Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 11 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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leMayvysit Redaction u. AdministraNon: Wien, II/l, Novaragafse 27. Ä k österr. Postsparcassa Eheck-Conto Nr. 846.251. I n serat,: 26 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbetrüge sind in Wien zahlbar. ^abhängige Keitschrift für Wsche Erscheint jeden achten Tag. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit >" Lezugsprei»: Ganzjährig Halbjährig . Ä. 12.— Für Loltusbeamte: Ganzjährig .... St. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 2 Mark 6 Rubel oder 16 ^rcs. Nr. 11. Wien, 86. Mär; I960 Inhalt r Die Wahl des Ministers Dr. Pientak in den galizischen Landtag und ihre Lehre. — Der ungarische Ministerpräsident über die Juden. — Centennarfeier für Josef Ritter v. Wertheimer. - Zur jüdischen Culturfrage. — Feuilleton: Heimweb. — Gemeinde- und Vereins - bote. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. — Notizen. Wir ersuchen um Einsendung der rückständigen Abonnementsbeträge. _Ire Administration. Die Wahl des Ministers Dr. Pientak in den galizischen Landtag und ihre Lehre. Die Würfel sind gefallen und nach hartem Wahlkampfe ist der Landsmannminister für Galizien Dr. Pientak in die Lemberger Landstnbe eingezogen. Diese Wahl hat die jüdische Gemeinde Lembergs in große Aufregung versetzt und Viele zu ernstem Nachdenken veranlasst. Unsere Gemeindemitglieder sehen nun ein, dass sie einer Cliqnewirthschast ansgeliesert sind, welche im neuen jüdischen Gemeindehause beginnt, in dem jüdischen Casino sich fortsetzt und im Polenclub sein äußerstes Ende erreicht. Israel in Galizien trägt den Maulkorb, welchen der Polenclub dem Führer der Polen mosaischer Consession angelegt hat, und die 800,000 Juden erscheinen nichts anders als politische Automaten, welche vom Polenclub gleich Marionetten gelenkt werden. Hat der Polenclnb sie zu seiner Oberherrlichkeit nöthig, dann zieht er die Schnürchen an, und nach gethaner politischer Arbeit werden sie bei Seite geworfen. Leider hat die eiserne Hand der Polen und die rückgratlose Haltung der Judensührer dieser großen Zahl jüdischer Staatsbürger auch den letzten Rest der Widerstandsfähigkeit geraubt. Die bösen Folgen der alles überwuchernden Schlachzizen- Hegemouie werden ebensowenig für den Gesammtstaat im allgemeinen, wie für die Juden Galiziens insbesondere ansbleiben, und es bedarf keines besonderen Nachweises, welche Gefahren den Juden in Galizien beim weiteren Ausbau eines galizischen Polenreiches, unter scheinbar österreichischer Hegemonie drohen. Man beginnt das Verhängnis wohl zu ahnen, aber die Nutznießer dieser Situation, unsere Paradejuden, befinden sich in dieser verhängnisreichen Epoche verhältnismäßig wohl und machen keine Miene, offen und ehrlich vor Israel hinzutreten und das politische Mißgeschick zu bekennen, was ja gar nicht so schimpflich wäre. Der Ehrgeiz und die Gewohnheit, vor der polnischen. Majestät in sklavischer Abhängigkeit zu verharren, verurtheilt sie zum Mamelukenthum, um fürderhin Ja und Amen zu Allem zu sagen, was aus dem mit dem Vierzack gekrönten Schädel entspringt. - Ans dieser Todtenstarre wurden unsere Mandatsinhaber durch die Wahl in den Landtag aufgerüttelt. Zwei Candidaten bewarben sich um das Mandat. Auf der einen Seite ein Mann, : der wohl ein Ultraclericaler und Antisemit sein soll, aber im Rathe der Krone sitzt und überdies tausende von Beamtenftimmen zur Verfügung hat; ans der anderen Seite ein soüa- ' listischer Pole, welcher Die Jnoen eoeino gerne sieyr, wie alle anderen Polen, nur dass er mit dem Salböl des neuen Mensch-; heitspriesterlhums gesalbt ist. Da wurde die ganze Kläglichkeit der Situation offenkundig. Jede Partei nahm die i Stimmjnden für sich in Anspruch. Dr. Byck mußte dem Minister und dem Polenclnb zu Hilfe eilen und bot den Rabbiner! und Prediger ans, für Dr. Pientak zu agiliren. Und so wählte unsere jüdische Wählerschaft znm Theile aus Commando der; Antisemiten und Clericalen, während ein anderer Theil die Sozialisten unterstützte, obwohl es viele unter ihnen gibt, > welche dem Sozialismus sernstehen. Die letztere Kategorie der jüdischen Wähler, und unter ihnen viele ansstiebende Advocaten ' und andere intelligente Wählerkreise, hatten nichts Eiligeres zu thun, als die Candidatur Daczynski's ans ihre Fahne zu schreiben i und Front zu machen gegen die Byck'sche Führung. Es versteht sich von selbst, dass der Landsmannminister i und Regierungscandidat den Sieg davon trug. Ueberdies hatte! Dr. Pientak erklärt, er sei wohl ein gläubiger Katholik, aber i weder Clericaler noch Antisemit. In wie weit dies auf Wahr- | heit beruht oder vielmehr ad captandam benevolentiam ausge- | sprochen wurde, dürfte sich zisfermäßig nicht seststellen lassen, j Die eine Thatsache, dass die Clericalen und Antisemiten seine j Candidatur begrüßten und lebhaft unterstützten, gibt im dent-! fähigen jüdischen Lager viel zu denken. Freilich kann selbst der i raffinierteste Politiker heutzutage kein Urtheil fällen, in welchem; Lager Oesterreich ist. Liegt es im goldenen Prag, oder in der! zukünftigen Hauptstadt Neupoloniens, in Lemberg? Die sinnj bethörenden Falschspiele der Parlamentarier wie der außerj parlamentarischen Führer lassen den an österreichischen Patrioi tismus gewohnten Juden Muße und Möglichkeit, dem Ge-! sammtstaatsgedanken nachzugehen. Aber wie immer dieselben sich ihr Bürgerthum zurechtlegen, können sie Niemandem recht thun. Wie also kann der Jude in Galizien und überhaupt in Oesterreich in dem Bölkergewühle sein Bürgerthum zur Geltung i bringen?