlichung gelaugte. Schon der Krieg der ersten Koalition gegen Frankreich legte dein kleinen Ländchen insgesammt und so auch seinen Juden schwere Opfer an Kriegsdarlehen, Durchmärsche und Truppeueinlageruugen auf. Im August des Jahres 1796, nach Napoleons Siegen in Italien, galt es die von Graubündteu her erfolgte Invasion der Franzosen in Vorarlberg zu bekämpfen. Wohl kam es damals zu keinem eigentlichen Kampfe, weil das in Bregenz lagernde österreichische Militär unter den Generalen Gräffen und Wolff sich infolge höheren Befehles und des Unglückes der österreichischen Waffen zurückziehen musste und schließlich der Friede zn Campo formio (do) dem Waffentanze ebenfalls ein Ende bereitete. Aber schon in dieser ersten Periode des französischen Krieges thaten sich die Hohenemser Inden ruhmvoll hervor. Einen Theil der Lieferungen für das k. k. Militär war dem Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Hohenems übertragen, Wolf Josof Levi, der in Anerkennung seiner Verdienste zum k. k. Hoffaktor ernannt wurde. Als 1796 die Franzosen Bregenz besetzten, ward eine Deputation Hohenemser Bürger in's französische Hauptquartier geschickt, um Schonung für den Ort zu erwirken. Mitglieder dieser Deputation waren auch sieben Inden und in der hierüber aufgenommenen Urkunde vom! 10. August heißt es wörtlich: „Daß in der Gemeinde Alle für Einen und Einer für Alle haften sollen: Jnd für Christ und Christ für Jud." — Bemerkenswerth sind die anerkennenden Atteste, die die Hohenemser Juden von den hervor agendsten Kommandanten jener Vorarlberger Kriegsepoche ob ihres lobenswertheu Verhaltens erhielten. So hezeugt Ignaz Freiherr von Turtenbach wörtlich, „daß er und seine Kompagnie sämintlich von dortiger Judenschaft freundlichst aufgeuominen, gut und ganz unentgeltlich verpflegt und quartiert worden sind, ja das Wohlwollen und der patriotische Eifer besagter Judenschaft erstreckte sich noch weiter, daß dieselbe freiwilligst dieser Kompagnie Ergänzung ihrer Monturen und einige Stücke wollene Tücher ebenfalls ganz unentgeltlich angeschafft haben." Der durch seine Tapferkeit berühmte Christian Graf v. Leiningen- Westerburg bescheinigt ein Gleiches für sich und seine Kompagnie und fügt noch wörtlich hinzu: „Besonders aber habe die Inden-' schaff sich am anhänglichsten gezeigt gegen das k. k. Militär, auch gegen die Landesschützen in den Tagen von denen vorgefallenen Gefechten vom 16., 18., 28. August und 16. September d. I., wo die Judenschaft die zurückgekommen Blessierten von denen Vorposten nicht nur menschenfreundlichst in ihre Behausungen ausgenommen, dieselben mit Essen und Trinken versahen und die dermalen fehlende Leinwand 'und Charpie freiwillig ohne Anfnrderung aus ihren Mitteln darreichteu." — Ju einer Eingabe vom Jahre 1796 erklärte die Hohenemser Israelitische Gemeinde, ans allen Ersatz der Kriegserlittenheiten dieses Jahres verzichten zu wollen, wofür ihr mittels Erlasses vom 26. Jänner 1797 der a. h. Dank ausgesprochen ward. Auch aus den nun folgenden Kriegsjahren liegen zahlreiche ähnliche Ehrenzeügniss^ sür die Juden vor. Vom Jahre 1797 vom Hauptmann Jovanori, der mit 797 Man von der Obristen-Kompagnie des k. k. ersten komponierten Banater Bataillons während 18 Tagen von den Juden trefflich verköstigt worden sei. Ihm folgen im Jahre 1798 Hauptmann Vamberti, Lieutenant Ferry, Graf zu Pappenheim, Freiherr v. Eichler, Major v. Stein, und endlich der Kommandant des 60. Liuien- Jnsanterie-Regimentes Major Clunchett, die alle nächst dem patriotischen Eifer insbesondere die Uneigennützigkeit der Inden betonen. Im Jahre 1800, da die Kriege der 2. Koalition auch