Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 11 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 11. Die Mayryett. Diese schwierige Frage, welche auch gleichzeitig eine praktische NLHrfrage ist, muß heute präciser gefasst und concreter behandelt werden. Unsere steuerzahlenden jüdischen Wähler, wie immer und weil sie immer patriotisch gesinnt sind, können sich als eine nationale Individualität organisiren und haben es als jüdische Bürger gar nicht nöthig, sich hinter den anderen Nationalitäten zn verkriechen. Dieses bürgerlich vollbewusste Israel stellte seine eigenen jüdischen Candidaten auf, dort wo es in der Majorität ist, und verhandelt auf der Basis do ut des mit den anderen politischen Parteien. In Galizien können die Juden als Zünglein an der Wage sehr viel für sich und ihre politische Stellung herausschlagen und eine recht ansehnliche Zahl von Abgeordneten in den Reichsrath und in den Landtag senden. Aehnlich ist es in der Bukowina, und schließlich sind sie auch in Böhmen, Mähren und Schlesien nicht ohne Gewicht. Alle jüdischen Abgeordneten Oesterreichs organisiren sich dann in einem „jüdischen Club." Nur auf diese Weise kann unser so hart bedrängtes Volk den Krallen seiner Bedränger sich entwinden und die Regierung sür seine Interessen erwärmen. Einzelne Parlamentarier, mit Maulkörben versehen, mögen sie selbst die tüchtigsten sein, müssen heute spurlos vor einem oder zwei Krakehlern, ohne Maulkorb, verschwinden und ein schmachvolles und unrühmliches parlamentarisches Dasein fristen. Auch die Zeitlage hat sich gründlich und zum Vortheile des parlamentarischen Zusammenschlusses geändert. Ehemals, am Beginn der konstitutionellen Aera, als es noch wahrhaft liberale und ideale Männer unter den Parlamentariern gab, da haben diese für das Gemeinwohl aller Oesterreicher gesorgt, heute aber, wo jede Nation die friedliche Arena des Parlamentes zu turbulenten Kampfplätzen umgewandelt hat, auf denen der eine Volksstamm den Kampf gegen den andern führt, da darf der Jude nicht mehr leichtsinnig den Vogel Strauß spielen und seinen Kopf unter den Flügeln anderer Nationen stecken, sondern er muss sein eigenes politisches Interesse selbst vertreten und jelbst wahren. —.— ^yrmttp TOTro w|?r Vorgang zuvviMrffVerblüffung bei Freund und Feind Hervorrufen und auch im Parlamente bespöttelt werden; sobald aber die Organisirnng eine vollzogene Thatsache ist, werden sich auch die größten Judenfeinde an diese Scheidung gewöhnen und die parlamentarische Vertretung unseres Volkes respectiren. Nur auf diese Weise werden aus den politischen Anhängseln Politiker werden, die sich die Mühe nehmen, politische Fragen, ohne Außerachtlassung des Patriotismus, unter dem jüdischen Gesichtswinkel zu beurtheilen und neue heilbringende Gedanken zu entwickeln. Das Facit dieser jüdischen Politik in Galizien wird das sein, dass alle drei Stämme ihre Candidaten in den Reichsrath zu bringen sich bestreben, und dass die eiserne Faust des Polenclubs mit seiner Alleinherrschaft einer wahrhaft österreichischen, allen Bürgern des Landes gleich wohlwollenden Regierung weichen wird, zum Heile Oesterreichs und zum Wohle aller Volksschichten, einschließlich unseres jüdischen Volkes. Der ungarische Ministerpräsident über die Luden. Zn diesen wirren Zeiten, da Gehässigkeit die Fluthen der Leidenschaften thurmhoch aufpeitscht und das Iudenthum von allen Seiten unfläthigen Angriffen ausgesetzt ist, thut es uns doppelt wohl, wenn der Leiter der Regierung in solch liberaler Weise sich über die Juden äußert, wie dies der ungarische Ministerpräsident jüngst gethan und hiemit den offenen Beweis lieferte, dass der kräftige ungarische Stamm "von der Fäulnis des Antisemitismus noch nicht angefressen ist. Hie und da reckt ein Judenfeind seinen Hals in die Höhe und fühlt ein inneres Behagen, wenn er dem Judenthume hinterrücks einen Schlag versetzen kann, wie neulich der Regierungscommissär Egau es versucht hat. Jedes Zeitalter hat seinen Haman aufzuweisen, doch in weitere Schichten vermochte hier das angeschürte Feuer nicht zu dringen. Die Flammen, die bald da bald dort emporzüugelten, wurden sofort gedämpft, und so verlief auch der jüngste antisemitische Anlauf, ohne irgend welchen Schaden angerichtet zu haben. Nicht genug hoch anzuschlagen ist die liberale Gesinnung des Ministerpräsidenten, die geeignet ist, uns für so manche Unbill zu entschädigen. Allerlei Gerüchte liefen in diesen Tagen um, als sähe der Ministerpräsident Szell die wieder ausgebrochene Reaction gegen die Juden nicht mit scheelen Augen an, da er kein Wort zur Vertheidigung der Juden im Abgeordnetenhause ergriffen hat. Man sagte, er billige nicht das Emporstreben der Judenschaft in allen Zweigen der Litteratur, des Handels und der gemeinnützigen Institutionen und halte es für gerathen, durch Stillschweigen die reactionären Strömungen, wenn auch nicht zu bestärken, doch wenigstens im Geheimen zu fördern. Der Ministerpräsident, dem derartige Insinuationen zu Ohren kamen, zögerte keinen Augenblick, seine Anschauungen betreffs der Inden und ihrer Handlungen offen darzulegen. Einem jüdischen Abgeordneten, so curstrt das Gerücht, soll er die offene Erklärung abgegeben haben, dass er es unter seiner Würde halte, sich über seine dem Judenthume gegenüber beobachtete Gesinnung besonders zu äußern. Wer sein Leben und sein officielles Wirken kennt, der weiß, dass er nur im Geiste des großen D e a k seines Amtes walte. Ungarn müsse eine geschlossene Kette bilden, in der jeder Ring das Seinige beiträgt zur Festigkeit des Staates, und einen solchen Ring liefert auch das ungarische Jnoenthum, das stets in Freud und Leid mit dem Vaterlande gehalten hat. Die stürmischen Zeiten sind vorüber, jetzt heißt es, Schulter an Schulter arbeiten, um mit Riesenschritten das Versäumte nachzuholen. Wenn der Jude im Handel und Gewerbe hervorragt, so handelt er nur im Interesse des Vaterlandes, dem die Quellen des Nutzens zufallen; sein Fleiß und seine Strebsamkeit kann nicht genug geschätzt werden, und diejenigen, die dem Juden mißgünstig sind, erweisen dem Vaterlande einen schlechten Dielist. Höchst befriedigt über diese liberale Aeußerung, erlaubte sich der Deputirte die schüchterne Bemerkung, warum denn der Ministerpräsident nicht im Abgeordnetenhause eine ähnliche Aeußernng gethan habe, die wohlthucnd aus die 'Aufwiegler gewirkt, hätte? Daraufhin gab der Ministerpräsident zur Antwort, dass eine offene Erklärung gerade das Gegentheil bewirkt hätte. Derartige Enunciationen sind geeignet, den versteckten Hass zu entfachen und eine Debatte hervorzurufen, die zn vermeiden, den Inden nicht unerwünscht sein kann; doch keinesfalls wolle er ans seiner Gesinnung ein Hehl machen und er ermächtigte den Abgordneten, in competenten Kreisen von derselben Gebrauch zu machen. Man wird begreiflich finden, dass die ungarischen Juden durch eine solche Aeußerung sich gehoben fühlen und dass wir stolz sind, an der Spitze der Regierung einen Mann zu sehen, der unseren Fleiß und unser Wirken mit gerechten Worten zu würdigen weiß. Duna-Földvar (Ungarn). Rabbiner Dr. Sam. P a r t o s. Centennarfeier für Josef Ritter v. Werlheimer. Die glänzenden Zeiten, da Josef Ritter v. Wertheimer im Vereine mit edel- und gleichgesinnten Mäitner im Schoße der Wiener Culttlsgemeinde unvergängliche Werke schuf, bilven ein Ruhmesblatt nicht nur in den Annalen dieses Gemeinwesens, sondern auch in der Geschichte des gesammten Judenthumes. In abstechendem Contraste hiezu bieten sich die heutigen Verhältnisse dar, da Führer und Volk, allem Idealen abhold, im Banne der Phrase und der Schlagwörter de:, Tages liegen, aus denen keine einzige fruchtbringende That sich emporringt. Darum legren wir der von der Wiener Cultusgemeinde am 18. d. im kleinen Musikvereiussaale veranstalteten Centennarfeier für Josef Wertheimer auch eine große erziehliche Bedeutung bei, indem der Hinweis auf sein segensreiches Wirken der jetzigen Generation ein leuchtendes Beispiel vorführen sollte, wie hohes ideales Streben, vereint mit praktischem Blicke das Wohl der Gesammtheit zu fördern vermag, und doppelt bedauerlich erscheint uns die Thatsache, dass, so würdig auch de