Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 13 (12.4.1900)
- Date
- 1900-04-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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J§*ite L J)le TDnhrhpii Sette 4. Die Mayryeu. Nr. 13. brauch, die etwa citirten Texlworte ohne Rücksicht auf ihren eigentlichen Sinn willkürlich zu übersetzen. Diese Willkür ist bedingt durch das Bestreben, die Ansführungen durch Textstellen zu belegen. Wir halten es aber für eine Versündigung an der heiligen Schrift und für eine Irreführung des Publicums, wenn die Herren Prediger oft in ihrem Wortlaut ganz einfache und verständliche Stellen zum Belege für Ausführungen benützen, die mit jenen Stellen gar nichts zu thuu haben und Uebersetzungen der citirten Texte geben, die zu ihnen passen, wie die Faust aufs Auge. Wie dem Lehrer gegenüber die Schüler, sind die Hörer einem Prediger gegenüber machtlos, ja sie sind noch schlechter daran als jene. Denn die Schüler können durch Fragen den Lehrer zu näherer Erklärung oder Richtigstellung veranlassen, während die Zuhörer einer Predigt alles über sich ergehen lassen müssen, sie können weder durch Beifall ihre Zustimmung, noch durch Misfall ihren Widerspruch kundgeben oder durch Fragen Aufklärung erbitten. Diese günstige Position der unbedingten Beherrschung der Situation legt aber umsomehr dem Prediger die Verpstichtung auf, aus der Fülle seines Wissens und in sorgfältig gewählter Form nur wirklich Richtiges seinen Hörern zu bieten und je mehr er selbst vom sittlichm Ernst seiner Aufgabe erfüllt ist und je mehr er davon in seine Rede, in seinen Ton und seine Gesten überströmen lässt, desto nachhaltiger wird seine Wirkung sein. Daraus folgt aber mit zwingender Nothwendigkeit, dass der Prediger sich nie gehen lassen und vor allem, dass er nur nach sorgfältiger Vorbereitung die Kanzel betreten darf. Von der Summe nothwendiger Eigenschaften, die vom Prediger verlangt werden müssen, die äußere Erscheinung, die klangvolle Stimme, die Würde der Haltung, das Wissen und die vollste Beherrschung der Sprache, sind die beiden letzteren jene, welche als unerlässlich gelten müssen. Es kann gelviss einer Weltstadt nicht zur Ehre gereichen, dass ein Mann die Kanzel betritt, der abgesehen vom Mangel äußerer Eigenschaften “aum mode r u e n K a n z e l r e d n e r, auch die deutsche^prachD sowenig beherrscht, dass er sich nicht selten die ärgsten Verstöße gegen sie zu schulden kommen lässt; dabei wagt er die kühnsten Gedaukensprünge und übersetzt die Textstellen in der willkürlichsten Weise; ja, wohl in Folge mangelhafter Vorbereitung und weil er die Sprache nicht in seiner Gewalt hat, er bringt auch Unrichtigkeiten vor, die mancher Schüler verbessern könnte. So führte derselbe — nomina sunt odiosa — vor kurzem aus, dass die jüdische Religion der priesterlichen Symbole entrathe, sie habe nur geistige — nebenbei bemerkt, völlig unrichtig, wie jedermann weiß — und belegte dies damit, dass der Hohepriester auf seinem S t i r n b l e ch die U r i in u n d Tu mim, „Licht und Wahrheit", trug, worüber er sich des längeren erging. Als ob der Mann nicht wüsste, dass das Stirnblech des Hohepriesters blos die Worte „Heilig dem Ewigen" zierten und die Urim und Tumim auf seinem Brustschild erglänzten! Und der Mann, der die Stirn hat, dieses Blech seinen Hörern zu bieten, gilt als Gelehrter. Es war gewiss ein Versehen, aber in einer Predigt dürfen Versehen nicht Vorkommen, weil der Prediger außer Stande ist, sie zu verbessern. Hier gilt das Wort: -nat^ri “pnatp 8212 Wir haben dieses wohl allzu starke Pröbchen mitgetheilt, um an einem Beispiel zu zeigen, was den Hörern in einer Predigt mitunter zugemulhet wird, wir wollten aber an allgemeinen Gesichtspunkten darthun, welche Anforderungen man an eine Predigt stellen muß, soll sie, zumal in unserer Zeit und insbesondere in der Großstadt, ihren Zweck erfüllen. Man erwäge doch schließlich, dass schon im Hinblick auf die Heranbildung des Nachwuchses an unserer theologischen Lehranstalt es nicht gleichgiltig ist, ob die Jünger an den im Amt befindlichen Meistern geeignete und nachahmenswerthe Beispiele finden. Oder betrachten es einige unserer Prediger als ihre Aufgabe zu zeigen, wie eine Predigt nicht beschaffen sein soll? Da müsste man denn Warnungszeichen ausstecken. National und Jüdisch. Eine merkwürdige Zeit ist es, in der wir leben, und kein Volk ans Erden macht diese Erfahrung mit jedem Tage mehr, als wir Inden. Fünfzig Jahre sind es, da man uns sagte, dass wir voll nun an frei seien, thun und lassen könnten, was uns beliebe, wohnen dürften, wo es uns beliebe, und sogar selig werden, wie'es uns beliebe. Und nun, nach 50 Jahren von jenem Zeitpunkte, dem dichterische Schwärmerei die schöne, aber leider nicht zutreffende Bezeichnung Völkerfrühling" gegeben — nach 50 Jahren sagt man uns Inden: man habe sich geirrt, die Verhältnisse seien stärker gewesen, als der gute Wille, den man uns gegenüber bezeigt, die „Macht der Gewohnheit" ließe sich nicht brechen, alte Vornrtheile wären nicht zu besiegen, eingewnrzelter Aberglaube sei nicht ansznrotten. Wir hören es ruhig an und ziehen die Conseqnenzen. — — Wirklich V Thun Die älteste Tochterreligion des Mosaismus nennt das Frühlingsfest das Fest der Auferstehung. Einer der großen jüdischen Seher, Hesekiel, der Mann des sittlichen Ernstes, der „Ben-adam“, wie er selbst sich nennt, kündet in seiner bilderreichen Sprache die Auferstehung — —- „ .... es wird sein Blick in Israels ferne Zukunft gelenkt. Vom Gottesgeiste emvorgehoben, schaut er es wiederum anscheinend dem Völkertode verfallen. Er sieht es über die Erde dahingestreut, als gebleichte, ansgedörrte Gebeine, zusammenhanglos, zersprengt, auseinandergerissen das Zueinandergehörende, geschwunden alle Bänder, die sie einst verbanden, geschwunden jeder Muskel, der die Gebeine einst bewegte, geschwunden die schützende und empfindende Haut, geschwunden bis auf die letzte Spur aller Lebenssaft und alle Lebenskraft. Denn geschwunden jenes Element des Lebens, für das allein Israel aus dem Völkertode einst erstanden, geschwunden seine Lebensseele: die Thora. Darum ist ihre Hoffnung geschwunden, fühlen sie ansgedörrt ihre Gebeine, sich jeder Lebenskraft verlustig, sich selbst überlassen. — Ist das nicht das Bild jenes Israels im Exil, von dem die Einen mit der Thora gebrochen und das erträumte Heil im Völkerleben doch nicht gesunden, den Lebensqnell des lebendigen Golteswortes verlassen, doch an anderen Bornen Gesundung und Leben vergebens gesucht haben? Jenes Israels, von dem die Andern freilich nicht den Bruch vollzogen haben, freilich, wenn auch leider in stets sich verringender Zahl, einen großen Theil der Gesetze noch erfüllen, aber von dem Wehen des in ihnen webenden Lebensodems der Thora nimmer berührt wurden? nni firr nn „kein Geist ist in ihnen!" Unb alle Männer der Wissenschaft, alle Doctoren der Völkerpsychologie und der Völkerbiologie haben Israels Todtenschein längst ausgefertigt. Selbst der Prophet wagt auf die Gottesfrage: „Haben diesen dürren Gebeine wohl noch eine Zukunft?" — keine andere Antwort, als: „Mein Gott und Herr, das weißt nur du allein!" — Für Israel aber giebt es keinen Tod. Und gliche es selbst dem Gesichte, das einst der Prophet geschaut —: auch zu den dürren Gebeinen weiß eiuft der Gottesrns zu dringen: mtpnvi 'niexsn höret das Wort Gottes!" — Und da regt sichs in den Gebeinen unter dem Ernste der Zeiten, „unter Donnerlaut und Erdbeben", und was starr lag, gewinnt Empfindung, das Gefühl der Zusammengehörigkeit erwacht in den auseinandergerissenen Gliedern des Jacobshauses, und die Zersprengten schließen sich aneinander, „die Gelenkbänder bilden sich wieder", der jüdische Nationalkörper gewinnt wieder einen Muskel- und Nervenleib, und auch der schützend ihn umgebenden Haut entbehrt er nicht mehr. Allein trotz allen organischen Zusammenschlnsses, trotz aller wiedergewonnenen Einheit, trotz allen in diesem Aneinanderschlusse sich offenbarenden Lebens bleibt dieses Leben nur ein Scheinleben, bleibt der jüdische Nationalkörper in Wahrheit todt, solange der Geist ihm noch fehlt, der Geist, der allein die Lebensseele dieses Volkskörpers bildet. Wäre deshalb durch irgend eine wunderbare Constellation heute den Juden Palästina zur unbeschränkten Verfügung gestellt,