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Die Wahrheit · 1900-03-02 · Heft 8 (2.3.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 8 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.- ungar. Acrntoren-Aeitung. Rr. 8. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde! unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen j hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Uedaclion. Die Entwickelung des jüdischen Cantorates von der Mitte des achtzehnten bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Von Obercantor I. Singer in Wien. 1H. Der Inhalt der beiden vorausgeschicktrn Aufsätze führt uns chis zur synagogal-gesanglichen Entwickelnngsphase beim Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Der beglückende Flügelschlag freiheitlicher Regungen ans allen Gebieten menschlichen Wirkens mnd Strebens musste ja auch endlich aus die damaligen Synagogenverhältniße eine wohlthnende Einwirkung üben, und in der Thal begann auch eine Neigung zum Bessern sich geltend zu > Machen. Allein so anerkenneustoerth das Streben einzelner Ge-! meinden und Cantoren jener Periode auch war, die diesbezüglichen Arbeiten müssen immerhin doch nur als Präludien für das große j 'Erlösungswerk erachtet werden, welches um diese Zeit seinen! Anfang — und bekennen wir es nur mit Genugthuung — von; Wien aus seinen Ausgangspunkt nabm. Wir brauchten füglich | nichts mehr, als den Namen Salomon Sulz er zu nennen, j um den Inhalt des namentlich für uns jüdische Cantoreu allum-! 'fassenden Werkes zu begreifen, welches in dieser gewaltigen Perj sönlichkeit verkörpert erscheint.! Salomon Sülze r, der, wie er selbst erzählte, in seiner! frühesten Jugend selbst noch als Meschorer reiste, um als zartes! -Cantorlein in Hohenems jene Bedeutung zu erlangen, dass die! Wiener Cnltnsgemeinde ihn im jugendlichen Alter von 21 Jahren > zu ihrem Synagogenfunctiouär berief, übernahm, mit einem festen i Programm ausgerüstet, seinen verantwortungsreichen Posten in | Wien 1825. — Diese Ziffern kennzeichnen erschöpfend jene finsteren \ Verhältniße, die der junge Sulzer in Wien antraf. Bon einem i Ankllüpfnugspunkte an das Werk seines ganz ehrwürdigen, j doch nichts Anderes, als einen schlichten Vorbeter der damaligen j Schablone darstelleltden Vorgängers M a r k b r e i t e r konnte \ gar nicht die Rede sein; die eigene Erfahrung des kaum flügge Hewordenen jungen Mannes konnte sicherlich auch nicht ausreichen,! nnd dennoch behaupten wir, dass Salomon Sulzer mit einem \ f e st e n P r o g r a m m seinen Wiener Posten antrat. Idealismus und Begeisterung für die heilige Sache, das war das Programm Sulzers, welches ihn auf den Fittigen seiner herrlichen Kunst emportragend in Allem nur das Richtige und Alleinzweckmäßige! finden ließ. Nicht er allein, nicht seine Sängerschaar sollten? herrlich und nach gesetzmäßig gefügten Tönen singen, sein Lied chatte in der eigenen Brust keinen Raum, es musste hinausklmgen in die Welt und es klang hinaus und erfüllte mit seinem Wohllaute die Synagogen der g a n z e n W e l t. Sulzers Anordnung des synagogal-gesanglichen Stoffes, | -seine eigene erschütternd herrliche Vortragsweise, selbst seine! Äußerlichen Behelfe wie Ornat, Kopfbedeckung und gefalteter Tallis! — die Einführung von Responsorien, die rationelle Trennung des cantoralen vom chorischen Gesangsstoffe, die Bearbeitung der Megilla- und Echo-Vorträge, das Aus- und Eiuheben, wie das Vorlesen aus der Thora, die neugeschaffene Seelengedächtnisfeier (Requiem), Trauungs- und Leichenbegängsnisgesänge und vor Allem die moderne Gestaltung des Gottesdienstes an den hohen Feiertagen, bei strengster Berücksichtigung des TraditionLgesanges, das wäre die in gedrängter Kürze zu n Ausdrucke gebrachte Veranschaulichung der Sulzer'schen Arbeit als jüdischer Cautor und für das jüdische Caulorat. Bei Sulzers cautoraler Amtsübernahme in Wien hatten allerdings Grazien insoserne ihren Zauber gesprochen, als alles von ihm Gebotene bedingungslos angenommen, ja, als von ihm geboten, von vornherein das Gepräge der Vollendung an sich trug, so dass selbst die etwa an dem Menschen Sulzer hastenden menschlichen Eigenthümlichkeiren als wesentliche Merkmale eines jüdischen Cantors galteit und von sogenannten Nachtretern geübt, oftmals auch augewöhnt wurden. Allein auch das Letztgenannte zeugt für die Machtvollkommenheit Salomon Sulzers, und wenn mch von seinen Nachahmern oftmals Gefallsucht an Stelle des Gefälligen, oder Ueberhebung an Stelle des Selbstbewusstseins trat, oder etwa das von ihm in künstlerisch zartem Brnstsalsett Vorgetragene durch weichliche Fisteltöne snbstituirt wurde, so liegt in dieser, wenn auch verwerflichen Nachahmnngssucht immerhin der schlagendste Beweis, dass Salomon Sulzer Allen ein hehres Ideal dünkte, welchem nachzustreben als eine Nothwendigkeit erachtet wurde. Fassen wir diese voransgeschickten Bethälignngen und Eigenschaften Salomon Sulzers zusammen, so gewinnen wir ein Totalbild des großen Organisators auf fynagogal-gesanglichem Gebiete und gleichzeitig auch die Erklärung dafür, dass seine Autorität ihn ins Leben eiugeführt und man ihm rückhaltslos Alles glaubte, ohne irgend einen Gegenglanben geltend machen zu wollen. Und so lebr die bestrickende Erscheinung und das Wirken Salomon Sulzers seldst noch heute im Herzen des synagogalen Judenthums mächtig fort, wenn auch seine sterblichen Reste bereits seit zehn Jahren in kalter Erve ruhen. Salomon Sulzer starb Freitag, beu 17. Jänner 1890. Nnn war die Richtung verzeichnet. Sämmlliche jüdische Cautoren der Welt versuchten es, sich im Geiste Sulzers sortzubilüen, beziehungsweise zu wirken. Wenngleich es auch keinem der Nachstrebenden gelang, in der Sulzer'schen Doppeleigenschast als Cantor und Organisator gleichwerthige Erfolge zu erringen, so muß dennoch constatirt werden, dass von nun ab, namentlich bezüglich der Syuagogengesangs-Compositionen -eine ersprießliche Thätigkeit entfaltet wurde. In allererster Reihe müssen wir das im Jahrr 1847 von Obercantor S. Naumburg in Paris veröffentlichten Werkes 8smirotb llwrool, für ivelches auch Meyerbeer, Halevy, Alkan, Lebonc, Leonte Cohen Beiträge lieferten, Erwähnung thun. Dieses Werk, vom deutschen Geiste nnd hauptsächlich von der Richtung des Concertgesanges beeinflußt, erfüllte für Frankreich dieselbe Mission, wie der 8obir Zion in Deutschland und Oesterreich; mit Ausnahme einiger, dem localen Beoürsniße entstammenden Nummern, liegen sämmtliche Piecen im Banne des 8obir Zion, d. h. sie fiub nach den Intentionen desselben gearbeitet worden; doch soll Hiemil die künstlerische Bedeutung Naumburgs und seiner Mitarbeiter beim Werke 8smirotb diorool nicht geschmälert werden. Als ein Synagogengesaugswerk von umfassendster Bedeutsamkeit muß das im Jahre 1859 von H. Weintraub, weil. Obercantor in Königsberg in Preußen, veröffentlichte Buch „Schire bes adonaj“ bezeichnet werden. Der erste und zweite Band enthält viele Gesänge und Recitative (Chasonus) für alle cantoralen Borkommniße des Synagogenjahres; sammrliche Piecen sind ohne jegliche Mithilfe vom Herausgeber selbst gearbeitet und müssen sowohl bezüglich der Form als des Inhaltes als tadellos bezeichnet werden. Der dritte Theil 3obir»

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