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Die Wahrheit · 1900-04-03 · Heft 12 (3.4.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 12 (3.4.1900)
Date
1900-04-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Di« Wahrheit. Nr. 12. noch immer nicht da; über Heine's Polemik ist noch immer nicht Gras gewachsen. Das Erlöschen des Verlagsrechtes der Firma Hoffmann & Campe in Verbindung mit der leidigen Denkmalsfrage und der Säcularfeier des Geburtstages des Dichters hat uns eine ganze Fluth von Heine-Schriften gebracht, so dass die Schriften über Hei,re, für Heine und gegen Heine nachgerade eine ganze Bibliothek bilden. „Von der Parteien Hass und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Noch immer ist Heine eilt geliebter und gehasster, ein gerühmter und geschmähter Name. Von dem Eilten mit der ganzen Fülle der Bewunderung und der höchsten Theilnahme gesprochen, während die Andern ihn schmähen und verketzern. Noch immer tobt die Frage: Ist Heine nur ein leuchtender Meteor am deutschen Dichterhimmel, oder ein Stern von ewigem und reinem Glanze? Wird man — wie W. Scherer meillt — die Namen Goethe und Heine immmer nebeneinander anssprechen müssen, wenn es sich um deutsche Lyrik handelt, gehört er wirklich zu der» stärksten Liederdichtern und nimmt er unter Denen, die nach dem Meister kommen, als eigenthümliche Kraft, als der Poet mit der lachenden Thrane im Wappen, als ein Dichter, in welchem sich die Elegie mit der scherzhaften Salyre vermählt und dessen Wirkung auf Europa noch jetzt riicht abgeschlossen ist, vielleicht den erstell Platz ein, oder bezeichnet er mit dem seligen Wolfgang Menzel, Treitschke, Hehn, Sandvoß, rc. die tiefste Corruption der deutsche»» Poesie. „Heine ist ein Pfahl in unserem Fleische. Es bedarf einer Operation, die Gefahr der Blutvergiftung der deutschen Nation ist aufs bedrohlichste gesteigert." Kein Dichter der Welt hat bisher so viele Tonschüpfungen angeregt, als Heinrich Heine; das eine oder andere seiner Gedichte ist 150mal componirt worden. Das Ausland kelrnt vornehmlich zwei deutsche Dichter näher, Goethe und Heine, Ul»d eine Uebersetzung Heine'scher Lieder reiht sich an die andere. Aber die zünftige Litteraturhistorik verhält sich theils ablehnend, theils kühl gegenüber dem Dichter. Da weift B. ein tüchtiger Kämpe (beinahe 200 S Gr. Oct.) im fernen Nordosten Dentschlands auf seine verworrene Morol hin, auf seine Charakterschwäche, ans die Liederlichkeit, mit der er mit seinen Gaben gewirihschaftet, auf den Mistbrauch, den er mit seinem Genie getrieben hat. Diese Gaben, verbunden mit feiner geckenhaften Koketterie, der zu folge dem verzogenen Lieblinge der Grazien rer äußere Effect immer mehr galt als der innere Gehalt, geben Veranlassung, den Dichter und Menschen Heine gleichmäßig in Bausch und Bogen zu verdammen. Wenn selbst der ultramontane Wilh. Lindemann nicht umhin konnte zu gestehen: „Die süßesten Schwärmereien, das traumhaftefte Empfinden, das reichste Naturgefühl treten in seinen kleinen Liedern gehüllt in die einfachste, anmnlhigste, geradezu unnachahmbare Form hervor, so dütlkk einem zweiten Kämpen für Ehre und Recht der Lyriker Heines ein Sprachverderber und unglückseligen Plagiator des deutschen Volksliedes. Der streng conservative Heinrich Keiter erklärt: „Heine gebietet über ein ganzes Armeecorps von Ideen und Anschauungen; er überschaut leicht verwirklichte Verhältniße, er hat Sinn für das Große im Leben und der Geschichte, er besitzt endlich vielseitige, wenn auch nicht gründliche Keililtniste, in deren ausgiebiger Verlverthnng er Meister ist. Reicht sein Wissen »licht aus, so füllt er mit bewuilderungswürdiger Gewandtheit die Lücke durch einen glänzenden Witz aus, welcher leicht den Leser täuscht. Dazu kommt völlige Herrschaft über den Stoff. Er lässt seinen Einfällen scheinbar freien Lauf. Aber er übt beständig eingehende Controle über sie aus. Er weiß seinen Gegenstand in die hellste Beleuchtung zu rücken und verborgene Eigenthümlichkeiten an ihm zu entdecken. Die Klarheit seiner Schilderungen lässt nie den Reiz seiner eigenen Individualität vermissen .... Heine schreibt eine Prosa wie sie ein Dichter l»ur schreibell kannpackend, bilderreich, lichtvoll, immer interessant .... Er steht in der deutschen Litteratur bis heute allein, wie Voltaire in der französischen." Und — vor wenigen Monden hat ein trefflicher Biedermann tut Lande der Bacon-Frage den streng aktenmäßigen Beweis zu erbringen versucht, dass der von D. F. Strauß als Ignorant bezeichnete M. nicht nur auf H. wesentlich influirt, dass Heine die leitenden Gedanken W. Menzels sich widerrechtlich angeignet, ja dass der Prosaist Heine ein frecher Bücher-Plünderer gewesen sei. (Schluss folgt.) Moses Montefiore und Adolf Cremieur. Bon Dr« W. H. Arievländer. (Fortsetzung). In dieser Sitzung erhob sich der gottbegeisterte Moses Montefiore mtd sprach unter Anderem: „Wir gehen, um die Forderungen der Menschheit zu vertheidigen, die gekränkt ist; rvir gehen, das dunkle Getriebe satanischer Machinationen aufzuhelleu; wir gehen, unsere Brüder im Osten von dem Schandflecke zu reinigen, dem Intoleranz und Fanatismus auf unsere Nation zu werfen versuchten. Noch mehr, wir wollen versuchen, deit östlichen Regierungen aufgeklärte Grundsätze der Gesetzgebung und Gerichtspflege einzuflößen, sie zu vermögen, die Tortur abzuschaffen und das ewige Recht hoch über die parteiische Gewalt zu setzen. Ich bete zu dem Gotte unserer Väter, dass er unsere Schritte leite". Freudigen Herzens entschloss sich Sir Moses Montefiore, sich der ihm übertragenen hohen Mission ans die würdigste und eclatanteste Weise zu entledigen. Die edle Königin Victoria, die die Reiseoeputation in Avschiedsaudienz empfangen hatte, stellte derselben ihr Staatsschiff zur Verfügung, welches sie über den Canal setzen sollte. — Am 7. Juli trat Montefiore in Begleitung seiner Gattin, des Or. Löwe, des Rechtsgelehrten Wire und des Arztes Dr. Maadon seine Missionsreise an. Sie giengen zuvörderst uach Paris, wo sich ihnen Cremieux, der Orientalist Munk nud ein französischer Arzt anfchlossen. Am 21. Juli verließen sie Marseille. In Livorno wurden sie mit ltubeschreiblichein Jubel und Enthilsiasmns empfangen. In den meisten Synagogen Enropa's und Amerika's wurden inbrünstige Gebete für das Gelingen des gottgefälligen Werkes dieser edlen Reisegesellschaft andachsvoll zum Himmel empor - gesendet. Am 4. August landete die Reisedeputatiou in Kairo. Gleich nach der Ankunft verfügte sich Montefiore zu dem englischen Generalconsul Hodges und überreichte ihm ein Schreiben Palmerston's, worin jener ihn ersuchte, Montefiore in seinem Vorhaben kräftigst zu mtterftntzen. Noch an demselbelt Tage fassten die Reisenden eine Adresse an den Vicekönig, der damals Syrien beherrschte, ab, in der sie um strenge, gewissenhafte Untersuchung der Vorfälle in Damaskus dringend baten. Montefiore und Cremieux erhielten bald nach ihrer Ankunft bei Mehemed Ali Audienz. Letzterer mußte sich die Audienz selbst verschaffen, da ihm der französische Consul jede Unterstützung und Mitwirkung hartnäckig versagte. Obgleich die edlen Sendboten von Mehemed Ali auf's freundlichste empfangen wurden, vermochten sie doch nicht, sofort ihr angestrebtes Ziel, nämlich die Freilassung der Gefangeiten in Damaskus, zu erreichen. Mehemed Ali gab allerlei ausweichende Antwort n, denn er wollte es weder mit den Mächten, wie England und Oesterreich, die sich der armen Märtyrer in Damascus tu wohlwollendster Weise annahmen, noch mit der französischen Regierung, an deren Spitze Thiers stand, verderben. Drei Wochen vergiengeu, ohne dass die Sendboten eine entschiedene Antwort erhielten. Da sann endlich Cremieux aus ein Mittel, das thmsächlich zum Ziele führte. Er gieng nämlich sämmtliche europäische Consuln an, sie mögen in einer Bittschrift die Freilassung der Gefangenen in Damaskus fordern, ivelchem Wunsche sie auch, mit Ausnahme des französischen Consuls, bereitwilligst zu entsprechen sich erbötig erklärten. Kaum aber erhielt Mehemed Ali von der vorbereiteten Bittschrift Kunde, als er sich sofort entschloss, ehe noch die beregte Bittschrift ihm vorgelegt werden konnte, den Befehl zur ertheilen (28. August), dass die Gesaltgenen in Damaskus auf freien Fuß gefetzt werden so llen. Mehemed Ali beeilte sich umsomehr mit der Erlheilung dieses Befehles, als er um jeden

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