Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 13 (12.4.1900)
- Date
- 1900-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit. Ri. 13. welche direct darauf abzielen, die staatlichen Organe in der gerechten Handhabung der Gesetze zu beirre»! und sie für die Zukunft einzuschüchtern, stehe den Vertretungen der Judenschaft der Weg der Beschwerde überhaupt nicht offen. Und doch verlange das Staatsintereffe, dass die Regierung hiegegen kraft ihrer eigenen Machtbefugnisse einschreite, wenn die Nichtbeobachtung der Staatsgrundgesetze nicht förmlich zum Gewohnheitsrechte werden solle. Ministerpräsident Dr. v. Koerber bezog sich in seine» Antwort auf die von ihm bei früherer Gelegenheit abgegebene Erklärung, dass er die siaatsgrnndgesetzlich gewährleisteten Rechte der jüdischen Staatsbürger jederzeit schützen werde. Er beklagte die im öffentlichen Leben eingerissene Verwilderung, unter welcher nicht nur die Inden, sondern auch andere Bevölkerungsclaffen und auch die Regierung selbst zu leiden haben. Auf die Bemeiknng eines Mitgliedes der Deputation, dass die Angriffe aus die Regierung nur eine Brutalität in Worten bedeuten, während die Angriffe auf die Juden zur Brutalität der Thal führen, wie dies ja in zahlreichen Jndenplünderungen in der Provinz beweisen, entgegnete Dr. v. Koerber, dass die Regierung gegenübe« solchen Ausschreitungen ihre Pflicht voll und ganz erfülle»» werde Er verabschiedete die Deputation mit dem Ersuchen, an seinen guten Absichten nicht zu zweifeln und ihm Vertraue»» entgegenzubringkn. Wien. (Jüdisches M u s e u m). Die Ausstellungsräume des Museums bleiben der Feiertage halber in dieser Woche Samstag, Sonntag und Montag sür den Besuch des Publicums von 11 bis l Uhr Mittags geöffnet. Neu zur Ausstellung gelangten: Hagadah, Handschrift mit Miniaturen vom berühmten Kalligraphen Aron Wolf Herlinger, Wien anno 1746, Geschenk des Herrn OberRabbiners Dr. Einanuel Loew in Szegedin; Sammlung von Reliquien des am 13. März gefallenen Technikers Spitzer, Geschenk des Herrn moä. Dr. Adolf Hoffman«, Genrebilder des Malers Lazar Krestin. Auch bleiben die Aquarelle von Prvfeffor Schauer „das hohe Lied" noch durch einige Zeit ausgestellt. Arünn. („M äh rischer Cantorenverei n"). Au» Sonntag, den 18~ März, l. I. fand die Jahresversammlung unter Vorsitz des Obmannes, Herrn Obereantor Heller, statt. Nach Conftatirung der Be- „schkassfähigkeit begrüßte der Obmann die Versammlung und gab seinem Bedauern Ausdruck, dass mehrere College» sowohl durch Unwohlsein, als auch amtlich verhindert waren, an der Versammlung theilzuuehmen. Gleichzeitig »heilte er mit, dass der beliebte College Adolf Koruitzer- Brünn seit längerer Zeit sehr schtver krank darniedertiege, und er ihm v.'m ganzen Herzen eine baldige Genesung wünsche, welchem Wunsche sich sämmtliche College» mit einem kräftigen Amen anschlosien. Nachdem das Protokoll der letzten Generalversammlung verificirt und der Obmann noch »nitgetheilt, dass die in der letzten Generalversammlung beschlossene Aenderung des § 8 Alin. b. dahingehend, dass die Uebersiedlung in ein anderes Kronland, den Verlust dcr Mitgliedschaft nicht zur Folge habe, genehmigt sei. wurde zur Tagesordnung übergangen. In Verhinderung des Schriftführers, Herrn Obereantor Steiner-Gr.-Meseritsch, wurde Herr Obereantor Schön-Austerlitz zum prov. Schriftführer gewählt. Der Vereinscassier, Herr Obereantor Kohn-Lundenburg, legte den Rechenschaftsbericht über das Caffagebahren sür das Verwaltungsjahr 1899 vor, derselbe wurde von den Revisoren, die Herren Canroren Goldmann- Brünn, Reicbner-Butschowitz, geprüft, für richtig befunden, und den» Cassier das Absolutorium ertheilt Bei Punkt 2 der Tagesordnung, — Herabsetzung des Jahresbeitrages. — entwickelte sich eine lebhafte Debatte pro und contra, schließlich wurde der Antrag angenommen und beschlossen, den bisherigen Mitglieds beitrag von 12 Gulden, vom 1. Jänner 1900 auf 12 Kronen , resp. 1 Krone monatlich zu redueiren. Nach Erledigung von Punkt 3 und 4 war die Tagesordnung erschöpft, und die Sitzung wurde geschloffen. Um 8 Uhr Abends versam,nette eine gesellige Zusammenkunft im Restaurant zum „Silbernen Adler" die Collegen, wozu sehr viele Gäste aus den besten Kreisen Brünns erschienen waren. Es entwickelte sich eine zwanglose, gemüthliche Unterhaltung, welche bis spät nach Mitternachtwährte. Die verschiedenen Gesangs- und humoristischen Vorträge wurden mit großem Beifalle ausgenommen. Besonders der künstlerisch vollendete Bortrag des Herrn Obereantor Heller, der die Grals-Erzählung aus Lohengrin und mehrere Lieder zum Besten gab, auch die höchst gelungenen jüdisch-huinoristischen Vorträge des Herrn Cantor Blau-Kostel und des Herrn Spediteur Redlich-Brünn fanden stürmischen Beifall. Die Geisterstunde war längst vorüber, als auf allgemeines Verlangen Herr Pros. Dr. Max Grünfeld das Wort ergriff, einen geschichtlichen Rückblick der Jude» im Zusammenhänge mit dem Gesänge entwarf und die Wichtigkeit, die stets dem Gesänge in Israel zugemessen wurde. An der Hand dieser Daten bewies er die Wichtigkeit des Cantorenstandes, nicht nur im gewöhnlichen Leben, sondern auch in eulrureller Beziehung. Schließlich ließ er seine prachtvoll ausgebaute Rede in einem Hoch aus den Cantorenstand ausklingen. Mit einem von sämmtlichen Cantoren gesungenen Choräle wurde die sehr animirte Unterhaltung geschlossen, und wird dieselbe allen Theilnehmern in freudiger Erinnerung bleiben. S . . . . Verschiedene Nachrichten. Wie«. Freitag, den 6. April, Abends, und Samstag, den 7. April, Früh, hat Herr Paul Horn, Obereantor in Graz, 'im Leopoldstädter Tempel Probe-Vorträge abgehalten. Wien. Sonntag, den 1. d. M. ist der Großindustrielle S. Reich, der Senior und der Chef der Weltsirma S. Reich & Co., im 83. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene hat die moderne Glasfabrikation tn Mähren begründet und h um die Hebung der österreichischen Glasindustrie überhaupt bedeun.de Verdienste erworben. Außerdem entfaltete er eine hervorragende, gemeinnützige Thätigkeit als vieljähriger Bürgermeister von Groß-Karlowitz. Er war eine von der deutschen wie von der czechischen Partei gleich hoch geachtete Persönlichkeit. Reich wurde vom Kaiser durch den Franz Joses-Orden, von mehreren Städten durch das- Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet. Durch mehrere Jahre hindurch gehörte der Verblichene dem Bethausvorstande der Wiener Cultusgemeinde an, seinen Arbeitern, die nach Tausenden zählen, war er ein fürsorglicher Freund und Berather, vielen Armen und Nothleidenden eine kräftige j Stütze und da er unverheiratet war, adoptirte er zwei Verwandte, die j er väterlich liebte und die nun das bedeutende Geschäft im Sinne des! Verblichenen weiterführen werden. Dienstag fand vom Centralsriedhose! bei großer Betheiligung die Beerdigung statt. Oberrabbiner Dr. Güdemann! würdigte die Verdienste des Verewigten in einer tiefgefühlten Trauerrede, \ I. Cantor Blatt mit d.m Tempelchore versah die liturgische Function. DaS! Andenken dieses wahrhaft gerechten und gottesfürchtigen Mannes sei! zum Segen. j Wien Nach vieljähriger, ausgezeichneter Berussthätigkeit ist in j der Nacht auf Sonntag den 8. d. der Direktor der türkischen Talmud- Thora-Schule, in früheren Jahren Lehrer an der d-utschen Talmud-Thora-! Schule, Herr Emanuel G r o a g, im 68. Lebensjahre verschieden. Der ] Verblichene war ein Mann von seltener Integrität des Charakters, dev! sich in seinem veranttvortungsreichen Berufe die höchsten Ideale stellte } und densetben mit dem strengsten Pflichtbewusstsein nachstrebte. Sein! ganzes Leben ging in der Lehrthätigkeit auf, welcher er bis in die! letzten Lebenslage oblag. Er wusste seinen zahlreichen Schülern und! Schülerinnen nicht nur das nötige Maß von Wissen beiznbringen, son--! dern war auch auf die erziehliche Seite des Volksschulunterrichtes sorg--! sam bedacht. In seiner mehr als vierzigjährigen glücklichen Ehe mit! seiner ihn überlebenden Gattin war ihm der Kindersegen versagt, und; so übertrug er all die Liebe, deren sein empfindungsvotles Herz fähig war,! auf seine Schulkinder, die auch der Schule entwachsen, ihm mit großer Verehrung anhingen. Die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit seines I Wesens, die er im Verkehre mit den Kindern bekundete, bewies er auch j allen jenen, mit denen er sonst im Leben in Berührung trat. Das Leichenbegängnis dieses tvackeren Schulmannes, fand Dienstag den 11. d. in; Anwesenheit der Familienmitglieder Professor Groag-Linz. Sprachenj Professor Groag-Wien. des Gesammtvorstandes der türk. Gemeinde, vieler Mitglieder der Gemeinde und zahlreicher Freunde und Schüler . statt Die Trauerceremonien versahen Rabbiner Papo und Obereantor Bauer. Möge die tiefgebeugte Gattin in dem erhebenden Bewusstsein Trost finden, dass das Wirken ihres seligen Gatten bei seinen zahlreichen, i Schülern in ehrendein Andenken gehalten »verden wird und dass sein. Erdenwallen segensreiche Spuren hinterlassen hat. | Wien. Samstag, den 8. d. M., wurde der im 67. Lebensjahre; verschiedene Senior-Chef der bekannten Fabriksfirma Jacob Kraus zu Grabe getragen. Der Verblichene ivar in allen Kreisen durch seinen! Wohlthätigkeitssinn bestens bekannt, und die Theilnahme an seinem Lei- I chenbegängnisse war eine sehr große. Die Trauerfunctiorren versahen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obereantor Singer. - Wie«. (Ehrung» Am 28. März »vurde dkm Herrn Jaeod! Weiß (in Firma Kohn & Weiß) als Begründer und derzeitigen Obmann des jüngst gegründeten Bethausvereines „Montefiore", II.. Taborstraße 38, eine prachtvolle Dankadresse von den drei Schwestervereinen,! u. z. Krankenunterstützung-Witwen und Waisen- und Bethausverein ,.Montefiore" feierlichst überreicht. Es erschienen, da Herr Josef Pollak, : Präses des Krankenvereines, verhindert war, unter Fübrung des Herrn Edmund .Hoffman», Obmann des Witwen- und Waisenvereines, die Herren Voryandsmitglieder Emanuel Taub und Elias Weiß als Vertreter des Krankenvereines, Herr I. A. Wasscrvogel als Vertreter des; Witwenvereines, Herr Dr Leop. Bradv und Herr Adolf Fleifchman in Vertretung des Bethausvereines und Herren Nathan Königsberger und Wilhelm Kohn in Vertretung der Bethausverwaltung. Herr Dr. Brady hob die großen Verdienste, die sich Herr Jacob Weiß auf dem Gebiete der! Humanität insbesondere bei der Gründung und Errichtung des BethauseS ertvorben hatte, hervor und gab sich der angenehmen Erwartung und , Hoffnung hin, dass er dies-s junge Unternehmen auch künftighin unterj stützen werde. Herr Edmund Hoffman» dankte im Namen der Witwe«! und Waisen, die durch »eine reichliche Unterstützung sehr oft bedacht! werden können, insbesondere, dass er den Unterstützungsfond ins Leben j gerufen und ihn in so reichem Maße unterstützt hat. Herr Jacob Weiß i dankte für die ihm erwiesenen Ehren, die ihn besonders freuen, da seine! bescheidenen Leistungen nie solches verdienen. Er werde aber vereint mit! allen Vorstandsmitgliedern immer gerne bereit sein, seine schwachen! Kräfte und wenigen Mittel dem Wohle der drei Schwestervereine zu