Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 12 (3.4.1900)
- Date
- 1900-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.- Ungar. Aantoren-Aeitung lr. 12. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20 Iahrg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen Hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Itedaction. Die Entwickelung des jüdischen Cantorales von der Mitte des achtzehnten bis Min Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Von Obercantor I. Singer in Wien. IV. (Fortsetzung.) Als Ausgangspunkt des ungarisch-jüdischen modernen Cantorenthums muß zweisellos die Wirksamkeit des weltberühmten orthodoxen Chasens Dowidel Brod, resp. seiner Meschorerim erachtet werden. Wenngleich von ganz außerordentlicher Qualität, so trug die Vortragsweise Dowidel's immerhin doch das mittelalterliche Gepräge und muß eine Hinneigung;nm lvenigsteus einigermaßen regelrechten Gesänge lediglich als das Verdienst seiner schon ziemlich musikalischen Meschorerim K e t t e n, E s r i e l Neutra und Srole Hlinik *) erachtet werden; auch die späteren Meschorerim Dowidel's, wie der früh verewigte Schwarz in Brünn, Epstein in Proßnitz rc. waren schon musikgewandte Männer, die mit bedeutendem Erfolge die modern-cantorale Richtung einschlugen unb in idealem Sinne pflegten. Als directer Vermittler zwischen der alten und neueren Synagogengesangsweise in Ungarn kann jedoch erst Eduard Carl D e n n h o s gelten. Dieser ivar tu der modernen Synagoge zur selben Zeit thätig, wie Dowidel Brod (David Strelezky) in der orthodoxen Synagoge, besaß eine sehr schöne und wohlgeschulte Tenorstimme; sein Vortrag, in der fortschrittlichsten Periode Snlzer's herangereist und dem Sulzer-Vorbilde nachempfunden, galt, wie mehrere damalige Zeitgenossen dem Schreiber dieser Zeilen mittheilten, als überaus musikalisch doch unjüdisch; Dennhos starb am 18. Mai 1840. Die Zwischenzeit bis zum Amtsantritte Friedmann's wirkten mehreren Cantoren, unter denen auch ein Onkel des verewigten Joses Goldstein, Namens Jeremias Goldstein genannt zu werden verdient. Ein radikaler Umschwung der ungarischen zeitgemäßen Synagogengesangs-Verhältniße vollfühne sich jedoch erst mit dem Eintritte des am 23. Juni 1857 zum Obercantor der Bndapester Gemeinde gewählten, überaus vielseitigen und umfassend gebildeten Moriz Friedmann. Das war ein Mann, nach jeder Richtung hin geeignet, eine für die ungarischen Synagogengesangs-Verhältniße zugleich didaktische und diktatorische Stellung einznnehmen und durch volle 34 Jahre rühmlichst zu behaupten. In didaktischer Beziehung wirkte Friedmann theils durch seinen eigenen, vom Meschorer (bei Simche Rüben, dem ausgezeichneten Vater des Componisten Carl Goldmark) zum modernen Cantor dnrchbildeten Vortrag, wie auch durch Wort und Schrift, als Professor am Landesseminar und Herausgeber der von ihm redigirten „Beamten-Zeitnng"; diktatorisch durch seine zur wöglichsten Vervollkommnung herangereiste Persönlichkeit, welche nach jeder Richtung zum Mufterbilde dienen konnte und für viele Don nachstrebenden jungen Cantoren auch galt. Die Compositionen Friedmann's, die leider nicht nach Gepflogenheit in einem größeren Werke, sondern zumeist einzeln im Drucke erschienen, tragen, was bei der conservativen Gesinnung Friedmann's gar nicht zu erwarten war, ein kirchliches und seine Tempellieder *) Der Vater des Autors dieses Aufsatzes. „Izraelita vallasos enekek-4 mit Orgelbegleitung, sogar ein choralartiges Gepräge; bei der Bearbeitung altsynagogaler Motive jedoch bestrebte er sich in dankeswerther Weise, den in seinen Jugendjahren empfangenen traditionellen Eindrücken geeigneten Ausdruck zu verleihen und somit sein Verständnis und seine mächtige Vorliebe für die alte Form glänzend zu bekunden. Friedmann wurde gelegentlich seines 25jährigen Pefter Cantorjubiläums von Sr. Majestät dem Kaiser mit dem goldenen Verdienstkrenze dec rirl und erfreute sich andauernd der allgemeinen Werthschätznng und Hochachtung 'Aller, die ihn zu kennen Gelegenheit hatten; er war ein wohlthäiger, edler Mensch, ein aufopfernder College ilnd treuer Rathgeber für Alle, die sich an ihn wandten. Leider entsprach sein, durch eine schmerzvolle Krankheit getrübter Lebensabend den nach seinem idealen Leben wohlverdienten Voraussetzungen nicht; er starb im 67. Lebensjahre nach einer schweren Krankheit, die den schier unverwüstlichen mächtigen Körper am 27. August 1891 zertrümmerte, nachdem es ihm noch vergönnt war, seinen Nachfolger Obercantor Adolf Lazarus in sein Amt einzuführen. Adolf Lazarus als Nachfolger Friedmann's hat, kraft seines rastlosen Slrebens und der vielseitigen Ausbildung seiner intellectnellen Fähigkeiten in kurzer Zeit eine bedeutungsvolle Carriere gemacht. 1873 noch in Lnndenburg i. M. als zweiter Cantor unter Alois Kn lka beginnend, 1877 in Mähr.-Kromau als Cantor und Secretär nnd im Jahre 1881 in Mähr.-Ostrau schon in einer Orgelsynagoge als Obercantor wirkend, treffen wir ihn im Jahre 1884 bereits in Teplitz nnd 1891 in Hannover, um alsbald einem Rufe als Obercantor der größten ungarischen Gemeinde Budapest Folge zu leisten Dieses schivierige nnd ver intwortnngsreiche Amt versieht Obercantor Lazarus bei stets auisteigendem Erfolgir, unter Ucbcv.tat)aic sämmtlicher Agenden (auch der Professur am Rabbinerseminar) im Geiste seines Vorgängers in ausgezeichneter nltd idealer Weise. Er steht in der Blüthe des Lebens und Wirkens nnd erfreut sich allgemeiner Werthschätzung und Hochachtung. Compositionen von Obercantor Lazarns sollen im Bndapester Tempel zur Aufführung gelangt sein, die uns jedoch im Drucke nicht vo>. liegen. Der im vorigen Jahre plötzlich Heimgegangene Obercantor der Wiener Cltltusgemeinde Josef Gold stein veröffentlichte am Anbeginne seiner Wiener Thätigkeit einen Band Synagogengesänge „8okirs Je9churun:t und später ein Heft verschiedener Gesänge. Goldstein, dessen selten schöne Tenorstimme und fesselnde Vortragsweise, namentlich traditioneller Weisen, allgemeine Bewunderung fanden, wirkte mehr als 40 Jahre außerordentlich rühmlich und war ein Musterbild seltener Pflichterfüllung. In den letzten Lebenslagen arbeitete er an der Transcription sogenannter alter Synagogenmelodien mit Clavierbegleitnng. welche jedoch in Folge seines plötzlichen Hinscheidens nicht mehr an die Oeffentlichkeit gelangten. Im Nachlasse des einstigen ausgezeichneten Obercantors der Münchener Cnltnsgemeinde Max G. Löwenstamm wurde eine Fülle fertiger und fragmentarischer Synagogengesangs- Cotnpositionen für alle Vorkommnisse des Jahres anfgefunden, welches Material, sorgfältig gesichtet, vielleicht auch hie und da ergänzt, in pietätvoller Weise von dem vortheilhait bekannten Sohne des Verewigten, dem renommirten Wiener Gesangsprofessor, Herrn Franz Josef Löwenstamm, im Jahre 1882 unter dem Titel „Semiroth l’el chaj11, in vier stattlichen Bänden veröffentlicht wurden. Die Gesänge allesamml athmen den Geist vergangener Jahrzehnte, suchen jedoch in dankeswerther Weise die künstlerische Brücke zwischen Einst und Jetzt herznstellen. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, Gelegenheit sand, den verewigten M. G. Löwenftamm als ausgezeichneten Cantor, als.