Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 12 (3.4.1900)
- Date
- 1900-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit. Breite 5. auf diesem Gebiete Berathunge» zu pflegen und Beschlüsse zu fassen, fehlte Wertheimer nicht unter ihnen, er theilte mit Geheimrath Prof. Lazarus das Präsidium. Unsere Verwunderung musste es darum erregen, dass die seinem hundertsten Geburtstage dargebrachte Ovation im Musikvereinssaale und nicht im Bethause stallfand, welches die eigentliche Versammlungsstätte der Gemeinde ist — nwnn n'3 — und nicht zum geringsten Theile die Stelle seiner verdienstvollen Wirksamkeit bildete. Wir benützen diese Gelegenheit auch, um unser Befremden darüber auszudrücken, dass bei Nennung seines Namens aus Anlass der Seelenfeier nicht auch feiner Schöpfungen Erwähnung geschieht, wie dies bei anderen Namen der Fall ist. Trügt uns das Gedächtnis nicht, so geschah es thatsächlich in früheren Jahren. Wenn wir nun den Menschen Josef Wertheimer in seiner öffentlichen und privaten Thätigkeit beobachten, so lernen wir ihn als einen Mann kennen, der all die Fähigkeiten und Anlagen, die ihm eine gütige Vorsehung in so reichem Mage verliehen, dem Dienste der Humanität und der Wolfahrt der Menschheit zur Verfügung stellte. All' sein Sinneil und Trachten, all' sein Wissen, Wirken und Walten war daraus gerichtet, dem Nutzen und Besten der Gesammtheit zu dienen. Nichts für sich, Alles für Andere war die Devise seines Lebens, sich zur Befriedigung, den Anderen zum Beispiele und Muster. — Jude in seiner humanen Gesinnung, war er es auch in deren Bethätigung. Gesegnet sei sein Andenken! Äus dem glaubensstarke» Tirol Meran, 26. März. Der „Bnrggräfler" ist ein antisemitisches, von eitlem Pfaffen ungeschickt redigirtes Blatt, das der Intelligenz seines Leserkreises entsprechend, den in andern Blättern abgelagerten Dünger sammelt und ihn mit eigenen kleinen Zuthaten kredenzt. Der verwichene Minister Dipauli ist der Schirmherr des Blattes, das trotz der Meraüer heilkräftigen Luft täglich 'mehr hinsiecht und hinieden auch vom kräftigsten Antisemitismus nichts mehr zu erwarten hat. In diesem jämmerlichen Zustande griff neulich der „Burggräfler" zu einem im Wiener „Vaterland" vom ungarischen Ministerialsekretär Egan erschienenen, lügenstrotzenden Artikel „Die jüdische Maffia in O b e r u n g a r u" und putzte damit die erste Seite seiner Nummer, mit der Bemerkung schließend, dass die Darstellung Egans ein amtliches Document von unanfechtbarer Glaubwürdigkeit sei. Gleichzeitig verzerrt der reizende „Bnrggräfler" das Gesicht zu einer höhnischen Fratze und fragt spöttisch: „Was sagt die „Meraner Zeitung" dazu?" Die „Meraner Zeitung" nämlich ist ein trefflich redigirtes Journal der liberalen Partei. Diese bleibt ihrem plumpen Gegner die Antwort nicht schuldig. In einem offenen, an den hochwürdigen Josef Thaler in Meran gerichteten Briefe, weist sie daraus hilt, dass wenn die ruthenischen Bauern in Oberungarn von den Gutspächtern ausgebeutet werden, die katholischen Pächter und Grundbesitzer, ja die Magnaten selbst, den Juden den Rang ablaufen und ihrem Vortheile eben so eifrig fröhnen wie unsere vornehmen christlich-socialen Feudalen Liechtenstein und Schwarzenberg, die doch keine Juden sind und ihren christlichen Arbeitern Hungerlöhne zahlen. In dem feindlichen Artikel wird namentlich der von den Juden in Ungarn betriebene Rindviehwucher hervorgehoben. Sie sollen nämlich beispielsweise einen Ochsen um 140 K. kaufen, sie deni Bauern auf Halbpart um 200 K. geben, sie dann um 320 verkaufert und dem Bauern blos 280 K. verrechnen, '.so dass sie an dem Stück im Vorhinein 100 K. profitireu. Darauf bemerkt die „Meraner Zeitung" im Briefe an den geistlichen Herausgeber des „Bnrggräfler". In Voralberg, Salzburg, Kärnten und im heiligen Tirol find die Viehhändler ausschließlich Katholiken, keine Israeliten (ich sage absichtlich „Israeliten", da mail unter Juden auch Christen oft versteht). Fragen Sie, hochwürdiger Herr Redacteur, Ihre Beichtkiitder, ich vermuthe auch vielleicht einen Viehhändler unter denselben, und lassen Sie sich erzählen, wie katholische Händler Ochsen oder Kühe auf Bitt (Kredit) an die Bauern verkaufen. Sie werden ganz analoge Vorgänge wie bei den Juden in Oberungarn hören, ich glaube, dass Letztere entschieden christlicher Vorgehen. Wenn es nun in Oberungarn einzelne Juden sind, die ausbenten. ist es gerecht, alle Juden zu entehren? Wie oft haben Ju)en schon den Christen geholfen, und wie viele jüdische Stillungen existieren, welche von Christen benutzt werden; belveisen Sie mir das Umgekehrte! In dem christlich-sozialen Wien betrachten Sie gef lligst die christlichen Häuserwucherer. die dem Zuchthause entgegen fliegen. — Gehen Sie, Herr Redacteur, auf die Tiroler Viehmärkte, betrachten Sie das Thun und Treiben Ihrer katholischen Bauern. Der Bauer mag noch so religiös sein, — auf dem Markte ist Alles erlaubt, da wird betrogen und belogen, — ohne irgend welche Gewisseitsbiffe. Beim löbl. k. k. Bezirksgerichte in Meran und Bozen können Sie sich in den Akten, welche von Vieh-Prozessen handeln, den schnellsten Wabrheitsbeweis suchen, oder machen Sie es wie der ungläubige Harun al Raschid, Khalif von Bagdad, verkleiden Sie sich und besuchen Sie die dortigen Märkte. Alsdann, wenn Sie die Verhältnisse beurtheilen zwischen den ungarischen Juden und den katholischen Tiroler Bauern, dann hoffe ich, dass Sie sich es überlegen, vom Wiener „Vaterl.nd" A tikel abzuschreiben, die erstens entstellt von der Wahrheit sind, zweitens den Zweck haben, Rassenhass zu erzeugen. Ebensowenig die Katholiken schuldtragend sind an den Fehlern Einzelner ihrer Glaubensgenossen, ebensowenig költnen die Juden für die Untugenden Einzelner haftbar gemacht werden. Wenn die Juden so verachtensvoll sind, warum verkehrt das Haupt der kathol. Bolksparthei, Se. Exzellenz i. P. Baron Dipauli mit Inden? — Wenn man Profit wittert, daun verschwinden die krummen Nasen, dann ist der Fud sogar würdig, Kompagnon eines klerikalen Oberhauptes zu werden! Und das Leiborgan dieses „uneigennützigen" Barons wettert gegen Inden, wiederholt gehässige Artikel eines abgetakelten Parteiblattes, und der Redacteur — ein Priester, der Gottes Worte verkünden sollte.- „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Die Erklärung dieses Gebotes findet man in jeder Ausgabe des „Burggräfler". In dem — bis auf Hohenembs — fast judenreinen Lande Tirol gibts keine Judenfrage. Hier in Meran wenigstens, wo sehr viele russische Juden minderer Oualität einen Theil des Jahres weilen, merkt man durchaus nichts von praktischem Antisemitismus; da wird von pfäffischer Seite der Streit hereingezerrt, indem sich die katholischen Geistlichen der im äußersten Ungarn angeblich von dortigen Juden bevortheilten griechischen Ruthenen annehmen! Cs geschieht dies wahrlich uichl zum Vortheile des Kurplatzes, der so stark von Inden besucht wird und deren Verschwinden die Liegenschaften und die Erwerbsverhältniffe Merans unzweifelhaft sehr beeinträchtigen würde. X. Heinrich Heine. „Von sämmtlichen deutschen Dichtern, die seit 1825 aufgetreten sind, könnte man jeden beliebigen aus der Geschichte wegdenken, ohne dais auch nur annäherungsweise eine solche Lücke entstünde, als wenn Heine fehlte. Er hat auf alle Strömungen unseres Denkens und Empfindens bedeutend eingewirkt, und diese Einwirkungen, heilsam und schädlich, sind fühlbar bis auf den heutigen Tag, man muss mit Ihnen rechnen, man kann sie nicht ignoriren." So beim Erscheinen der ersten schwerwiegenden Arbeit von Adolf Strodtmann Niemand Anderer als — Julian Schmidt; freilich die übrigen gleichzeitigen Worte des bekannten Litterarhistorikers sind auch nach drei Decennien ein frommer, in weite Ferne gerückter Wunsch geblieben. Die Heit, wo man Heine ganz unbefangen beurtheilen könnte, ist