Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 10 (18.3.1900)
- Date
- 1900-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H X-ZL Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 10. solche ö sl e r r e i ch i j ch e r E a v a; i t ä t c n wie Noll, Exner, > Fleifchl-Maxow vollauf genügen ii)ei'ben‘? 1 Was die Schachtgegner wölken, ist Kurz gesagt: reki-! giöse Bevormundung und Bedrückung einer staatlich an-! erkannten Religion, Krstrevung einer Angefetztichkeit auf! gefetztichem Wege, nicht aus Aieve zum Miere, 'sondern ans Kafs gegen die Anden, oder, um den vekannte«, dm Zlagek auf den Kopf treffmden Met der Ohrmannschen Broschüre zu variiren: Kein UHierschutz, sondern Menschentrutz! * Wir sind mit unserer Beweisführung zu Ende. Sie wird denen genügen, die sich überzeugen lassen wollen, für die Anderen ist jedes Wort, jeder Federstrich vergeblich.- Mancher wird uns vielleicht den Vorwurf machen, dass wir aus den vorliegenden fast 500 gutachtlichen Aenßernngen, die in der Schächlsrage ergangen und durchgehends f ü r das „Schächten" eintreren, nur 4 oder 5 herangezogen haben. Wir hatten dafür zwei Hauptgründe: Zunächst weil es absolut gleichgiltig erscheint, auf welche Autorität wir uns stützten. Dann aber gebot der zur Verfügung steheilde Raum, dass wir uns möglichst kltrz fassen und vor Allem beweiskräftige Gegenargumente ins Tressen führten. Und das glauben wir gethait zu haben. Wir eilen zum Schluss. Werur der Richter einem räthselhaften Fall gegenübersteht, so fragt er: Was i st der B e w e g g r u n d? Auch wir stellen ditse Frage. Und da lauter — um ein bekanntes jüdisches Wort zu gebrauchen — unsere Antwort: „Nicht die Liebe zum Vieh, sondern der Hass gegen uns Juden." Man braucht ja nur die ersten Worte der Broschüre des-Herrn Pr eher zu lesen: „Mit Zuschrift vom ... hat der Wiener Magistrat . . Ja, der Wiener M a g i st r a t? Aus dem Schoße einer Behörde, die den Judenhass zum Dogma erhöbe n, -•»*' —'«»er Ä'rot", cheH d e ß' L 'i e d' i ch ' sl n g e.^ Aber auch dieser Schlag wird ein „Schlag ins Wasser" sein. Auch in Wien gibt es Richter, und vor Allem gibt es in Wien eine n Wl a n n, zu dem die Juden O e st e r r e i ch s in Liebe und Vertrauen a n s b l i ck e n d ü r s e n! Wenige Monate erst sind es, dass das kaiserliche Wort von der „Ro h he i t" in den Ohren derer gellte, für die es gemünzt war. Dort das W i e n e r R a t h h a u s — hier des Kaisers B u r g. Darüber das uralte j ü dische Wahrwort vorder Gerechtigkeit, auf der nur allein Herrschaft sich stützen kann; jene Gerechtigkeit, ohne die keine Herrschaft — ob staatliche oder communale — von Bestand ist; jene Gerechtigkeit, die wenn auch oft schwer, aber fchl ießlich d o ch d e u Sieg davon getragen über Unduldsamkeit, H a s s u n d V e r b l e n d u n g : „Justitia f und am eil tum regiiorum.“ Nahet*). Wer am Ende des 18. oder am Anfänge des 19. Jahrhunderts in der Jägerstraße zu Berlin von den Fenstern der heutigen Seehandlung, jenes berühmten, von Friedrich II. gegründeten Haitdels- und Bankinstitutes ans den Verkehr in dem schräg gegenüberliegenden Hause beobachtete, mochte sich wohl de» Täuschung hingeben, das Heim eines der höchstgeborenen Glieder der Berliner Gesellschaft vor sich zu haben.' Equipagen rollten vor nm männlichen wie weiblichen Angehörigen der aristokratischen und diplomatischen Kreise; in den Zimmern der Familienwohnung des Hausherrn fanden sich des Abends immer wechselnde Gruppen aus der Welt des geistigen Adels ein; *) Rahe! Varnhagen, ein Lebens- und Zeitbild von Otto Berdrow Stuttgart. Greiner und Pfeifer 1900. 460 Seiten. unzählige Berühmtheiten, die man heute nicht mehr nennt, wie solche, deren Namen die Zeit nicht verwischen konnte, ein Humboldt, Prinz Louis Ferdinand, der spätere Held von Salfeld, Schlegel, Gentz, Varnhagen, Tieck, Fouquö und Andere sind dort ein- und ausgegangen; ausgezeichnete Freunde aus allen Ländern haben sich fort und fort daselbst Stelldichein gegeben. Kein zweites! Haus in Berlin war so lange und so ausgesprochen ein Mittel-! punkt vornehmer Geister und Menschen, wie dieses. Und wie! oft stiegen die enger Befreundeten ans diesen weitgezogenen! Kreisen in die Dachzimmer hinauf, wo in einer dieser „Man-! sarden" in aller bürgerlichen Einfachheit diejenige wohnte, welche j einzig und allein die Anziehungskraft des so viel bespiochenen j Hauses bewahrte, die Tochter Frln. Rahel Levin Markus, immer! nur einfach Rahel genannt u»d als solche von den Hervor-! ragendsten unter ihren Zeitgenossen gekannt und verehrt. Die Ursache einer so großen und andauernden, einer so! außergewöhnlichen Wirkung dieses Weibes auf Alle, die ihr i nahe kamen, lag nicht etwa in einem begehrensiverthen Reichi thnm derselben, denn Rahel hielt mit einem ihr ansge^etzten! Jahreseinkommen von 1200 Thalern diesen glänzenden Hof, und j in diesem Hanse gab es keinerlei Feste des materielle!» Wohl-! lebens. Sie war auch nie eigentlich schön gewesen, wie;. B. I Henriette Herz, selbst nicht in den Blüthejahren ihrer Jugend. > „Ich habe keine Grazie. Das denk ich schon sehr lange . . . j doch ist es ansgemacht, dass ich eklig bin ... ich bin unansehnlicher als hässlich." Sie hat auch i»icht von der früher! genannten Freundin und Rivalin das Würdevolle, Majeitätische ihres Wesens, das weiche, klangvolle Organ der Tochter des angesehenen jüdischen Arztes Benjamin de Lemos. Musste das außerordentlich kleine und schwächliche Kind, das kaum die Hoffnung einer längeren Lebensdauer versprach, sorguch in Baumwolle gehüllt und statt in's Bettchen in eine Schaa^el gelegt werden, so be-! schreibt sie der wider Willen von Varnhigen in seine Wohnung! geschleppte Grillparzer als eine alternde, von Krankheit znsammeu-; gekrümmte, etwa einer Fee — um nicht zu sagen, Hexe ähnliche L »nm tfffrpy rtfs >!» Sa luav «SV. bezaubert. ' Seine Müdigkeit verflog, oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. „Sie sprach und sprach bis gegen Mitternacht und | ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben, oder bin ich I selb>t fort. Ich habe nie >u meinem Leben interessanter und j besser reden gehört." — | Nichts als ihr Geist ivar denn auch der Magnet, der so - zauberhaft ivirkle und sie zu einer Hohenpriesterin mitten in! einer stets sich erneuenden Gesellschaft machte, wo das Schöne! "ub Edle in der Menschennatnr seinen weihevollen satt enthu-! siaili'chen Cultns fand. Zn einer Zeit, wo man in den christlichen i Berliner Häusern an der Lectüre Hallers, Hagedorns Gellert, j Eivald Kleist und an den Dramatikern der Gottsched'schen Schute! sich ergötzte, Lessing aber schon als einen Neuerer betrachtete, j hatte sie als eine der ersten von Goethe's außergewöhnlicher Dichterpersönlichkeit eine klare Vorstellung und wirkte in diesem feimie; ja Goethe fasste jetzt eigentlich erg in der Stadt der Aufklärung mitten unter den Nikolaiten festen Fuß. Vor ihr hatten vielleicht auch schon Caroline Michaelis-Böhme-Schlegel- L>chelling und Dorothea Mendelssohn für Goethe gewirkt, aber so herzlich wahrhaft, ohne alle Coketterie, mit solchem Verständnis und Erfolg gewiss. Keine Rahel hat sich auch nicht! wie Bettina von Arnim an Goethe herangedrüngt und ihn B.! i1.11* Zweimal gesehen. Und doch äußerte sich der große Dichter-! sürst zu Franz Horn: „Es ist ein liebesvolles Mädchen; sie | ist stark in jeder ihrer Empfindungen und doch leicht in jeder! Aeußerung, . . . jenes macht, dass wir an ihr die große Originalität bewundern, dies, dass die Originalität liebenswürdig wird." Heinrich Heine erblickte in ihr die geistreichste Frau des Jahrhunderts, Theodor Mnndt nennt sie einen milempfindeneu Nerv des Jahrhunderts, Gutzkow und Laube schauen zu ihr mit gleicher Begeisterung empor wie — Fürst Hermann Pückler- Muskau, und noch in unfern Tagen ist sie für Georg Brandes „das erste, große, moderne Weib der deutschen Cultur und die erste, die ihre Ursprünglichkeit sich bewusst ivar."