Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 12 (3.4.1900)
- Date
- 1900-04-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Vre Wahrheit. Nr. 12. welche von solchem Streben erfüllt ist, werde nicht blos im Interesse. der Juden, sondern noch vielmehr im Interesse des Staates darauf bedacht fein, den Racenhafs und den c o nf e f s i o n e l l e n Unfrieden zu beseitigen. Die vor einigen Tagen erfolgte Canctionirung der Wiener Gemeindewahlreform, welche die'Herrschaft der antisemitischen Partei im Gemeinderathe befestigt, sei nun scheinbar geeignet, den guten Glauben an die woblwollende Haltung des Ministeriums gegenüber den jüdischen Staatsbürgern zu erschüttern. Aber ebensowig als die frühere Wahlordnung den Juden etwas genützt hat, könne uns die neue Schaden bereiten, und zudem habe der Ministerpräsident der bei ihm erschienenen Deputation jüdischer Glau- . bensgenossen ausdrücklich erklärt, „dass die Regierung entschlossen sei, allen Verletzungen der den Juden gewährleisteten Rechte mit größter Energie entgegenz u t r e l e n." Im Interesse der allgemeinen Verständigung und des tiefen Friedensbedürfniffes, von welchem die seit Jahrzehnten verletzte und bedrückte jüdische Bevölkerung erfüllt ist, brauche darum die letztere in der Sanctiomrung der Wahlreform einen gegen sie gerichteten Act des Uebelwollens nicht zu erblicken. Aber die jüdische Bevölkerung muss die laute Forderung erheben, es möge mit nicht minderer Sorge, wie sie der Beilegung der nationalen Kampfe gewidmet wird, auch die Herstellung des religiösen und confessionellen Friedens angestrebt werden, ohne welchen ein dauernder Völker- und Bürgerfriede kaum möglich ist. Sowie die antisemitische Verhetzung zum Theile als Folgeübel nationaler Ueberhitznng erscheint, so hat der Antisemitismus unter der unverantwortlichen Duldung und Ermunterung früherer Regierungen und gefördert durch eine unerhörte Volksbethörung die Ursachen seiner Entstehung weitaus überwuchert und ist aus einer Anfeindung und Bedrückung der Juden zu einer eminenten Slaatsgefahr angewachsen. Redner ist der Ueberzeugung, dass es der Regierung in ihrer declarirten Friedensmission und ehrlichen Politik der Verständigung darum zu thum sein muss, auf diesem Gebiete Frieden zu schaffen, wo die Lebensinteressen von Millionen Verfolgter bedroht erscheinen. Im Anschlüsse an diese wiederholt von lebhaftem Deifalle unterbrochenen Ausführungen beantragte Dr. Fialla nachfolgende Resolution: „Die durch den „Politischen Volksverein"wertretene jüdische Wählerschaft findet in der Thatfache, dass das Mini st e r i u m K o erber das seitens der antisemitischen Majorität des n.-ö. Landtages beschlossene neue G e m e i n d e st a t u t sammt der neuen Wahlordnung für die Stadt Wien der a. h. Sanctionirung unterbreiten zu müssen glaubte, keinen begründeten Anlass, um oppositionell oder mit Misstrauen einer Regiernng zu begegnen, welche ihre wichtigste politische Aufgabe in der Beilegung des n a t i o u a l e n Streites erblickt und auf diesem Gebiete, wie ans jenem der Wiedetbelebung der parlamentarischen Tz.ätigkeit schon im Beginne' ihres Wirkens aussichtsvolle Erfolge herbeizuführen vermochte. Der „Politische Volksverein" spricht zugleich seine dringliche Erwartung aus, dass diese Regierung mit nicht minderer Zielbewusstheil bemüht - sein werde, auch den durch die überhitzten nationalen Kämpfe maßlos gesteigeiteu re lig i5 s e n und c o n f e s s l o n e l l e n Unfrieden zu bannen, die bisherige, den öffentlichen Geist verwirrende Duldung und Ermunterung verderblicher Bürger Verhetzung und culturseindlicher Volksbethörung endgiltig zu brechen, die ans administrati v em und w i rth sch aftli ch e m Gebiete uns bedrückenden und tief verletzenden Einschränkungen, Ungerechtigkeiten uiii> Zurücksetzungen zu beseitigen und hintanzuhalten, sowie durch endliche energische Handhabung und Wahrung ausnahmslos gleichen Rechtes im Sittne der Staatsgrundgesetze uns die nur allzulange entbehrte Gerechtigkeit zu Theil werden zu lassen. Hiernach glaubt der „Politische Volksvereitt" der uugetheilteu Zustimmung der gesammten jüdischen Bevölkerung sicher zu sein, wenn er nach allen Unbilden einer seit Jahrzehnten erlittenen confessionellen Verhetzung der F r i e d e n s s e h n - sucht der österreichischen I u d e n s ch a f t lauten Ausdruck verleiht, welche ihrerseits den Bürgerfrieden, niemals gestört hat, der nur durchg l e i ch m ä ß Dg e. Beseitigung des confessionellen, wie des nationalen Streites dauernd begründet zu werden vermag." In der darauffolgenden Debatte wurde die Resolution zum Theil befürwortet, zum Theil bekämpft. Von den Gegnern derselben wurden namentlich darauf hingewiesen, dass das Ministerium Kocrber die zugesagte Energie zur Wahrung der Rechte jüdischer Staatsbürger in der Affaire A r a t e n habe vermissen lassen. Schließlich wurde die Resolution angenommen. Josef Wertheimer. Wie die Stimmen, die in die Wahlurne fallen, so müssen oder sollen auch Namen gewogen werden. Nicht die Titel, die als Folge äußerer Auszeichnung ihnen zutheil wurden, bilden ihr Schwergewicht, der Inhalt des werklhätigen Lebens ihrer Träger allein fallt schwer lind gewichtig in die Wagschale ihrer Werthbestimmnng. Josef Wertheimer's Name war geadelt, ehe er in Würdigung seiner Verdienste nobiliert worden war, und Heller Glan; umstrahlte denselben, bevor noch Orden Wertheimer's Brust schmückten. Wir glauben daher Recht daran zu thun, wenn wir als Ueberschrift der sich mit ihm beschäftigenden Artikel seinen bloßen Namen wählen und es vermeiden, demselben ein Epitheton anzufügeu Fast bedünkt es uns, dass hier ein Mehr weniger wäre; Klio's Griffel wird ihn sicher nicht anders in ihre Tafeln eingraben. Nahezu 70 Jahre seines thatenreichen Lebens trug er seinen Namen ohne Zuthat. Es potenzirt dessen Werth durchaus nicht, wenn er anlässlich der ihm gewidmeten Kundgebungen „Ritter von" genannt wird. Ein Weiser des Talmud that die Aeußerung, dass es dem Communalverweser, der die Gemeinde mit Sanft- und Edelmuth leitet, beschieden sei, ihr Leiter auch für kommende Zeiten zu bleiben. yn"jrf? djvtjöi rm nrm nustn n« jvuöip vnvn Das trifft sicher bei Josef Wertyeimer zu. Die Saat des Guten, die er bei Lebzeiten ausgestreut, wird blühen, gedeihen und reiche Früchte tragen den späteren Generationen. Die Thätigkeit Josef Wertheimer's im Interesse des Gemeinwohls entbehrte nicht der Systematik. Entsprechend jener Stelle in der Apotheose des königlichen Psalmdichters, erblickte er in der Kinderwelt die Grundlage der Kraft und Stärke im gesellschaftlichen Leben. Er wendete vaher seine Sorgfalt zunächst und vorerst der Kindererziehnng zu. — Zn der Jugend, die durch Talent sich auszeichnete, fühlte er sich mächtig hingezogen. Winter st ein, Kompert, Neustadt, Theodor M a n n h e i m e r, der Studiengeuosse Glase r's und Unga r's, Georg I e l l i n e k wurden so die intimsten Freunde seines Hauses. Die Leseabende, die Wertheimer in seiner Wohnung veranstaltete, übten auf alle Theilnehner eine wahre Attraction aus. Es fehlte dabei nicht an interessanten Anregungen. Dass sein Haus ein Stelldichein bildete für Männer, die durch hohe Intelligenz und iociale und amtliche 'Stellung den hervorragendsten Kreisen der Residenz angehörten, haben wir bereits erwähnt. Aber auch für solche, die in momentaner Verlegenheit des Rathes oder rascher Hilfe bedurften, war sein Haus eine Zufluchtsstätte. Keine Stunde war ihm zu früh, keine zu spät; in solchen Fällen war er immer zu haben. Nur sein immenser Fleiß, seine nie erschlaffende Arbeitsbeflissenheit machten es möglich, dass er neben seiner Berufsarbeit noch Zeit und Muße für das Alles fand. Braucht noch hervorgehoben zu werden, dass er die Obliegenheiten, die ihm seine vielen Ehrenämter auferlegten, getreulich und gewissenhaft erfüllte? Die Art und Weise, wie er seines Amtes als Präsident der Cultusgemeinde, der israelitischen Allianz, der Kinderbewahranstalt und des Waisenvereines waltete, wird ein nie der Verwüstung anheimfallendes Denkmal für ihn bleiben. Für den Cultus selbst und dessen Institutionen hatte er das lebhafteste Interesse, und als in Augsburg die Nokabeln der jüdischen Theologie und der Judenheit sich versammelten, um