Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 11 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 11. unwürdigen Nationalkämpfe, die sich gegenwärtig in den civilisirtesten Ländern abspielen. Was die Aufnahme von fremden Culturen anbelangt, so haben die Juden viel mehr in die fremden Culturen hineingetragen, als aus denselben entnommen. Es würde sich wohl der Mühe verlohnen, hierin allen Lexicis zerstreuten und als Gemeingut der ganzen Menschheit oder als Eigenthum gewisser Nationen angesehenen Früchte jüdischen Geistes herauszugreifen, zu systematisiren, unter Beleuchtung des specifisch-jüdischen Volksgeistes als ein abgeschlossenes Ganzes zu betrachten und dann mit den entsprechenden Leistungen nichtjüdischer Denker zu vergleichen. Es würde sich dann zweifellos vor unseren Augen eine Kluft aufthun, die die Art und Weife des jüdischen Denkens und Empfindens von denen anderer Nationen trennt. Es würde sich die Thatsache Herausstellen, dass der Jude, mag er von seinem eigenen Lager noch so entfernt sein, mag der Gegenstand seiner Forschung noch so allgemeiner oder privater Natur sein, nie ails seiner nationalen Haut herauskommen kann und seinem Werke, ohne direkte Absicht, eine eigentliche Färbung verleihen muss. Diese Erscheinung ist nicht nur bei den Juden, sondern auch bei viel jüngeren Völkern der Fall. Ein geübter und gebildeter Leser wird bei der Lecmre eines Romans oder einer Dichtung leicht herausfiude» können, auf welchem Boden das Original des betreffenden Werkes entstanden ist. Bei wissenschaftlichen Arbeiten, die ihrem Wesen nach international sind, die sich aufeinander stützen und einander ergänzen, ist der specifische Charakter des betreffenden Denkers schwerer heranszufinden, allein ganz verschwinden kann er doch nicht. Der kritisirende, zweifelnde, grübelnde, mit Unruhe und Hast nach der Wahrheit suchende und den idealen Boden nie verlassende Geist des jüdischen Denkers äußert sich mit größerer oder minderer Deutlichkeit in allen seinen Schöpfungen. Spinoza, der sich mit Widerwillen von seinem Volke losgelöst, seine Weisheit von original-christlicher Quelle geschöpft und seinen großen arischen Lehrer Dcscartes zum Ausgangspunkte seiner Philosophie gemacht hat, blieb unleugbar im Denken und Fühlen, in der Art des Combinirens, in der Form der logischen Anwendung und Ausführung seiner Gedanken durch und durch Jude. Besonders tief aber spiegelt sich, wie gesagt, der specifisch-jüdische Geist in den schöngeistigen Arbeiten ab, wo die Empfindung vorwiegend mitspricht Das ereignisreiche Leben des jüdischen Volkes, seine gleich übermenschlichen Leiden und Siege prägten im Volke einen scharf individuellen Charakter aus, der mit mehr oder minder intensiver Schärfe jedem Gliede anhaftet. Nach einem Beispiele brauchen wir nicht weit zu suchen. Heinrich Heine, dieser gefeierte deutsche Dichter, wird mehr wegen seiner Originalität, als wegen seiner wirklichen Begabung als großer Dichter gefeiert. Worin besteht aber die Originalität Heines? Heine verstand wie kein anderer, durch Thränen zu lachen; seine Satire hat tragischen Nachklang. Seine heiteren Scherze stimmen eher zum resignirten Nachdenken, als zum Lachen. Heine lacht — und Thränen fließen ihm aus den Augen. Er spottet, aber gallig ist sein Spott. Er versuchte mit den Söhnen des glücklichen Deutschland mitzusingen, allein seine Stimme stach im Chorus ab: sie klang unheimlich, tragisch, geheimnisvoll. Hinter dem lauten, heiteren Jauchzen verbarg sich ein mit Mühe zurückgehaltenes leises Schluchzen. Das ist die Originalität Heines. Heine war der Sohn seines Volkes, des Volkes dem der Witz geblieben ist, das aber das Lachen verlernt hat, des Volkes, das in den Minuten der ausgelassensten Freude die Erinnerung an seine düstere Vergangenheit nicht verscheuchen kann, des Volkes, dem unsägliche Martyrien den tiefen Ernst des Lebens verständlich gemacht und gezeigt haben, wie unendlich schwer es ist, ein Ideal zu pflegen und vor unverdienten Angriffen zu schützen. Die Stimme des Jahrtausende lang geknechteten und verfolgten Volkes sang aus der Kehle Heines. Es wäre zu weitläufig, hier weitere Beispiele anzuführen. Der Leser möge weitere Untersuchungen anstellen, es wird dies eine dankbare und der Mühe lohnende Arbeit sein. (Schluss folgt.) Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (25. Fortsetzung.) Lasst auch mich — sprach sie, indem sie sich erhob, und das Glas folgte der zitternden Bewegung ihrer Hand — einiger Menschen gedenken, die nicht mit uns hier versammelt sind. Sie sitzen vielleicht jetzt in dem Allgenblick, in dem wir uns freuen,, stumm bei einander und trauern noch immer um einen, beu sie geliebt, und der sich gewaltsam aus ihrer Mitte losgerissen L Möchte einst eine Zeit kommen, dass sich die in Groll und Hass verhärteten Herzen wieder erweichen und biejenigen,. die sich geliebt und nun getrennt sind, sich versöhnt wieder in die Arme fallen! Mein Glas bring ich der Versöhnung! Schweigend stießen die Anwesenden mit Marien an; Josef betrachtete sie mit dankbarem Blicke, und wie sie dastand, erschien sie ihm wie eine Heilige, wie eine hehre Gestalt, die weit hinausragt über alle anderen Menschen. Mariens Worte machten tiefen Eindruck, Alles schwieg, denn jeder fühlte, dass es jetzt nicht mehr Zeit zu reden sei. So ward denn die Feier iu Scherz und Ernst, mit Anmnth unb Würde begangen zll nachdauernder Wirkung aller dabei Betheiligten. Josef lind Marie waren nun vor aller Welt erklärte Brautleute. Man hatte nur noch die heiligen drei Könige vorbeiziehen lassen, dann kam die lustige Faschingszeit, und in dieser Zeit der allgemeinen Lust und Freude sollte auch ihre Hochzeit gefeiert werden: Schon war der Hochzeitstag bestimmt, dem Josef mit Wonne und Entzücken, Marie mit jungfräulichem Verschämtheit, der alte Niederhuber mit frohem Blick in die Zukunft, Honza mit innerer Genugthuung, Brigitte mit gutmüthiger Freude, das ganze Dorf mit reiner Theilnahme entgegensahen und nur Görg, der abgewieseue Freier, mit Aergerr und verbittertem Gemüthe. - Görg konnte den Gedanken, dass Joses ein Hergelaufener — wie er ihn nannte — ihm, dem reichen Bauerssohne vorgezogen werde, nicht ertragen. Von Leidenschaft für Marie unb von Rache für den begünstigten Nebenbuhler zugleich erfasst, gequält und gepeinigt von Leiden, denen er nicht entrinnen konnte, sah er den Tag, der seine Unruhe vergrößern, seine Qual zu einer endlosen machen sollte, immer näher und näher heranrücken, und er sann entsetzliches und fürchterliches. Allein, sein Sinnen und Trachten hielt die Zeit nicht auf, die Tage verrannen einer nach dem andern und endlich war der Hochzeitstag auch da. Schon tönten lustig die Instrumente der Dorfmusikanten im Brauthause. Der Schullehrer, welcher der Vorspieler der kleinen Dorfmusik war, strich emsig mit seinem Fidelbogen über die hellklingenden Saiten der Geige und die^ anderen Fidler thaten es ihm nach, so gut sie konnten und wie er sie's gelehrt hatte. Der Schulgehilf blies die Flöte, der Peter blies in ein Waldhorn hinein, Andres that sich nicht, wenig darauf zu gut, was seine Trompete für eine Klang habe, und der alte Cyprian war stolz auf die Bassgeige, auf der er tactgemäß den Grundton angab; denn er wusste, dass aus diesem Grunde alles ausgebaut sei, was die andern da streichen und blasen. Der Walzer gieng recht gut von statten und die tanzenden Paare folgten in natürlichen, anmuthigen Bewegungen der hebenden Kraft des gebundenen Maßes. Görg war nichts aus dem Tanzboden. Man hatte ihn ebenso gut, ivie alle anderen Burschen und Mädchen des Dorfes eiugeladen, aber er war der Einladung nicht gefolgt; er konnte sich nicht freuen mit dew Fröhlichen. Es kam die Stunde des Trauungsactes. Die Musikanten stellten sich vor dem Brauthause auf und spielten einen Marsch die Kranzeljungsrauen und Brautführer umgaben Bräutigam,, und Braut und der Zug setzte sich in Bewegung nach der Kirche. Dort harrte der Priester bereits der Kommenden und kurz daraus waren Josef und Marie vor dem Altäre des Herrn für ewige: Zeiten einander getraut. Der Zug kehrte von der Kirche wieder, ins Brauthaus zurück. (Fortsetzung folgt.).