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Die Wahrheit · 1900-03-26 · Heft 11 (26.3.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 11 (26.3.1900)
Date
1900-03-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11. Die Wahrheit. Seite 5. Verlaus der Feier war, die Theilnahme an derselben viel zu! wünschen übrig ließ. Wohin soll es kommen, wenn der Sinn! und die Begeisterung für alles Hohe und Edle von Tag zu Tag! abnehmen, und zwar nicht nur in den unteren Schichten, sondern auch in jenen Kreisen, denen die Führung des Volkes zugedacht ist. Unter den Erschienenen waren zu bemerken: der Vice-! Präses der Cultnsgemeinde Landesschulrath Dr. Gustav Kohn! mit den Vorstandsmirgliedern Banrath v. Goldschmidt, Dr. Josef! Grünfeld, Emil Horner, Arthur v. Mises, Dr. Benno Rnppa-! Port, Dr. Marcus Spitzer und Dr. Max. Steiner, Secrelär! Dr. Emil Adler, Amtsvorstand Wiener und viele Beamte der! Gemeinde, die Bethausvorsteher Stiaffny und Wasservogel,! Baronin Charlotte Königswarter, Frau Rosa Zifferer, Frau Sofie j Grünfeld, Frau Ottilie Bondy, die Vorstandsmitglieder der von! Joses Ritter v. Wertheimer gegründete Vereine: David Ritter v.! Gntmann, Dr. Arthur Kuranda, Dr. Sigm. Wahrmann, Sigm.! Ritter v. Bauer, Em. Baumgarten, Dr. Felix Katzau und Wilh. Pappenheim, Ober-Jnspector Reiser, Gemeinderath Donat Zifferer, der Präsident des Seminars Moriz Karpeles, der! Präsident des „Jüdischen Museums" Baurath Wilhelm Stiaßuy,! Oberbaurath Hasenbau-Director Taussig, Hofrath Migerka, Regierungsrath M. Knlka, die kais. Räthe Lichtenstadt und Schefitel, Religionsschul-Juspector Pros. Dr. M. Kanitz, die Gcmeinderäthe Dr. Alex. v. Dorn und Carl Tagleicht, Vorsteher Straßberg, die Rabbiner Dr. Bach, Dr. Gelbhaus. Dr. Lazarus, Löwy, Sor, Dr. Taglicht und Dr. Templer, die Obercantoren Bauer und Schorr, Prof. Dr. D. H. Müller, die j Schriftsteller Dr. Bloch, Dr. Löwy und Fritz Singer, der Secretär der „Israel. Allianz" Dr. Friedrich S. Krauß, Bezirksausschuß Walditein, Director Fischer von der Kinderbewahr-Anstalt, die Vorsteher der Armenanstalr Joses Jelinek und A. M. Pollak, Waisen-Jnspector Mauthner, Operateur Dr. Keppich, die Advocaten Dr. Marcell Hossmann und Dr. Hein. Wechsberg, Dr. Hermann Hertzka, Jnspector R. F. Engel, ferner Deputationen vieler humanitärer und Rethausvereiue, zahlreiche Religionslehrer rc. Ansprache des Wicepräsidenten der ßuttusgemeinde Dr. Alfred Stern. „Namens des Vorstandes unserer Gemeinde und insbesondere ihres derzeit fern von Wien weilenden Präsidenten, der in dieser Stunde im Geiste mit allen seinen Sympathien, mit Herz und Seele an unserer Feier theilnimmt, sowie namens unserer gemeinnützigen und Humanitären Vereine, deren Repräsentanten an meiner Seite sind, Kinderbewahranstalt, Waisenverein, Handwerkerverein, israelitische Allianz, begrüße ich Sie, verehrte Anwesende, auf das allerherzlichste. Indem wir vereint den Beschluss fassten, den Tag, an welchem vor 100 Jahren Joseph Wertheimer das Licht der Welt erblickte, zu einem Weihefeste der Erinnerung zu bestimmen, einem Feste, zu welchem wir, wenn es die räumlichen Verhältniße gestatten würden, gerne alle Mitglieder unserer Gemeinde und noch viele wackere christliche Mitbürger, welche Genossen seiner Zeit und seines Wirkens waren, geladen hätten, glaubten wir eine uns obliegende Pflicht der Pietät, der Dankbarkeit gegenüber einem Manne zu erfüllen, auf den die vollste Anwendung findet das Dichterwort: „Nennst du die' besten Namen, wird auch der seine genannt." Was er seinen Glaubensbrüdern, was er der Menschheit war, wird Ihnen von beredtem Munde verkündet und ins Gedächtnis gerufen, wird Ihnen auch in einem Lebensbilds vorgetragen werden. Mir aber, dem es gegönnt war, . jahrelang und bis in seine letzten Lebenstage au seiner Seite zu wirken, mir persönlich wollen Sie — ich bitte Sie darum — ein kurzes Wort der Erinnerung zu Gute halten. Die Stätte unseres gemeinsamen Wirkens war der Verein, der ein Kind seines Alters war, sekunim hu lau, dem seine letzte Liebe galt, die Treue bis in den Tod. Der Verein, dazu geschaffen und bestimmt, um die Kräfte unserer Glaubensbrüderschaft zusammenzufassen, zu dem Zwecke, um den unschuldig Verfolgten, den nur um ihres Glaubens willen Verfolgten, Gequälten, Unterdrückten Trost und Hilfe bietend, zur Seite zu stehen, um aber auch schon im Vorhinein, in Voraussicht bedrohender Nebel, ihnen durch die Schule den Weg zu ihrem Fortkommen offen zu halten. Es war eine traurige Enttäuschung für ihn wie für so Viele unter uns. Unerschütterlich fest lebte in ihm wie vielleicht in uns Allen der Glaube, das Vertrauen, es sei vor der Sonne der Aufklärung, der erwachten Vernunft, der Freiheit das religiöse Voruneil dalin geschwunden. Und schmerzlich musste er und wir mit ihm es erleben, dass jenes Vertrauen ein trügerisches gewesen sei. Wieder erstanden wie in vergessenen Tagen die Verfolgungen um des religiösen Bekenntnisses rvillen. Wieder gab es da und dort massenhafte Austreibungen, Plünderungen und Beraubungen unserer Glaubensbrüder, wenn diese ihre religiöse Ueberzeugung zu verleugnen sich nicht herbeiließen. Wieder tauchte auf das unselige, dem finsteren Mittelalter entstammende oder vielmehr in demselben ans dem Schutte der Vergangenheit ausgegrabene Blutmärchen. Wieder vollzog sich der schmachvolle Kinderraub, die aller Cultur und Sitte hohnsprechende Berleuguuug des heiligen Ellerurechtes, die abscheuliche Seelenfängerei, welche jedes ehrlichen Menschen Herz mit Empörung, mit Abscheu erfüllt. Und da ersteht nun vor mir das Bild des edlen, herrlichen Mannes, der im hohen Alter bis in seine letzten Lebenotage nicht müde war, da Hilfe zu spenden, wo und wie weit solche möglich war, dort öffentlich mit Wort und Schrift, Vernunft und Aufklärung predigend, den Kampf führend gegen Vorurteil und Lüge und nie verzagend an dem Fortschritte der Menschheit!" Nachdem die vereinigten Tempelchöre unter Leitung des Chormeisters Professor Sulzer die Cantate „Gepriesen sei die Stunde" stimmungsvoll vorgetragen hatten, ergriff Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n das Wort zur Iestrede. £jn bev Kinl»it»»ng normtoä bav >Y2»bu»v auf fwm Umschwung, der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in der Geschichte der Juden eintrat, da ihnen die Theilnahme an den Culturaufgabeu der Menschheit wieder eröffnet wurde. Mit dem Beginne des neuen Jahrhunderts tauchten Männer aus dem Schoße des deutschen Judenthums auf, die als Dichter, Philo» sophen, Gelehrte, Politiker in hervorragender Weise sich bethätigten. Auch für die Juden in Oesterreich brach ein neuer Morgen an. Kaiser Josef II. gab durch Verbesserung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden auch den Anstoß zur Verbesserung ihrer internen Zustände. Josef Ritter v. Wertheimer war einer der ersten Männer, die die geistige und sittliche Hebung der österreichischen Juden beförderten. Dann fuhr der Redner fort: „Hochgeehrte Versammlung! Um sie in den Stand zu fetzen, das erste öffentliche Auftreten Wertheimer's, seine erste schöpferische, noch heute, nicht blos für die Juden in Oesterreich, sondern für Oesterreich überhaupt seger.sreich nachwirkende That richtig zu würdigen, mache ich Sie auf eine Abhandlung aufmerksam, die ein Jahr vor Wertheimer's Geburt, 1799, in der angesehenen „Deutschen Monatsschrift" erschienen war, und woraus man ersehen kann, wie damals selbst gebildete Christen über Erziehung und Unterricht, Denkungsart uub Handlungsweise der Juden im Allgemeinen urtheilten. Der von einem Leipziger Schrifsteller C. H. Kötzer verfasste umfangreiche Aufsatz behandelt das Thema: „Wie mag es zugehen, dass die jüdische Nation, deren ganzer erster Unterricht im mechanischen Auswendiglernen besteht, doch den meisten Scharfsinn und Liebe zum tiefen Nachdenken und Forschen vor allen übrigen Völkern der Erde äußert?" Der Verfasser ist durchaus frei von Gehässigkeit, er hebt einige der jüdischen Gelehrten des Mittelalters, sowie seine Zeitgenoffen Mendelssohn, Markus Herz, Lazarus Bendavit rühmend hervor, und ruft mit einer gewissen Emphase aus: „Ja, wem ist es unbekannt, dass aus diesem Volke geschickte und erfahrene Aerzte, bildende Künstler und Mechaniker hervorgegangen sind und noch hervorgehen?" Doch kommen in der Abhandlung Sätze vor wie diese: „Die künstlichst erdachten Bübereien und Diebstähle,

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