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Die Wahrheit · 1900-03-10 · Heft 9 (10.3.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 9 (10.3.1900)
Date
1900-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Aesterr.- ungcrr. Acrntoren-Aeilung. Nr. 9. Beilage zur Zeitschrift „Pie Wahrheit." 20 Ichrg. Wiv ersuchen die Gönner und ^Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Die Aedaction. Organijiren wir uns! Ueber das Cantorenelend ist so manches schon geschrieben und gesprochen worden, aber dass etwas geschehen wäre, um es zu lindern, haben wir bis heute noch nicht gehört. Unter den gutgemeinten Vorschlägen hört man oft das Preventivmittel der Organisation und Konsolidirung, aber auch da sagen wieder Einige: Elend bleibt Elend. Trotzdem dürsen wir die wohlthuende Wirkung, die eine organisirte und innerlich konsolidirte Körperschaft für linfeien Stand ansznüven vermöchte, nicht unterschätzen, tvobei sich uns freilich die bange Frage ausdrängt, ob eine derartige Organisation unter unseren CoUegen so leicht zu Stande käme, ob sie nicht scheitern musste an der Indolenz und der Gleichgültigkeit derselben, mit einem Worte, ob unsere Collegen ein günstiges Material zur Organistrung abgeben? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns vorerst orientiren, wer denn eigentlich unsere Collegen seien. Sind es diejenigen Cantoren, die an einer Fachschule ihre Ausbildung genossen haben und mit einem Reifezeugnisse versehen, unter Mühe und Beschwerden eine Stelle erlangen? Sind es diejenigen, die in ihrer Jugend bei einem Cantor als Choristen sungirten, jedoch durch die Mutation, oder nachdem sie der Schule entwuchsen, der cantoralen Sphäre entrückt wurden, in späteren Jahren wieder hie und da als Bassisten oder Tenoristen anshalsen, dabei Gelegenheit hatteil, das Cantorenelend kennen zu lernen, sich deshalb lieber einem Geschäftszweige widmeten, dabei Schisfbrnch erlitten und schließlich nothgedrnngen den Cantorenberns wählten? Sind es diejenigen, die einen gründlichen Gesangs- und Musikunterricht genossen haben, sich der Sängerlausbahu widmen wollten und wegen der ansgebliebenen Lorbeeren Cantoren wurden? Sind es diejenigen, die erst in späteren Jahren ihr Herz, das heißt ihr Talent entdeckten und bei einem antor die liturgischen Gesänge erlernten und als Cantoren sungiren? Oder sind es endlich ehemalige Balbatiin, Lehrer oder sonst Lente, die während einer Vacanz den Cantor vertraten, bis sie schließlich den Cantor ganz ersetzten? Wir sind der Anschauung dass Alle, insoserne sie cantorale Funktionen versehen. Cantoren sind und füglich zu unseren Collegen gezählt werden müssen, denn Institute im eigentlichen Sinne des Wortes, zur Erziehung Heranbildung von Cantoren, haben wir nicht, oder auch nur in unvollkommenem Maße. Die Cantorenschulen. die wir besitzen, sie mögen wohl einzelne Erfolge ausweisen, können dennoch nur unvollkommen ihren Zweck erfüllen, zumal sie für Kandidaten berechnet sind, die schon eine entsprechende Vorbildung haben müssen, um daselbst ihre vollständige Reise zu erlangen. Wo aber diese Vorbildung sich aneignen? Diesen Mangel an Bildungsstätten finden wir nicht nur bei unserem speziellen Fache, sondern auch bei den Religionslehrern, welches Amt sehr oft mit dem Cantorate verbunden wird. Sollte sich dann ein Religionslehrer, der mit einem Reifezeugniße irgend eines Rabbinats sich auszuweisen vermag, für mehr halten, als einer, der sich, sei es wo immer, religionslviffenschastliche Kenntniße erworben hat und dieselben als Religionslehrer verwerthel, ohne seine Befähigung mit einem diesbezüglichen Dokumente erweisen zu können? Wir zumindest huldigen der Anschauung, dass es einerlei sei, ob jetzt der! Cantor oder Religionslehrer einen Befähigungsnachweis erbringt! oder nicht, wenn ihn nur seine Kenntniße befähigen, seinen! Beruf auszufüllen. 1 Aber leider sind manche unserer Collegen mit großem Eigendünkel behaftet und gefallen sich in der Rolle einer Koryphäe. „Der R.ist nicht mein College, der ist nur ein Chase»,'' ich aber, ich bin ein Cantor!" obwohl der R. sozusagen im kleinen Finger mehr cantorales Wissen halte, als der betreffende College im Ganzen. Einen anderen Collegen hörte'ich wieder sagen. „Der S . . . . ist ja gar nicht choralisch!" , Was der Betreffende damit meinte, war mir nicht ganz verständlich; aber so viel ist mir bekannt, dass der kritisierende : College überhaupt nicht die Fähigkeit hatte, den Gollesdienst! mit Chor zu versehen. Ein Anderer giebt wieder vor, acht! Jahre das Conservatorinm besucht zu haben, und dergleichen I Unsinn u ehr. Es dürrkt sich eben Einer mehr;u sein als der; Andere. Hervorheben muß ich aber, dass ich bei Cantoren, die : wirklich diesen Namen verdieneit und in Großgemeinden sungiren,! eine derartige Ueberhebung nicht saitd, im Gegentheil, ich hatte in ihrer Nähe immer das Gefühl, einen wahren Freund an : der Seite zu haben. Ueberhebung und Eigendünkel findet um» nur bei geistig beschränkten Personen, die durch das überhebende Benehmen ihre geistige Schwäche zu verdecken vermeine».! Keinem Stande mangelt es alt solchen Elementen, aber immerhin wird durch dieselben der Eantorenstand geschädigt. Wenn der Cantor sein Fach noch so gut beherrscht und sich bemüht, der Gemeinde feinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben, so fühlt sich trotzdem in der Kehilla ein Jeder berechtigt, und sei er auch der größte Amhoorez, am Canror Kritik zu üben. Da aber diese Leute aus ihrer eigenen geistigen Vorratskammer keine Kritik schöpfen können, schnattern sie einfach nach, was sie von; Anderen hören, und so bieten ihnen die Auslassungen eines ■ Collegen oft willkommeneil Stoff. Um ein Beispiel anznführen,; wollen wir nachfolgenden Fall erzählen: In einer Gemeinde wurde einem Cautor, der sich die Sympathien der Gemeinde nicht zu erwerben wusste, gekündigt, und auch einige Freunde des betreffenden Collegen konnten dies nicht hindern. Der Posten wurde ausgeschrieben und von ben Petenten; fünf zur Concurrenz zugelassen. Freilich konnte nur Einem der Posten zugewiesen werden, aber gegen diesen Einen, der die meisten Chancen hatte und der decidirt erklärte, von der Beweri bung znrückznlreten, im Falle der gekündigte College Aussicht hätte, den Posten zu behalten, richtete sich das ganze Füllhorn! des Hasses der Zurückgesetzten. Alle möglichen Jlltriguen j wurden geschmiedet, alle möglichen Schwächen und Fehler wur- > den Jenen angedichtet, und diese Dichtungen fanden bei derartigen ' Balbatim, die einerseits als Freunde des Emlasserten, anderseits; aus persönlichen oder geschäftlichen Motiven dem neuen Cantor nicht grün waren, einen fruchtbaren Boden. Selbstredend har dann der Cantor einen schweren Stand. Er kann noch so gut llnd lloch lo tüchtig sein und noch so viel Anlass z»lr Zufriedenheit geben, diese Leute sagen immerhin: Ja der Cantor hat gut gebetet, doch ich kanir mir nicht helfen, er ist doch ein Ignorant, oder wie und was der Fehler mehr sind, die dem; betreffenden Collegen angedichtet wurden. Derarrrge College» sind nicht vereinzelt, es gibt deren j viele, liefern sie aber ein gutes Materal zu einer Organij sation? Würden solche Elemente sich nicht vielmehr beleidigt j fühlen, wenn man ihnen zumuthete, einen Baltesilah einer kleinen Gemeinde als Collegen, als ebenbürtig zu betrachten? Würden.

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