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Die Wahrheit · 1900-03-10 · Heft 9 (10.3.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 9 (10.3.1900)
Date
1900-03-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 5. Der unsterbliche Mannheimer sagt: „Nnn haben allerdings die Zeiten und die Menschen sich geändert, und es ist vieles i anders geworden. Aber das Heute ist von dem Gestern nicht so! weit ab, als es die Leute glauben, und an Menschen, namentlich an ganzen Stämmen und Völkerschasten, wischt man die Spuren einer trübseligen Vergangenheit und ihrer Verwüstung nicht so! leicht und so geschwind wieder ab.! Nun, haben wirklich die Zeiten sich geändert? Nein, die Zeiten haben sich nicht geändert, allerdings aber die Menschen,; die in diesen Zeiten leben. Haben sich an unserem Volke die : Spuren seiner trübseligen Vergangenheit und ihre Verwüstung : abgewischt? Keineswegs! Denn wahrlich, kein geringer Brnchtheil der Bevölkerung beider Hemisphären ist es, der die Inden in mittelalterliche Zustände wieder versetzen möchte. Und die Verwüstung, die macht erst heute sich geltend, nachdem wir schon vor fünfzig Jahren mit der Vergangenheit gebrochen haben, wo die Mehrzahl der Juden meinte, mit dem Anbruche der Freiheit sei die Zeit gekommen, sich auch von der Religion zu befreien. Wir zählen gewiss nicht zu jenen, die, im Gotteshause sich schüttelnd und rüttelnd, wie eine vom Winde hinmiD l;er gewehte Palme ihre Andacht verrichten, jedoch zu unserer ersten Lebensatlfgabe zählen >vir die Religion. Darum klagen wir auch die Zeit nicht an, dass sie diese beklagenswerthen Zustände zeitigle, da sie uns doch nicht in der Ausübung der religiösen! Wichten hindert, vielmehr sind es die Menschen, die von einerirrigen Aussassulig ihrer culturellen Mission geleitet, die Gebräuche und Träger ihrer eigenen Religion als unzeitgemäßen Unsinit verspotten und vor solchen anderer Eonfessionen im Staube kriechen. Thun sie dies etwa ans Ueberzengung? Keineswegs! Blos ans Mangel an gesundem Menschenverstand. Da ist es dann auch kein Wunder, dass der Antisemitismus in Böhmen so mächtige Wurzel fassen konnte, dass die Bevölkerung zu den Juden, die eiae derart niedrige Gesinnung zur Schau trug, das Vertrauen verlor,, und die alte Erfahrung trat wieder zu Tage, dass der jüdische Jndifserentismus der beste Nährstoff des Antisemitismus ist. Jedoch die Zeit schreitet mit ehernen Schritten vorwärts und tritt die Ereignisse nieder, und obwohl auch diese Zustände der Geschichte angehören werden, gibt uns die Schilderung derselben immerhin Stofs zum Nachdenken und Vergleichen. Und da ist z. B. bei der jetzigen jüdischen Generation, die zu ihrem großen Theile aller religiösen Gefühle baar ist, die Cultusstcuer ein besonders wunder Punkt, der eingehende Besprechung verdient. Als Moses zur Schaffung eines Heiligthnmes schritt, welches als Versammlungszelt der Mittelpunkt des religiösen Lebens des Volkes bilden sollte, heißt es wörtlich (Exod. K. 25. V. 1): iiw* ir»'x f?2 nso norm mpi 22 Sk 121 »norm ns inpri 12b „Rede zu den Kindern Israels, sie werden mir nehmen eine Hebe, von jedermann, wie viel sein Her; geben will, nehme für mich die Hebe!" Zur Errichtung des Heiligthums wurde niemanden vorgeschrieben, wie viel und was er geben solle, von dem richtigen Grundsätze ausgehend, dass man zu diesem Zwecke einem religiösen und darum culturfreundlichen Volke keine Vorschriften zu machen brauche, zumal ein jeder seine Opferwilligkeit zu bezeugen wünscht. Und wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken, da stnden wir, wie wahre Religiösität zu allen Opfern fähig ist. Die Geschichte erzählt uns nicht ver- ♦ einzelte Fälle von Eintreibung ungerechter Judensteuern, Uebervortheilungen, Bedrückungen und Verfolgungen der Juden, sondern deren so viele, dass sie schließlich, wie nicht anders möglich, unseren Vorfahren zur Gewohmeit wurden. Aber trotzdem wurden dabei die religiösen Institutionen nicht nur nichr vernachlässigt sondern mit größter Freigebigkeit bedacht, wovon wir noch heute an dem Jahrhunderte alten Schmuck alter Thorarolleu in so mancher Gemeinde ein beredtes Zeugnis haben. Obwohl sich der Jude durch den einfachen Uebertritt zur katholischen Religion leicht von den Lasten und Bedrückungen befreien konnte, wobei ihm überdies goldene Brücke gebaut und allerhand goldene Berge vorgemalt wurden, tarnen dennoch Ueberlänfe höchst selten vor, und da nur von sittlich verkommenen Individuen. Heute haben sich die Menschen geändert. Um einige Gulden zu ersparen, um den Cultusbeitrag nicht zahlen zu müssen, verlässt maic das Vätererbe, vergisst mail die ruhmvolle Vergangenheit und kehrt der Religion den Rücken. Von den vielen Beispielen nur eines. Wir sollten eigentlich beu Namen nicht verschweigen, denn diese Namen würden die Brandmarkling und Blosstellung ebenso gut verdienen, wie die Proselyteu,; allein, ebenso wie die letzteren bei ihrer niederen Denkungsart stolz auf ihr Renegatentum sind, würden auch die öffentlich der Cullussteuerverlveigeruug geziehenen Personen hierauf nicht reagiren. Eine Fabriksbesitzerin, die eine mehrfache Millionärin ist, sich ums Judenthum gar nicht kümmert, aber als Jüdin sich sehr sparsam zeigt, indem sie vorgibt, keineil höheren Cultusbeitrag als 60 fl. zahlen zu können, erklärt, im Falle man sie hoher bemessen iv'ürde, aus der Religionsgemeinschaft allszutreten. Nichtsdestoweniger begehrt sie von der Provinzgemeinde eine Bescheinigung, dass sie die Cultussteuer entrichte, um. da sie auch in Wien ihren Hausstand habe, dort zur Zahlung des Cultusbetrages nicht herangezogen zu werden, zumac sie in Wien zufolge ihrer Millionen und ihres Einkommens ein Quote von circa 1000 Gulden zahlen müsste. Dass sich unsere Glaubensgenossen, wo nur möglich, ihrer Eultussteuerpflicht zu entziehen trachten, ist derzeit eine allgemeine Erscheinung, und merkwürdigerweise sind es namentlich die Begüterten, die soviel als möglich mit diesem Beitrage feilschen. Auch dann, wenn sie in der Gemeinde Sitz und Stimme haben, geht ihr Trachten dahin, dass sie durch Herabsetzung der Steuerquote für ihre Amtsbeschwerlichkeiten entlohnt werden. Es möge» vielleicht derartige Zustände auch in der Großstadt herrschen, jedoch in der Kleinstadt, bei dem kleinen Wirkungskreise treten sie viel schärfer zu Tage. Kein Wunder, wenn daun die Opferwilligkeit und der Jndifferentismus weitere Schichten ergreift, zumal auf dem flachen Lande bei Handhabung der Steuerschraube so manche Ungerechtigkeit geübt wird. Nicht selten ist nämlich die Einschätzungscommission die Stätte, wo kleinliche Rachegelüste zur Befriedigung gelangen, indem z. B. ein Commissionsmitglied einem ihm nicht sympathischen Gemeindemitgliede durch Erhöhung der Beitragsquote zu schaden sucht, und ein anderes wieder sich durch Befürwortung einer niedrigen Quote in der Rolle des Schmeichlers gefällt. So spielt eins ins andere, und oft haben kleine Ursachen große Wirkungen. Wir sehen aber auch heute noch, wie lvahre Religiosität zu den größten Opfern bereit ist. In so mancher Gemeinde gibt es Leute, die zufolge ihrer strenggläubigen Religiosität sich mit den Einrichtungen der auf der sogenannten iortschrittlichen Basis fußenden Gemeinde nicht befreunden können und demgemäß für einen abgesonderten Cultns Sorge tragen, aber trotzdem auch die ihnen anfgebürdete Cultussteller ohne Weigerung entrichten. Das ist ein Beweis mehr für die unverwüstliche Dauer des Judenthnms; denn, wenn es auch auf der einen Seite niedergetreten wird, entsteht ihm in den Herzen der anderen Glaubensbrüder eine sichere Heimstätte. So wird bei dem wahren Jehudi Opierwilligkeit nie aufhören, weil sie zu den Hauptpflichten der jüdischen Religion zählt. Bei jeder Gelegenheit wurden unsere Vorfahren auf ihre Ovrervsticht und die Pflege der Humanität aufmerksam geinacht, und eingedenk der diesbezüglichen Satzungen, werden im jüdischen Volke diese erhabenen Grundsätze ewig vorherrschen - wenn nichr im ganzen Volke so in einem Theile desselben. Und dieser Theil des Volkes, der deit Kern desselben bildet, wird stets würdig sein, der Träger der jüdischen Golresioee, des Monotheismus zu sein, die inferioren Elemente des Judenthums aber werden verschwinden. Es ist dies ein Reinigungsprocess, wie ihn unsere Vorfahren in der Wüste wiederholt durchgeinacht ha bell. Wie ein Baum, nachdem ihm die trockenen Aefte abgeschninen werden die ihm unnöthig Säfte entziehen, schöner blüht als zuvor, so , wird Israel nach diesem Reinigungsprocess durch die Flucht der Jahrtausende immer neu erblühen. rfyv «2» *2 iy.

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