Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 11 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. SJ iv. 11. Die Wahrheit. wessen Werk sind sie? Jude» haben sie verübt." „Unglaublich ist die Geschwindigkeit, mit der sie die wohlverwahrtesten Zimmer und Gemächer auÄeeren, unglaublich passend der Apparat ihrer Diebsinstrumentc und die Vorsichtigkeit bei Anstellung ihrer Gehilfen und Späher. Nur wenige Minuten und herculische Arbeiten sind vollbracht. Was in ihre Hände kommt, ist für immer dahin." Und weiter: „Da der Betrug au einem Christen verübt nichts Schändliches, sondern vielmehr etwas Verdienstliches hat, so ist Lob und Beifall, wenn er (der Juüe) irgend ein Wagstück glücklich durchgesührt hat, sein Lohn." Das Resultat der Untersuchung ist: Die jüdische Erziehung kann wohl einen schlauen und listigen Menschen bilden, aber keinen guten. Und nun betrachten Sie mit mir die Laufbahn Wertheimer's! Der junge Mann — woraus ist sein Bildungsbestreben gerichtet? Etwa aus Erlangung der Geschicklichkeit, die wohlverwahrtesten Zimmer und Gemächer mit Geschwindigkeir auszuleeren, Betrug an Christen zu verüben, um dafür mit Lob und Beifall bei seinen Glaubensgenossen entlohnt zu werden? Der junge Wertheimer ist die lebendigste Widerlegung dieser und ähnlicher Schilderungen, welche der erwähnte, ein Jahr vor seiner Geburt erschienene, Aussatz von der Erziehung und Denkungsart der Inden darbietet. Er war von seinen Eltern für den Handelsstand bestimmt worden, da dem Juden damals kaum ein anderer Berus offenstand, und er ist diesem Berns bis an sein Ende treu geblieben, freilich invita Minerva oder richtiger invito Mercurio, denn er ist als armer Mann gestorben. Aber schon in den jungen Jahren erfüllten erziehliche Interessen so sehr sein Herz, dass er sogar einen pädagogischen Curs hörte, nach dessen Beendigung er die Prüfung glänzend bestand. Er machte alsdann Reisen und kam auch nach England, der hohen Schule des Handelsstandes, aber es war nicht diese Scbule, die seine Aufmerksamkeit fesselte, sondern die daselbst seit 1824 errichteten neuartigen Kleinkinderschulen nahmen sein ganzes Interesse in Anspruch. Nach seiner Rückkehr in die Heimat entwickelte er durch Wort und Schrift eine eifrige Propaganda für die Gründung derartiger Schulen in Oesterreich, stieß rrver hier aus großen Widerstand. Namentlich die Geistlichkeit widerrieth der Ausführung dieses Projectes. Dagegen setzte sich die ungarische Gräfin Therese Brnnswick-Korompa mit Werlheimer in Verbindung und errichtete nach dessen Rathschlägen am 1. Jänner 1828 eine Kinderdewahranstalt in Ofen, die alsbald;u reicher Blüthe gedieh. Nun folgte auch Wien nach. Im Jahre 1830 ward durch beu Pfarrer Johann Liudner eine Kinderbewahranstalt am Rennweg, sodann wurden solche aus der Wieden und in Margarethen errichtet. Das Aufblühen dieser Anstalten hatte die Gründung eines Centralvereines unter Patronanz der Kaiserin Karolina Angusta zur Folge, welchem W. als ständiges Mitglied beigezogeu ivnrde. Bei den geschilderten Bestrebungen richtete Wertheimer sein Augenmerk nicht aus den engeren Kreis seitrer Glaubensgenossen, sondern aus die Gesammtheit der Staatsbürger. Seine Richtung aus das Allgemeine bezeugte er auch durch die Mitwirkung an der Gründung des Wiener Hilssvereins, sowie des Schntzvereiues für entlassene Sträflinge und für verwahrloste Kinder. Erst im Jahre 1843 gründete W. die israelitische Kiuderbewahranstalt, die in ihrer unverwelklichen Blüthe nicht blos ein bleibendes Denkmal W.'s, sondern neben den zahlreichen Schwesteranstalten ein Denkmal der durch ihn bewirkten Verpflanzung neuartiger, heilsamer Erziehundsgrundsätze aus dem Auslande in den heimatlichen Boden Oesterreich's bildet. Die weiteren Schöpfungen Wertheimer's gingell nicht in dem Grade alle Staatsbürger an, wie die Kinderbewahranstalren. Sie beschränken sich vielmehr auf unsere Glaubensgemeinde. Gleichwohl entbehren auch sie nicht des Zusammenhanges mit der Gesammtheit. In das Jahr 1840 fällt die Gründung des „Vereines zur Beförderung der Handwerker unter den inländischen Israeliten," jenes trotz seines Alters in so jugendlicher Blüthe stehenden Vereines, dessen sechzigjährigeu Bestand wir erst kürzlich gefeiert haben. Wenn ich sagte, dass auch diese Institution des Zusammenhanges mit der Gesammtheit nicht entbehrte, so habe ich doch wohl zu wenig gesagt. Sie war nur insoserne für Israeliten berechllet, als es sich um Ausbildung israelitischer Handwerker handelte, -aber - zugleich wendete sich W. mit dieser Schöpfung an die Gesammtheit, oder vielmehr gegen das Vorurtheil, welches damals noch die Gesammtheit beherrschte, dass die Juden arbeitsscheu seien. Eine andere ruhmreiche Schöpfung W.'s, die jeder polemischen Absicht entbehrte, womit der schon alternde Mann vielmehr aus die allgemein menschlichen, erziehlichen Interessen zurückgriff, die schon den Jüngling begeistert hatten und womit er, dem Kindersegen versagt blieb, bewies, wie sehr sein Her; trotzdem den Kindern gehörte, war der noch heute einer segensreichen Thätigkeit sich erfreuende Waisenverein, dessen Gründung im Jahre 1860 stattsand. Aber noch einmal erwachte in W. die volle Thatkraft und Streitbarkeit der Jugend, der Eifer für das gekränkte Recht und die mit Füßen getretene Freiheit und Humanität, als aus Rumänien der erschütternde Nothschrei der Inden an sein Ohr drang. Gewiss haben noch Viele wie ich die erhebende Erscheinung vor Augen, wie der hagere, blasse Mann, der die Schwelle des Greisenalters längst überschritten hatte, umgeben von ausgezeichneten Männern, wie Ignatz K u r a n d a und Moritz von Goldschmidt warme, bewegliche Worte an jene Versammlung richtete, die auf seinen Appell im 1874 die Gründung der „Israelitischen Allianz" beschloss, deren Vorstand seitdem aus den würdigsten Männern unserer Gemeinde sich recrutirt. Er selbst hat ihr bis an sein Lebensende vorgestanden und ihr noch als Siebennndachtzigjähriger seine letzten versiegenden Kräfte gewidmet. Alle die Vereine, die ich namhaft gemacht habe, die der Initiative W.'s ihr Dasein verdanken, deren Vorstände, wie die Tausende, welche die von jenen Vereinen geübten Wohlthaten an sich erfahren haben, sie alle vereinigen sich heute mit uns in der weihevollen dankbaren Erinnerung, die wir anlässlich der Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages dem unvergesslichen Manne widmen. Hiermit glaube ich in kurzen Zügen die praktische Thätigkeit W.'s geschildert zu haben, wobei ich zuletzt noch hervorheben muss, was nicht das Letzte ist, dass er viele Jahrzehnte hindurch dem Vorstande unserer Gemeinde theils als Mitglied, theils als Präsident angehörte. Alle jene gottesdienstlichen und Wohlfahrtseinrichtungen, wodurch unsere Gemeinde beispielgebend ans andere Gemeinden, weit über die Grenzen unseres Vaterlandes, ja unseres Erdtheils hinaus, eingewirkt hat, sie sind unter der Patronanz, Anregung und Theilnahme W.'s ins Leben getreten. Er war ein Mann des Fortschritts, aber auch der weisen Zurückhaltung, und über alle wünschenswerthen Güter ging ihm das zumal für das Gemeindeleben unentbehrlichste, das leicht verloren gehen nnd schwer wieder gewonnen werden kann — der Friede. Indessen ist mit seiner praktischen Thätigkeit die Bedeutung W.'s bei Weitem nicht erschöpft. Steht er uns hoch durch die Begründung segensreicher Institutionen, so darf man ihm als Schriftsteller noch eine höhere Stufe anweisen. W. entfaltete eine ausgebreitete literarische Thätigkeit, die sich auch auf das schöngeistige Gebiet erstreckte, und sein Salon bildete den Sammelplatz der auserlesensten Geister. Doch ich kann diese Seite seiner literarischen Thätigkeit und die dadurch vermittelten Beziehungen nur streifen. Worauf ich aber näher einzugehen mich für verpflichtet halte, das ist die Schilderung der großen Bedeutung, welche W.'s schriftstellerischer Thätigkeit für die Juden und das Judenthum beizumeffeu ist. W. hat vom Jahre 1854 an durch eine Reihe von Jahren zum Theil allein, zum Theil im Verein mit dem gemüthlichen Kompert ein Jahrbuch für Israeliten herausgegeben. Für dieses Jahrbuch wusste er die hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller zur Lieferung von populär gehaltenen Beiträgen zu bestimmen. Wollen Sie bedenken, dass die wissenschaftliche Behandlung des Judenthums und der jüdischen Geschichte vor sechzig Jahren erst in ihrem Anfangsstadium'sich befand, so werden Sie ermessen, eine wie werthvolle Belehrung .