Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 13 (12.4.1900)
- Date
- 1900-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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BMdbSftMaUttSaSES&ft Seile 8. Die Wahrheit. Nr. 13. Moses Montesiore und Ädolf Cremieur. Von Dr. M. H. Kriedländer. (Fortsetzung). Als am 6. September Mehemed Ali's Befehl in Damascns eiutraf, wurden die im Kerker fchmachlendeu Märtyrer sofort freigelassen. Die meisten derselben waren von den furchtbaren Folterqualen ganz verstümmelt. Nachdem nun die Gesandten ihr edles Werk glücklich vollendet hatten, verfügte sich Cremienx nach Egypten, wo er in Kairo und in Alexandrien Schulen und Krankenhäuser gründete, während Montesiore sich nach Constantinopel begab, um beim Sultan es durchzusetzen, dass die Juden im türkischen Reiche — auch Syrien mit Damascns siel bald der Türkei zu — in Zukunft vor ähnlichen Verfolgungen geschützt werden. Montesiore erhielt bald nach seiner Ankunft : eim Sultan eine Audienz und erlangte am 6. Nov. einen Fermann von demselben, in welchem es unter anderem hieß: „Von der Liebe zu unseren Uuterthaneu geleitet, können wir cs durchaus nicht zugeben, dass Mitglieder der jüdischen Nation falscher Beschuldigungen wegen beunruhigt und gefoltert werden, wollen vielmehr, dass die jüdische Nation dieselben Rechte und Freiheiten genieste, welche den zahlreichen, unserer Macht unterworfenen Nationen bewilligt find." Nachdem Montesiore sich seiner hohen Aufgabe in solch' trefflicher Weife entledigt haue, trat er seine Rückreise, die einem wahren Trinmphznge glich, über Italien und Frankreich an. Ueberall wurde er mit Enthusiasmus empfangen und Alles wetteiferte gleichsam miteiriarrder, um ihm, dem edlen Menschen befreier, Mettschenbeglücker, Ovationen darzubringen. Am 3. März traf er in London ein, wo er mit urrbeschreiblichem Jubel begrüßt und beglückwünscht wurde. Auch die edle Königin konnte nicht umhin, ihm den Tribut der Anerkennung zu zollen. Sie verlieh nämlich feinem Wappen zur Erinnerung an seine hohen Verdienste um die Juden Palästinas, Supportes (Schildträger). Dieselben bestände-! in einem Löwen und einem Hirsch, die beide Fahnen tragen,-von welchem die rechte mit der hebräischen Jnschtift „Jeruscholajinr1 versehen ist.*) Zn der That bat es selten im Judenthum einen Mäcen gegeben, dessen Her; so geschlagen hätte, wie das Montesiores. Als neunzigjähriger Greis pilgerte er 1875 zum siebentenmale nach dem Lande der Väter. Durch die Anstalten, die er dort gegründet, durch die Institutionen, welche er ins Leben gerufen, hat er sich ein unzerstörbaies Denkmal errichtet. Nicht blos um die Inden des heiligen Landes, sondern auch um die auderer Länder hat er sich große Verdienste erworben. So reiste er 1846 nach Petersburg, wo er vom Kaiser Nicolaus hnldvollst empfangen wurde und die Sistirung der echt mittelalterlichen Ukase, die dieser Monarch gegen die Juden Russlands erlassen hatte, erwirkte. Im Jahre 1858 verfügte er sich nach Rom, um beim Papste die Rückgabe des gewaltsamer Weise eutsührlen Knaben Morlara**) zu erwirken, allein hier blieben alle seine Anstrengungen und Bemühungen fruchtlos, denn gegen Fanatismus und Clericalismus kämpften selbst Männer wie Montesiore vergebens. Aeusterst glänzende Triumphe feierte Montesiore im Jahre 1864, als er sich nach Marokko begab, um dort beim Sultan Sidi Mohamed den Adderrahman für die Verbesserung der höchst bedauernswerten Lage der marokkanischen Juden zu plaidiren. Der Sultan empsieng ihn eh-erbietigst und liest ihm bald einen Ferman zustelleu, in welchem seinen diesbezüglichen Wünschen vollkommen entsprochen wurde. Am 24. O.tober 1884 wurde Montesiores hundertster Geburtstag in ganz Israel aus die solennste Weise gefeiert. Sein am 28. Juli 1885 erfolgter Tod wurde allgemein betrauert. *) Im Jahre 1849 erhob ihn die Königin zum Baronet, wodurch er gleichsam in die Aristokratie Englands eingereiht wurde. **) Edgar Mortara wurde bekanntlich zu Bologna am 20. Juni 1858 durch päpstliche Gendarmen seinen Eltern gewaltsamer Weise entrissen und nach Rom gebracht, weil er, angeblich von einer früheren Dienerin, als er ein Jahr alt war. in einer schweren Krankheit mit der Nothtaufe versehen worden war. Wie Montesiore den größten Theil seiner Zeit, Kraft nnb Fähigkeiteit der Verbesserung der traurigen Lage seiner Stammesgenossen in verschiedenen Ländern geweiht und gewidmet hatte^ ebenso war der bereits erwähnte Cremienx ans allen Kräften bemüht und bestrebt, das geistige und leibliche Heil und Wohl seiner Glaubensbrüder nach jeder Richtung hin zu fördern. (Fortsetzung folgt.) Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte« (26. Fortsetzung.) Alles war voller Jubel, die Burschen warfen ihre Hüte und Mützen in die Höhe und jauchzten, dasssie die Musik übertönten. Görg stand vom weiten, sah sich den Zug an, wandte ihm den Rücken und gieng ins Haus hinein. Das Hochzeitsmahl begann, es wurde gegessen und getrunken, gelärmt und getobt in ausgelassener Lustigkeit. Die Nacht war hereingebrochen, das Mahl vorüber, und wieder eilten Bursche in die Tanzstube aber siehe da — Honza, der fröhliche unter den Fröhlichen war nicht da, war nicht zu sinden, wie und wo man ihn auch suchen mochte. Die Anwesenden suchten sich sein Verschwinden aber bald zu erklären, indem sie annahmen, Honza habe sich entfernt,, um ihnen irgend eine Ueberraschung, irgend einen köstlichen Spass zu bereiten; sie wussten, dass er nicht immer da im Dorfe gewesen, dass er so manches Jahr draußen in der Welt gewesen sei, und dass er da auch gar manchesgesehen undgelernt habe; sie wussten, dass er ein findiger Kops sei, und freuten sich schon im vornhinein auf die Possen, die er zu tfjier Ergötzung vorbereitete. Sie kümmerten sich darum auch für den Augenblick nicht weiter um sein plötzliches Verschwinden, ließen sich in ihren Tänzen nicht stören und gaben sich herzlich der Freude hin. Nur Joses war nicht so leicht beruhigt wie bie- Andern und sein Herz war von einer Unruhe erfüllt, die er sich selbst nicht erklären konnte. Er schritt in Gedanken hinaus aus der Tanzstube und auch aus dem Brauthause. Er sah sich nach allen Seiten um und rief Honza beim Namen. Da sprang ein Man» ans dem Versteck hervor, stürzte ans ihn zu und wollte j ihn zu Boden werfen. Aber in demselben Augenblicke fühlte der! Angreifer sich rücklings gepackt und von zwei gewaltigen Fäusten j umklammert. Görg stöhnte vor Schmerz unter Honza's Händen, > während Joses, befreit von der Gefahr, der er so glückliche entronnen, tief ausathmete. j Lass mich los! — seufzte Görg. J Zum Los lassen ists noch Zeit — erwiderte Honza.! Du wirst mich doch nicht erwürgen tvollen wegen dieses | Juden!; Warum nicht? wenn es sein must! i Ich schwör Dir, dass ich ihm nichts thu. : Das sürcht ich auch nicht, so lang ich aus der Welt bin;.! aber nicht Deinem Schwur trau ich, nein, ich trau allein Deiner j Furcht. Und darum must ich Dir, eh ich Dich loslass, noch ein - Paar Wörter sagen, ich must Dir zeigen, wer ich bin und! mit wem Du es zu thun hast. Du weitst, dass er kein' ärgern.! Feind gehabt hat, als mich; es hat mir weh gethan, dass die! Tochter meines Meisters von ihm sollt verführt und betrogen.! werden. Doch drs ist vorbei, und jetzt steht die Sach anders..! Wie ich früher 'ein ärgster Feind gewesen bin, so bin ich jetzt i seiit bester Freund, und ich werd über ihn wachen, Görg l : das merk Dir. Ich Hab Dich die ganze Zeit her beobachtet und Hab Dich fest im Aug behalten; denn ich Hab Deine giftige Red von jenem Morgen, wo Du das erstemal gedroht hast, noch nicht vergessen, und ich kenn Dein giftig Herz. Aber das sag ich Dir. Ich bin nur ein armer Bursch, eilt Knecht weltn j Du willst, und Du bist ein reicher Bauerssohn, aber wie ich Dich jetzt in meiner Gewalt Hab, die Mutter Gottes und alle Heiligen ruf ich zu Zeugen an, ich dreh Dir die Gurgel um, wiefern Du ihm noch einmal im Wege bist, und mit seinem. Leben endigt auch Deines. (Fortsetzung folgt.)