Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 14 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ie WaHrchsri Rrdaclion u. Admiriistraiton: Wien. II/i, Novaragaffe 27. X I. Sperr. Postfparcafla CQtchSottto Rr. 846.261. 20 Heller per Nonpareille-Zeile. »tonnemrntS- und JnsertionS» betrüge find in Wien zahlbar. «Anaktzcingige Heitfchrift für jüöifche jntereffen. Erscheint jeden achten Tag. Malta: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit Lszagtpwi»: Ganzjährig .... X. IS.— Halbjährig . . . . L. «.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig .... X. io — Für Ausland: Ganzjährig .... 2 Mark 6 Rubel oder «6 Frc». Nr. 14. Men, 86. April MV. Inhalt r Wie lange noch? — Zur Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg. — Zum 70. Geburtstage Ludwig Speidels. — Zur jüdischen Cultursrage. — Aus Palästina. — Gemeinde- und BereinSdote. — Die Entwickelung des jüdischen CantorateS von der Mitte des achtzehnten bis zum Begin des zwanzigsten Jahrhnnderts. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. — Feuilleton: Heimweh. Jüdische Wähler in Wien i Reclamiert rechtzeitig Euer i Wahlrecht für die bevorstehen-j den Gemeinderathswahlen I Me lange noch?! Mit jedem Tage fühlen wir die schwere Bürde drückender, welche die Zerklüftung im ungarischen Judenthum heraufbej schworen hat, und noch immer ist keine Aussicht vorhanden, dass man in competenten Kreisen zur Einsicht gelangt, es sei schon hoch an der Zeit, mit mehr Ernst und Liebe an die Einigung des zersprengten Judenthums zu schreiten. In den tristen Tagen, da der Drachengeist des Judenhasses sich wieder zu regen beginnt, da die Bedrückungen und Verfolgungen der Inden wieder! an der Tagesordnung sind, sollte man doch allenthalben dem Judenthume mehr Wärme eutgegenbringen. Wenn wir das Feuer am eigenen Herde schüren, wie kann man dann erwarten, dass die Judenfeinde die brennende Fackel nicht in unser Haus tragen, und wenn die Pfeiler unseres erhabenen Baues morsch und von Fäulnis zerfressen sind, wer kann da verhüten, dass er nicht krachend zusammenstürzt? Besonders diejenigen, die an der Spitze der Orthodoxie stehen, sollten bedenken, dass dem Judenthume nichts gefährlicher : werden kann, als wenn man die Wunden, die schon über 30 Jahre klaffen, nicht verbinden und nicht heilen will. Mögen sie die j nöthige Arznei suchen, und wir sind dessen gewiss, dass sie dieselbe finden werden. Mit Schroffheit und Eisesstarre wird jeder Lebensnerv im Jnventhume gerödtet; das hätte sie die lange j Erfahrung schon lehren können, wenn sie Herr ihrer Besinnung; wären, wenn sie nicht Alles dem 8ohuIoha.ii Aruch zuliebe geopfert und in ihrer blinden Wuth die edelsten Triebe im Keime erstickt hätten. Dem Schulchan Aruch har keiner auch unter j den Congresslern Eintrag thun wollen, davon hätten die Ortho-! doxen sich schon bisher überzeugen können, wenn sie überhaupt ' aus Ueberzengung die Scheidung vorgenommen hätten. Von unserer Seite ist schon des Oesteren der Versuch! gemacht worden, die entfernten Brüder wieder zu vereinen, doch > die ehrlichsten Absichten werden jedesmal schroff zurückgewiesen,! und dass das gesammte Judenthum unter der Halsstarrigkeit! stark zu leiden hat, das weist jeder gailz genau, der nur irgendlvie Gelegenheit hatte, das Gemeindeleben von der Nähe in Augenschein zu nehmen. Ueberall finden wir Lücken, die auszusüllen wären, sei es der einheitliche Religionsunterricht, der zum grosten Theile verwahrlost ist, sei es der Gottesdienst, dem man bald alte Lappen anhängt, bald mit glänzendem, blos das Auge blendendem Flittergolde belegt. Jetzt ist die Orthodoxie auch schon zerfahren. Die sonst immer fest geschlossen da standen, wenn es galt, den Fortschrittlern einen Schabernack zu spielen, müssen jetzt darauf bedacht sein, ihr eigenes Lager zu schützen und zu vertheidigen. Die gebildeten Elemente, deren Leiter Herr L i p s ch i tz ist, und der an seiner Seite den Prestbnrger Rabbiner hat, haben die Zerfahrenheit schon längst eingesehen und sie wären auch nicht abgeneigt, einen Modus ausfindig zu machen, um ein leidliches Uebereinkommen mit der Fortschrittspartei zu treffen, wenn ihnen die fanatische Menge, die dem Szigete r Gaon Heeressolge leistet, nicht hemmend im Wege stünde. Doch wie Nacht und Tag nicht aus einem Throne sitzen können, so hat auch der Fanatismus im orthodoxen Lager von den Bildungsfähigen sich abgesondert und die Beiden bekämpfen einander mit eben solcher Wuth. wie sie früher den Congresslern gegenüber an der Tagesordnung war. Beide orthodoxen Theile haben ihr eigenes Sprachorgan, das ihre Ansichten zum Ausdrucke bringt, und dass die Fanatiker dies mit großer Heftigkeit thnn, ist selbstverständlich. Wir, denen das Judenthum kein leerer Wahn ist, die zur Erhaltung desselben nichts unversucht lassen, wir, die unverdrossen Hand ans Werk legen, um nach Austen hin die strotzende Kraft der jüdischen Religion vor aller Welt zu zeigen, können nur tief bedauern, dass die Organisation der ungarischen Juden durch derartige Zwistigkeiten und Plänkeleien noch immer nicht zustande kommen kann. Welchen Kamps hat es gekostet, bis unsere Religion zu den lang vorenthaltenen Rechten gelangte, und jetzt, da wir alle Klippen und Fels blocke glücklich umschifft haben, sollten wir nahe am Landungsplätze Schiffbruch leiden? Wie lange noch sollen die Kräfte sich ausreiben, wie lange noch soll das ungarische Judenthum einer sicheren Grundlage entbehren, wie lange noch sollen diese desolaten Zustände dauern? Wenn Hass und Anfeindung die Lebeuselemente des Judenthums ausmachten, wir hätten von denselben übergenug. Der Stachel des Antisemitismus hat sich noch nicht stumpf