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Die Wahrheit · 1900-03-26 · Heft 11 (26.3.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 11 (26.3.1900)
Date
1900-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 7. Nr. 11. biese populären Darstellungen alljährlich weiteren Kreisen vermittelten. Aber die Krone seiner Lebensarbeit, ein wahres gtunckarä 'work W.'s, ist die von ihm im Jahre 1842 herausgegebene umfangt eiche, epochemachende Schrift: „Die Inven in Oestereich vom Standpunkte der Geschichte, des Rechts und des Staatsvortheils." Die Schrift erschien anonym; dennoch gehörte in der vormärzlichen Zeit ein großer Mnth dazu, in dem Abschnitt, ivelcher nach der Ueberschrift „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte des Rechtes" behandelt, in pragmatischer Uebersicht zeigen, wie viel Unrecht ihnen geschah, Beschränkung und Beschwerung überall. Die physische Existenz der Inden war beschränkt, ihr Sachenrecht, ihre Ortsbürger-, Gewerbs- und Handelsrech e waren beschränkt. Dazu die Beschwerung mit außerordentlichen Lasten über die gewöhnlichen Staatsbürger- Pflichten.Erquicklicher, als die Darstellung der Beschwerungen, mit welchen der Staat den Juden nach pharaonischem Muster das Leben sauer machte, ist das dritte Buch der Wertheimer'schen Schrift, ivelches betitelt ist : „Die Inden in Oesterreich vom Standpunkte des Staatsvortheils." Hier zeigt W., -welchen Zuschuss an Kraft und Betriebsamkeit der Staat durch die Emancipation der Juden gewinnen könne, und wie nichtig die Einwände seien, die man dagegen vorbringe. Er fordert den Staat aus, der Stimme der Geschichte zu lauschen imb vom Anslande zu lernen, indem er-documentarisch nachweist, dass die Inden überall, wo man ihnen nur die Gelegenheit dazu eröffnete, als nützliche Mitglieder der Gesellschaft sich bethätigt haben und bethätigen. Ganz besonders aber weist W. mit warmer Beredtsamkeit die Vaterslandstreue und den Patriotismus der Inden nach, Tugenden, die sie trotz allen Drucks, trotz aller Beschwerden niemals verleugneten. Kurzum, wenn man dieses Capitel in dem Buche W.'s „Die Inden in Oesterreich vom Standpunkte des Staatsvortheils" liest, dann sagt man sich: Hier spricht nicht ein Jude für seine Glaubensgenossen, sondern ein Patriot für die Ehre und den Aufschwung des Vaterlandes. Es ist kein veraltetes Buch, wovon ich hier versucht habe, Ihnen einen kurzen Abriss darznbieten. Selbst aus seinen Jrrthümern kann man lernen, >vie es ja überhaupt die Jrrthümer sind, bei denen die Menschen mit dem meisten Erfolg in die Schule gehen. Anlässlich der Erwähnung der Blutbeschuldigung, oder des angeblichen Ritualmordes, wie man heute sagen würde, wovon die Kunde im Jahre 1840 aus Damaskus kam, sagt W.: „Das Ereignis von Damaskus war wohl der letzte Tropfen derartiger Verleumdung. Und vergessen wir nicht, dass es der größte Staatsmann unserer Zeit, der Stolz Oesterreichs füralle Zeiten war, welcher durch sein loyales und aufgeklärtes Benehmen den mächtigsten Impuls gab, um die Bosheit, welche sener Verleumdung zu Grunde lag. aufzndecken." Wenn W. heute aufstünde, so würde er erkennen, dass das Ereignis vo i Damaskus leider nicht der letzte Tropfen derartiger Verleumdung war. Man credenzt davon jetzt wieder überschäumende Becher und lässt sie im Volke von Hand zu Hand gehen, damit das Volk daraus Lethe trinke und vergesse, dass seine eigene Freiheit und sein eigenes Recht zu Grunde gehen durch die Ausgrabung des Mittelalters, in ivelches man die Freiheit und däs Recht der Juden versenken möchte. Aber das Buch ist auch nicht veraltet in seinen Hoffnungen! W. sagt am Ende des ersten Bandes: „Je schreiender sich aber nun einmal solche Missverhältnisse gestalten, um desto vollständiger können sie Abhilfe erwarten, und je länger sie derselben vergeblich zu harren hatten, um so schleuniger können sie sie gewärtigen: Darum, weil die Grundlage des Staates Gerechtigkeit ist, die der Wahlspruch des Monarchen: reots. tueri, bekräftigt." Wenn W. heute ausstünde, er würde trotz des actuellen, mur mit dem äußeren Anstrich von Gegenwart versehenen Mittelalters dieselbe Hoffnung, dieselbe Zuversicht aussprechen. Denn er war ein Jude, ein Patriot. Beides aber bedeutet: zuversichtlich an der Hoffnung festhalten auf beu Sieg des Rechtes, aus den Sieg der Freiheit. So war er selbst durchdrungen^ von hoffnnllgssrendiger Zuversicht, so steht seine Persönlichkeit vor uns, so soll sie uns;minneren Stärkung und Ermuthignng gegenwärtig bleiben. Dankbaren Blickes für den reichen Segen, den er uns hinterlaffen, schlagen wir die Angen zu seinem Bilde auf, und ich wiederhole hier, was ich von ihm 1879 bei Gelegenheit seiner goldenen Hochzeit sagte: Aus ihn ist anwendbar, was "ans dem Starldbild des Gründers der vereinigten Staaten von Amerika verzeichnet ist: „Die Vorsehung lies; ihn kinderlos, aber die ganze Nation darf ihn Vater nennen." Hieraus las Schriftsteller Heinrich Glücksmann ein in großen Zügen entworfenes Lebensbild Josef Wertheimer's vor, aber leider folgte das schon etwas abgespannte Publikum diesen zum Theil hochinteressanten Ausführungen nur mit getheilter Aufmerksamkeit. Mit Absingung einer zweiten Cantate endete die Feier. Entschuldigungsrespective Begrüßungsschreiben sind ein-! gelangt von Geheimrath Professor Dr. Lazarus. Rabbiner Dr.! Tänzer, Reichsrathsabgeordneten Carl Wrabetz, Prof. S. Hammerschlag, Commercialrath Ignaz Zucker, Frau Cücilie Adler und Frau Rosa Sch ff. Geheimrath Prof. Dr. Lazarus telegraphirte: „Gort mit Euch! Festoersammelte zu erhebendem Gedenken' Josef v. Wertheimer, energievoll, hochgebildet, edelstrebend, hat Endliches n it Ewigem, Wirklichkeit mit Ideen gesegnet. Im Präsidium der Synode College, ward er mir Freund fürs ganze Leven. Heil der Gemeinde, die solcher Führer Ruhm feiern kann. Innig teilnehmenden Geistes bei Euch Lazarus." Zur jüdischen Culturfrage. Von '2t. Mirsky. (Fortsetzung.) Das Judenlhnm ist seinem Wese» nach ungemein aufuahmsfähig, fein natinnirler ist goo».»»»*., w Anfgenommene ins Specisisch-jndische zu verarbeiten und in feiner neuen Gestalt dem Volksschatze zuzuführen. Eine zersetzende Wirkung ans das Judenlhnm konnte die Rassenm schung nicht zur Folge haben, wie dies so viele unserer inneren und äußeren Feinde mit schlecht verhohlener Schadenfreude behaupten. Die in uns in den vergangenen Zeiten aufgenommeuen fremdelt Elemente find längst in unserer Milte spurlos verschwunden. In den letzten Jahrhunderten hat das Eindringen fremder Elemente ins Jndenthnm fast ganz aufgehört. Das haben wir dem Antisemitismus zll verdanken, der uns, zwar mit ganz unlauterer Absicht, eng aneinandergerückt und eine ziemlich massive Scheideivaud zwischen uns und den anderen Natioiten aufgerichlet hat. Und gerade in den letzten Jahrhunderten hat bei allen anderen civilisirten Völkern, dank dem immer reger werdenden internationalen Verkehre und der Interessengemeinschaft, die Mischung mit besonderer Stärke zugenommen. Trotz dieser immer zunehmenden Verschmelzung der verschiedenen Elemente aber wächst bei allen Völkern das Nationalgefühl in gleichem Verhältnisse, — ein Beweis mehr, dass die Mischung der Elemente keinen Einfluss haben kann auf die nationale Sonderstellung der einzelnen Völker. Diese sonderbare Erscheinung der Verschärfung der nationalen Gegensätze hat übrigens ihren Ursprung in der allzugroßen Neigung unserer Zeit, alles zu systematisireu und den alltäglichen Erscheinungen ein gelehrtes Mäntelchen umzuhängen. Das nationale Gefühl hat seinen angestammten Sitz im Herzen verlassen und ist ins Gebier der Gedanken übersiedelt. Heutzutage liebt man nicht mehr mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe; man hängt an seinem Vaterlande mit allen Fasern — seines Gehirns. Da aber Gedanken nicht imstande sind, dem denkenden Individuum diejenige Wonne zu gewähren, welche die Gefühle mit sich bringen, so sucht der arme Mensch seine Entschädigung im Gerechtseinwollen, in nationalem Uebermuthe, in verschiedenen angeblich ihm gebührenden Vorrechten u. dgl. Daher die höchst beschämenden und für unsere aufgeklärte Zeit

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