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Die Wahrheit · 1900-04-03 · Heft 12 (3.4.1900) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 12 (3.4.1900)
Date
1900-04-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 12. Die Wahrheit. intelligenten Berufsgenossen und als bescheidenen und biederen Mann keime» zu lernen, der muß zugestehen, dass es in diesen vorliegenden Compositionen auch dem Herausgeber gelungen,, den Geist des Componiften zu erfassen und in seiner Originalität wiederzugeben. Als ausübender Obercantor war Löwenstamm weit über die Grenzen Süddeutfchlaitds hinaus rühmlich bekannt und seine ausgezeichnete Vortragsweise diente gleichfalls vielen Hunderten von Cantoratseleven zum mustergiltigen Vorbilde. Als Nachfolger Löwenstamm'S im Münchener Obercanto - rate wirkt seit einer Reihe von Jahren der ganz treffliche Emauuel K i r s ch n e r. An der allseitig durchgebildeten Persönlichkeit Kirschuer's als Mann seiner Zeit wie als idealer Cantor können aufstrebende Caittoren lernen, wie man es anzufangen habe, um den sich immer steigernden Anforderungen der Zeit in vollstem Maße gerecht \\i werden, ohne nur um Haaresbreite die Tradition außer Acht zu lasten. Diese conservative Gesinltuug mag wohl in den Jngendeiudrücken rvurzeln, die Kirschner als einstiger Solo-Altist im Synagogenchore seiner Heimatgemeinde Beuthen o. S. unter der Leitung des Schreibers dieser Zeilen empfangen; immerhin bleibt es doch bemerkenswerth, dass ihm inmitten der auf ihn spater einstürmenden, so zweifellos modernen Eindrücke diese lobenswerthe, altvaterische Gesinnung nicht abhanden kam. Wer wie Kirschner seine Berliner Studienzeit umrauscht von Orgelklang und modernem Synagogengesange, auch beeinflusst von Opern und Oratorienstil durchgemacht, dem dürften einige abgerungene Zugeständniße an diese verführerischen Klänge immerhin unterfloffen sein. Nicht so bei Kirschner. Wie seine ganze Persönlichkeit, sein allgemeiner Bildungsgrad, sein hebräisches Wissen, seine Musikkenntniße, seine trefflich ausgebildete Stimme und sein einfach-idealer Vortrag harmonisch geeint erscheinen, so tragen auch die von Kirschner im Jahre 1897—98 unter dem Titel „Tehiloth leel eljon“ veröffentlichten Gesänge diesen edlen Charakter der strengen Einheitlichkeit. Diese ersten Schenkungen Kirschuer's an die Synagoge sind übersichtlich gearbeitet, nicht schwer ausführbar, frei von musikalischen Gewaltsamkeiten unb bieten die freudige Gewähr, dass aus seiner Feder noch viel des Ersprießlichen zu erwarten sei. _ (Fortsetzung folgt). Awödas Jisroel. In höflicher Erwiderung des von Herrn I. Lachmann- Hürben veröffentlichten Artikels, glaube ich mich mit allen Le'ern in Uebereinstimmung zu befinden, dass meine Zeilen vom 8. Februar lediglich den Zweck hatten, einem lieben Freunde und hervorragenden Collegen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mit totaler Verkennung dieser lautersten meiner Absichten hat nun Herr Lachmann eine Gedankenreihe constrnirt, deren innerer Zusammenhang knapp genug bemeffen ist, um zu verrathen, was damit gesagt sein soll. Vor allen Dingen aber muss es wenig ernsthaft, wenn nicht gar lächerlich erscheinen, dass mir Aenßernngen unterschoben werden, die niemals über meine Lippen gekommen sind. Eilte musikalische Tradition im Judenthum verwerfe ich ganz und gar nicht; ich schränke dieselbe nur dahin ein, dass wir eine jüdische Musik aus der Zeit des Tempelbestandes ilicht besitzen, dass vielmehr der Ursprung und die Entwickelung derselben ein Product der nämlichen Jahrhunderte ist, die auch die nichtjüdische Musik entstehen ließen. In Bezug ans die meinen Vorträgen zugrundegelegte „seltsame Maxime" diene sodann dem Herrn s Lachmann ergebenst zur Nachricht, dass das Gänsesüßchen-Citat j seines Artikels aus der Luft gegriffen ist. Ich habe indessen weder Zeit noch Lust, die Entwickelungstheorie der Bildungsstufen innerhalb der Völker im Großen und Ganzen hier wiederzugesen; ich darf mich wohl aus die Erklärung beschränken, dass an jener Stelle von der Veranlagung und Befähigung, Musik in Ulis aufzunehmen, nur im Allgemeinen die Rede ist. Um aber auch den Vorlvurf des sine ira et studio von mir abzuwälzen, bin ich gerne bereit, für Herrn Lachmann das Manuscript des in Betracht kommenden Vortrages mitzunehmen, wenn ich diesen Somuier meine V.rwandten in Jchenhausen besuche. Ich werde dann reichlich in der Lage sein, ihm zu beweisen,, dass mir sehr viel daran gelegen ist, ob und wie unser „traditioneller" Gesang zur Darstellung gelaugt. Was Herr Lachmann weiters über Prosodie und Rhythmus spricht, wird von Manchem und vielleicht auch von ihm selbst nicht verstanden werden; ich begnüge mich indessen damit, ihn daran zu erinnern, dass man auch von der hebräischen Formenlehre, von Orthographie und von Gesetzen des NilsL und Nilra etwas verstehen muss, um ein synagogales Gesangswerk schreiben zu können. — Was nun die einzelnen Melodien, des „Awodas Jisroel“ selbst betrifft, so ist gleich Nr. 1 „die^ Chanukoh-B’rocholi“ nicht der süddeutschen Tradition entsprechend, ebensowenig wie der Schluss des ^jiru enenu“ und die „B’rochoh zur Megilloh“, sowie viele Sätze aus derselben.. Das „Wajislu es homon“ ist in die Augen springend falsch und unbegreiflich. Nr. 39 „Boruch scheomar“ ist ebenfalls ganz abweichend von der traditionellen Melodie, tvährend die Nr. 47—53, sowie auch ein Theil der Pisinönim, die übrigens schon durch Sulzer bekannt geworden sind, dieser ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen wegen richtig erscheinen. Es könnte übrigens noch manches Argument ins Feldgeführt werden, allein ich muss, dem mir in diesem Blatte zur Verfügung stehenden Raume Rechnung tragend, dem Schluffe meiner Ausführungen entgegeneilen und will mich nur noch kurz, mit der vielbesprochenen Individualität des Herrn Lachmanw befassen. Die Gesammtheit der geistigen Eigenthümlichkeiten eines Menschen nennt man „Individualität". Durch sie ist Jedem seine eigentliche Stellung in dem organischen Ganzen der Menschheit angewiesen und nur aus Grund derselben ist eine segensreiche Wirksamkeit im practischen Leben möglich. Infolgedessen, ist es auch nur natürlich, dass sich die Individualität des Herrn Lachmann lediglich auf Gebieten bewähren kann, wo seine geistigem Eigenthümlichkeiten am Platze sind. Damit will ich nun den Herrn Lachmann keineswegs über die östlichen Grenzen desdeutschen Reiches zurückschicken, ich freue mich vielmehr, dass er sich in Süddentschland, in der weiten Fremde wohl genug fühlt, um seine eiqenthümliche Stellung im organischen Ganzen des Synagogen-Gesanges durch ein schriftlich niedergelegtes Werk zu documentiren. Aus dieser seiner Individualität kann nun. einmal niemand herauskriecheu. und Herrn Lachmann geht es damit genau so, wie dem berühmten Thiermaler Volkers in. Düsseldorf, der bei allen Versuchen, sich auf verwandte Gebiete zu begeben, immer wieder Pferde malt. Auch Herrn Lachmann, ist es nicht möglich geworden, seine Individualität abzustreffen er hat zwar den Versuch gemacht, süddeutsch zu sein, ist aber. naturgemäß polnisch geblieben. Elberfeld, den 23. März. Hermann Zivi. Verschiedene Nachrichten. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Löbliche Redaction „Die Wahrheit" Wien. Ueber mannigfache Anfragen sind wir in der Lage mitzutheilen, dass der Ring Josef Ritter v. Wertheimers Herrn Dr. Moritz Friedländer in Wien, laut Testament hinterlassen wurde. Hochachtend Administration der „Neuzeit-". Wien. Freitag den 30. März Abends und Samstag den 31. Früh hat Herr G. L i n h a r d t, Obercantor in Hanover, im Leopoldstädter Tempel Probevorträge abgehalten. Wien. Herr Adolf Schreiber, in weiteren Kreisen durch seine Wohlthätigkeit und als Vorsteher des Brigittenauer Tempels bekannt,, wurde zum Armenrath der Stadt Wien ernannt und in dieser Eigenschaft am 22. März.l. I. vom Bürgermeister beeidigt. Wien. Herr Friedrich S. I u r b e r g e r, I. Cantor am Tempel der Cultusgemeinde in Fünfhaus, hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Seine Mutter, Frau Anna J-u r b e r g e r, geborene Landsinger, ist Montag den 26. März hochbetagt in Speising bei Wien gestorben. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch Vormittags auf dem Central-Friedhofe unter zahlreicher Betheiligung statt. Obercantor Singer trug, assistirt vom Chore des Fünfhauser Tempels, in höchst weihevoller Weise die Trauerpsalmen vor, worauf Prediger Dr. Jonathan Wolf in überaus

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