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Die Wahrheit · 1900-03-18 · Heft 10 (18.3.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 10 (18.3.1900)
Date
1900-03-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-Ungar. Gantoren-Aeitung. Mr. 10. Beilage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 20. Iichrg. Die Entwickelung des jüdischen Cantorates von der Mitte des achtzehnten bis znm Srginn des;waiyigsten Lahrhnnderts. Von Obercantor I. Singer in Wien. IV. All die geschilderten shnagogal-gesanglichen Ruhmesthateu S u l z e r s galten ausschließlich dem sogenannten Obercantor; dienste sür Sabbath-, Fest- und Feiertage. Die Amtsansübung des zweiten CantorS beim Wochen dienfte 'und sür mindere Gelegenheiten lag — nach wie vor, brach. Der Vorgänger Sulzers, Nab bi Koppel M a r k b r e i t e r, der diese Agenden versah, tvar ein aller, ehrwürdiger Baal tefillah, der keinerlei Ambition zur Bessergestaltung seiner Vorträge besaß, und erst mit dem Amtsantritte Moriz Deut s ch als zweiter Cantor der Wiener Synagoge (1842—43) machte sich eine bessere Aussassnug dieser Angelegenheit geltend. Moriz Deutsch, von dem später anssührlicher He Rede sein soll, zog jedoch schon nach Jahressrist von dannen, um die Obercantorstelle in Breslau 1844 anzulreten, ulid an dessen Steile trat der tressliche Teschener Obercantor Adolf Fischer. Der würdige Fischer, dessen Andenken noch heute in der Wiener Cnltusgemeinde lebeirdig erhalteir ist, muss entschieden als Renegator desjenigen Theiles des Vorbeterdieustes, der dem zweiten Cantor anheimgestellt ist, erachtet werden. Hunderte von Cantoren lauschten dem seingegliederten Vortrage Fischers, seiner 'dealen Verschmelzung von Wort und Ton, von Tradition und Moderne, sowohl beim Gebete als beim Thoravorlesen. Im Thoravorlesen erscheint Fischer geradezu als Leitstern lür alle Zeiten; seine grammatikalssche Betonung des Wortes bei sorgfältiger Berücksichtigung des Gedankens, iein Hervorheben bedeutungsvoller Stellen der Schrift und die gesangliche Ausgestaltung derselben ans dem Borne seines eigenen Könnens; seine Verschntelznng des Althergebrachten mit dem zeitgemäßen Geschmacke sind bis heute unerreicht geblieben und sichern ihm als Meister dieses Vorbeterzweiges die Anerkennung aller Zeiten. Ohne eine conce'sionirte Vorbeterschule zu besitzen, verdankten Hunderte von Kantoren seincm ausgezeichneten rrnd unentgeltlichen Unterrichte ihre treffliche Ausbildung; er tvar ein biederer Mensch, ein zuverlässiger Freund, ein ehrwürdiger, pflichtbewusster Caittor, und wie er durch Decennien an der Seite seiner beiden Obercantorett mit Treue und Hingebung gewirkt, so bildet er auch nach dieser Richtung ein glänzendes Beispiel dafür, wie ein zweiter Cantor sein Verhältnis zum Obercantor auszufassen und tverkthätig zu erfüllen habe. Als eine überaus glänzende Erscheinung aus synagogalgesanglichem Gebiete der nachsulzer'scheu Periode, muss der im Jahre 1840 ins Amt getretene Chormeister der Berliner Cul lusgemeinde Louis Lewandowski bezeichitet werden. Trotz seiner nach jeder Richtung ganz umfassenden Vorbildung zeigte sich der junge Chormeister Lewandowski durchaus nicht als Umstürzler und Stürmer, huldigte vielmehr dem Kunstprincipe, nach welchem das zu bearbeitende Object, welcher Art immer es sein möge, immerhin bei tüchtig sachlicher Behandlung und e r n st e in S t r e b e n de r V cd l e nd u u g e n t g e g e n g e s ü h r t werden kan n. — So beschränkte er sich zuvörderst lediglich auf die geltaueste Einübttitg und möglichst vollendete Wiedergabe der im 8elrir Zion I. vorstndlicheu Meisterarbeiten Schuberts, Seifrieds und Würfels rc., um alsbald seine eigenen Bahnen zu wandeln. Im Jahre 1871 veröffentlichte Lewandowski sein Gesangswerk Kol rinnoh ait’filloh, zumeist ein- und zweistimmige Gesänge für den jüdischen Gottesdienst kleiner Gemeinden und Reciiative für seit Cantor. Dieser erste, gleichsam tastende Versuch des Zurückgreifens zum Traditionsgesange muss als eine ganz artßerorde»ttliche Thal Lewandowski's bezeichnet werden. Durch den allgemeinen Erfolg dieses Werkes ermulhigr, veröffentlichte Lewandowski im Fahre 187ü, also nach kaum 41/* Fahren, einen stattlichen Band vierstimmiger Sabbathgeiänge Todoh wesimroh. In diese Periode fallen noch die Bearbeitungen sämmtlicher synagogaler Jahresgesünge für die Gemeinden Nürnberg und Stettin, wie noch eine stattliche Anzahl ganz ausgezeichneter liturgischer Psalmen mit deutschem T rte, soivie einzelne verösfentlichre Chorgesänge und specistsch-synagogale Orgel-Vor-, Zivischen- und Nachspiele. Lewandowski muss überhaupt als derjenige anerkannt iverden, der es verstand, bei der urengsten Wahrung des correcien Styles der Orgel ein einigermaßen characteristifch synagogales Gepräge zu verleihen und derselben eine musikalische Berechtigung beim jüdischen Gottesdienste zu ermöglichen Den Bestrebungen des berühmten Chormeisters Lewandowski müsset! die Knnstleistungen des überaus sympathischen Arader Chormeisters Adolf Grün zweig, geb. 1829 zu >L>zered in Ungarn, zur Seile gestellt iverden. Auch Meister Grnnzweigs mtiimeln' weit ansgebreilele Synagogengesangs' zweige sind einem Stamme entsprossen, der lief in dem Boden uralten Synagogengesanges wurzelt. Der berühmte Chase» -Sch'maje Leipnik war der Gärtner, der dieses einst so zarte Bäumchen gepflanzt, lind obgleich diese Atmosphäre wie die Kunslschöpfuttgen des 8dm- Zioa l. befruchtend auf die Phantasie Grünzweigs einwirkten, so manifestirr sich schon in der» im Fahre schel öchaboos' eine gan: elitschiedetl originale RtUslung. In einem für den Jugendgorresdienst bestimmten Hest'chen mit zumeist ungarischem Texte Templomi enekek, so ivie in eitlem später (1886) erschielienen Werke „Casualiett Trauungs- und Trauergesänge'- enthaltend, bekundet Grünzweig eine entschieden fortschrittliche, in dem erstgenannten Heftchen zlt unserem Erstaunen, sogar eilte kirchliche, d. h. choralfreundliche Tendenz. Die etwas später erschienenen Freitag-Abendgesänge, soivie die gelegentlich der ungarischell Millenninmsfeier herausgegebeueu ^Kstt Zsoltan^ (Zwei Psalmen), sind treffliche und bei entsprechenden Gelegenheiten sehr verwendbare Comvositionen mit obligater Orgel - begleitung. Das letzte, im Fahre 1893 von Grünzweig veröffentlichte, 40 Nummer für verschiedene Feste des Synagogenjahres enthaltende Werk „ Mate Ahai-oir‘ steht, trotz der Verivendnng sogenannter überlieferter Melodien jNiAnnim). die jedoch durch willkürlich ausgeweileren Rhythmus und moderne Harmonisirllng nur fragmentarisch durchblitzen, gleichfalls zu llnserem Staunen vollkommen auf modernem Boden. Die Frage, ob diese sowohl bei Lewandowskrs, als bei Grünzweigs Orgelsatze ausfällige musikalische Zwangsehe opportun sei, muss wohl späteren Geschlechtern überlassen bleiben. Uns kann es nicht einleuchteu, lvie einer sogenannten alteil Synagogenmelodie eine vollständig moderne Harmonisirung aufgedrängt werden kann. Der am Eingänge dieses Aufsatzes nur flüchtig erwähnte Obercantor der Breslauer Gemeinde Moriz Derttsch (geb. in Nikols bürg 1818), muss als eine wahrhafte Lichtgestalt auf fynagogal-gesanglichem Gebiete bezeichnet werden. Die Winzigkeit seiner äußeren Persönlichkeit abgerechnet, war er ein großer bedeutender Mann; was er lernte, das lernte er ganz, was er unternahm, das vollführte erschöpfend, was er leistete, das suchte er der möglichsten Vollendung entgegenzuführen. Dem aus dem Ghetto hervorgegangeuen Talmudjüuger ist es eine wahrhafte Spielerei, schon nach kurzer, aber hingebungsvoller gesanglichmusikalischer, wie allgemein wissenschaftlicher Studienzeit, am

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