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Die Wahrheit · 1900-03-10 · Heft 9 (10.3.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 9 (10.3.1900)
Date
1900-03-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. ’Jir. 9. Die neueste Eriili-ung des „DeutschenVolksblattes^ über Polna. Unter der Spitzmarke I „E i n Jude über de n M ord! i u P o 1 n a" bringt das „Deutsche Volksblatt" vom 1. d. M. i (Abendblatt) ein sensationelles „Circular a u d i e Juden! in Deutschland." Dasselbe rührt, wie das Blatt mittheilt, « von einem gewissen Leopold Landau in P s o r z h e i m j d. d. 18. Februar 1900 her und gipselt in der Behauptung, j „d a s s d i e M o r d t h a l i n P o l u a d e n S ch ächt s ch u i t t und die Blutleere a u s w c i st, ebenso war der« Kops der Leiche nach a l t j ü d i s ch e m Gebrauch! verhülli." Landau behauptet serner, „dass es Seelen, gäbe, welche der „Kabbalah", d. i Mythologie, Engel- und > Götterlehre huldigen, u n d w e n n e s S a ch e u g i b t, w e l ch e : derselben huldigen, s o haben wir mit den-! selben nichts gemein, und wenn eine jüdische« V e r b r e ch e r b a n d e e x i st i r t, w e l ch e s i ch der K a b b a- . l i st e n und ihrer abergläubischen W n n d e r t h ä t i g-! k e i t b e d i en t, so i st es s e! b stv e r st ä n d l i ch, dass! wir eine solche Bande nicht vertheidigen, , sondern a n s s S ch ä r f st e b e k ä m p s e u."! Zum Schluffe dankt die Redaction des „Deutschen Volks-! blattes" Herrn Landau „sür seine Aufklärung, die uns voll-! ständig befriedigt, da sie die er st c Enunciation! eines Juden i st, w e lch e b e st ä t i g t, w a s w i r w i s s e u! wollten."! Man könnte an einen „Aufsitzer" denken, dem Herr! Vergani zum Opfer gefallen, ähnlich wie jüngsthin bei den! „Millionen sür — Hülsner-Circular. Aber — so ein ganz! kleines, unscheinbares Etwas macht diese Annahme zu Schanden. \ Uns liegt nämlich ein Telegramm des Synagogeni Rathes Pforzheim d. d. 3. Mär; vor, das folgendermaßen! lautet: „M eldungdes Synagogen- Rathes, Psorz! heim: Leopold Landau befindet sich seit! 2. Januar in d e r I r r e u a n st a l r I l l e n a u." « Man bedenke: Ein Mann, der feil dem 2. Januar in! einer Irrenanstalt internirt ist, vermag unterm 18. Februar « ein Circular „an die Juden Denlschlands" zu richten, worin! er — nicht etwa um seine Befreiung bittet, sondern nachweist, « das s die in den letzten zehn I ahr e n i n Fr a ge ■ kommende n Blut m orde von jüdischer Seite! u i ch l s o o h n e w e i t e r e s von d e r H a n d g e w i e s e n werden kö n n en." Commeutar überfläffig. Sollte die Redaclion des „Deutschen Volksblattes" die Richtigkeit des Telegrammes auzweifelu, so steht solches zu ihrer Verfügung. Iur Mischen Culturfrage. Von A. Mirsky. (Fortsetzung.) Fassen wir den Sinn und die Tendenz unserer Gesetzgebung näher ins Auge und betrachten wir dieselben vom politischen Standpunkte aus, so gelangen wir zur Erkenn tnis, dass die Intentionen Most lediglich dahin giengen, das jüdische Volksthum von all den Attributen unabhängig und unbeeinflußbar zu machen, die bei den anderen Völkern die Hauptbedingung ihrer Existenz bilden. Nicht die gemeinsame Scholle, nicht die gemeinsamen Siege und Errungenschaften sollen das Wesen des Judenthums ausmachen, sondern einzig und allein die gemeinsame Gesetzgebung, die gemeinsamen moralischen Principien, die stets und überall das Eigenlhum des Volkes bleiben können. Der Prophet fasste nämlich die Eventualitäten ins Auge, denen jedes Volk als solches ausgesetzt ist, und schuf danach seine Gesetzgebung, damit das „erwählte Volk" unter allen Umständen das bleiben kaun, wozu es sein Schöpfer machen wollte. Die in der Thora enthaltenen Vorschriften bezüglich der Einsetzung eines Königs u. dergl -setzen nur den von Moses unerwünschten Fall voraus, dass die Juden, vom Zauber der benachbarten Völker geblendet, denselben nachahmen wollten. Nur sür diesen Fall gab er ihnen Mittel, das Fremde au ihre Principien anzupaffen. Sonst liefen derartige, aus fremdem Lager herüber - genommene Einführnngen den Intentionen Mosi zuwider. „Gott ist Euer König!" lautet ein Spruch Mosi. Der Prophet Samuel warnte das Volk vor der Einsetzung eines Königs und bezeichuete dies als eine Widersetzung dem göttlichen Willen. „Wisset, dass ihr eine groye Sünde begangen habet, indem ihr einen König verlangtet.' Er gab mir dem Stürmen und Drängen des Volkes widerwillig nach, als er ihnen einen König salbte. Es wäre zu weitläufig, mich hier über den Einfluss der Könige auf die Fortentwickelung des jüdischen Volkes zu verbreiten. Es ist dies genügend bekannt. Die Psalmen haben wir dem Juden David zu verdanken; was uns König David gab, war von kurzer Dauer. Dasselbe gilt auch von Salomo. Die Verwüstungen und Verheerungen, die manche Könige Israels im Organismus des jüdischen Volkes angerichtet haben, bedurften Jahrhunderte, um wieder geheilt zu werden. Das eigentliche nationale Leben der Judeil begann erst nach der Zerstörung des Tempels. Die Principien der jüdischen Gesetzgebung hat die Diaspora nicht zu erschüttern vermocht. Sie hat vielmehr die einzelnen Glieder geistig enger aneiuaudergerückt, die Zähigkeit des vielgeprüften Volkes vermehrt, seine Widerstandsfähigkeit gefördert, fein Gemüth gestählt, seine Immunität begründet. Unsere kostbarsten geistigen Schätze rühren von der Diaspora her. Unsere reichhaltige unvergleichliche Litteratur entstand ans fremdem Boden, unter beispiellosen Märtyrien, in voller physischer und materieller Abhängigkeit. Der fruchtbare Boden unserer Cultur musste mit Blut und Thränen gedüngt werden, um solche herrliche Früchte zu zeitigen, wie wir sie besitzen. Das Wandern von Land zu Land, von Volk zu Volk war gleichfalls für unsere geistige Entwickelung überaus fördernd. Indem wir in uns die fremden Cnltnrett arlsnahmell und mit der unserigen verglichen oder in unserer Eigenart zu verarbeiten suchten, wurden wir von Fall zu Fall in der erfreulichen Ueberzeugung bestärkt, dass die Principien unserer Gesetzgebung die größte Bürgschaft bieten sür die Erhaltung und Conservirung eines Volkes. Unser Philosoph Saavias, der die griechische und arabische Philosophie in all ihren Vertiefungen und Verzweigungen kannte, wies in seinem Monumentalwerke „Hoemunoth wehadeoth" unwiderlegbar nach, dass all die Systeme und Anschauungen, welche den Principien unser Religion zuwiderlausen, an sich unhaltbar sind. Maimonides, der seine weiten und vielseitigen Kenntnisse aus fremden Quellen schöpfte, stellte im „Moreh nebuchim" ein philosophisches System auf, welches die jüdische Religion in eine tief philosophische Lehre umwandclt. Unsere Wanderungen zwischen beu Völkern gerieten uns also zum Nutzen, indem sie dazu beitrugen, die ewigen Wahrheiten unserer Lehre vor der ganzen denkenden Welt zu demonstriren. Die inneren Zerwürfnisse und Parreistreirigkeiten, wie traurig auch ihre Conseqnenzen, verließen nie den Boden der Religion. Es waren durchwegs — von der Epoche der Könige abgesehen, die sür alle Zeilen ein fremdes Blatt in der Geschichte der Juden bilden wird — tpnpf? Es waren lauter Meinungsverschiedenheiten darüber, in welcher Form das reine unverfälschte Judenthum am besten conservirt bleiben kann. Das feste Klammern an ihren Glauben, die tiefe Verehrung ihrer Traditionen, der Gedanke, dass mit der Erschütterung der Grundfeste ihrer Religion das gailze Judenthnm zu Grunde gehen muss, brachte es mit sich, dass die Parteistreitigkeiten zu solchen erbitterten Kämpfen emporstiegen, wie sie nur bei einem solchen hartnäckigen und willeusfesten Volke, wie die Juden, entbrennen können. Die Parteikämpfe schwächten das Judenthum, lockerten die Bande des Volkes, aber seine Lehre blieb unangetastet, nachdem doch diese Kämpfe nur zum Schutze dieser Lehre geführt wurden. Stichhaltiger ist der Einwand von der Mischung fremder Elemente in der jüdischen Raffe. Die Thatsache lässt sich nicht

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