Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 7 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063020--00653-3067176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hesterr.- ungcrr. Aclntoren-Aeitung. Nr. 7. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Jatzrg. Wir ersuchen die Gönner und Freunde unseres Blattes, in allen öffentlichen Localen hier und in der Provinz „Die Wahrheit" zu verlangen. Aie Wedaction. „Awödas Jisroel“. Herr College K i r s ch n e r - M ü n ch e n hat in seiner Besprechung des von Herrn I. L a ch m a n n - H ü r b e n herausgegebenen Werkes „Awödas Jisroel“ u. A. meines lieben Freundes und Collegen R o s e n h a n p t - N ü r n b e r g in einer Weise gedacht, die mir zu einigen Bemerkungen die Feder in die Hand drückt. Zunächst erachte ich es als ein Gebot elementarster Gerechtigkeit, festzustellen, dass das Verdienst der Initiative, einen „Israelitischen Werktags-Gottesdienst nebst Casnalien" zu schaffen und herauszugeben, einzig und allein Herrn Rosenhaupt gebührt; er war der erste auf diesem Gebiete und sein ist das Mecht der Priorität. Aber abgesehen von dieser Thatsache wird sich bei aller Hochachtung vor der anerkennenswerthen Leistung des Herrn Lachmann Niemand der Ueberzeugung ernsthaft verschließen können, dass Rosenhaupt's „Schire Ohel Jaaköw“ III in Bezug auf musikalische Rhythmik und Prosodie bis heute noch unerreicht dasteht. Einer der von vielen unbestrittenen Vorzüge des Werkes liegt aber auch in seiner Prägnanz, in der zielbewussten Ausscheidung alles Ueberflüssigen und in der sorgfältigen Beschränkung, in der sich bekanntlich der Meister zeigt. Das Werk „Awödas Jisroöl“ selbst ist an dieser Stelle bereits eingehend gewürdigt worden, und ich gestehe gerne, dass dasselbe auch auf mich den Eindruck einer respectablen Summe von Fleiß und Geschicklichkeit macht. Seinen Geleit- und -Empfehlungs-Brief als „Vollständige Sammlung traditioneller Synagogengesänge und Rezitative des süddeutschen Ritus" muß ich indessen entschieden zurückweisen, denn Herr Lachmann Hat alles Mögliche, darunter auch einige echte süddeutsche Recitative gesammelt und herausgegeben; gegen eine Bezeichnung als „traditionell-süddeutsch" spricht aber der unverkennbare Einfluss fremder Idiome, deuen sich der Componist nicht hat .entziehen können, weil jedes künstlerische Schaffen ein integrirender Bestandtheil der Individualität seines Schöpfers ist. Im schroffsten Gegensatz hierzu liegt die Sache bei dem Collegen Rosenhaupt. Einer seit vielen Generationen in Süddeutschland ansässigen Familie entsprossen, in seiner ganzen Berufslaufbahn her heimatlichen Sphäre nie entrückt, beherrscht er, wie nur Wenige das, was wir Süddeutsche unter süddeutscher Tradition verstehen. Zur Vertiefung seiner Kenntnis der cantoralen Wechselbeziehungen zwischen den Gebietstheilen, die im Großen und Ganzen ein und derselben Tradition folgen, hat er seine Forschungsreisen über ganz Süddeutschland, den Rhein hinab bis nach Holland und Belgien ausgedehnt, um sich mit dem reichen Material seiner langjährigen Erfahrungen in dem dreitheiligen Werke „Schire Ohel Jaaköw“, besonders aber in dem dritten Bande desselben, dem „Israelitischen Werktags- -Gottesdienst nebst Casnalien" ein Denkmal zu setzen, welches stark genug fundamentirt ist, um allen Stürmen der Zeit halt- Zebietenden Widerstand zu leisten. Elberfeld, den 8. Februar. Hermann Zivi. Mdische Realpolitik in Oesterreich. Von Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf. Besprochen von Rabbiner Dr. I. Kahan-Znaim. Bei der allgemeinen Verketzerung des Herzt' schen Zionismus, seitens des officiellen Judenthums muss ein Rabbiner viel Muth besitzen, um sich offen zu Herzl zu bekennen. Aber Herr Dr. Rosenmann besitzt nicht nur Muth, sondern auch klaren Geist und korrekte Feder, — und so schrieb er seine „Jüdische Realpolitik", um eine reale, zweckmäßige Politik der Judenheit Oesterreichs ins Leben zu rufen. Ob es ihm gelingen wird? Ob wirklich alle Juden endlich zur Einsicht kommen, dass sie nicht nur eine confessionelle Abart der Deutschen, Czechen, Polen u. s. w bilden, sondern von aller Welt als politische Größe betrachtet werden, die oft benutzt, zumeist aber bekämpft und verfolgt wird? Ob endlich alle Juden sich aufraffen werden, sich zu organisiren und nach außen eine politische Einheit darzustellen, mit der dann die Oeffentlichkeit und der Staat wird rechnen müssen? Wohl schwerlich, denn was Rosenmann sagt, ist doch schon tausendmal gesagt worden, wenn vielleicht nicht in so präciser und knapper Form. Aber die Juden wollen sich nicht organisiren, sie wollen sich nicht — man verzeihe den trivialen Ausdruck — zu derkennen geben! Lieber laffen sie sich plündern, schlagen, verspotten und verfolgen, als dass sie es dulden oder gar veranlaffen möchten, dass eine Judendebatte nicht von den Antisemiten, sondern - korribils ckiotu — von Juden im Namen der Judenheit provocirt werde! Mögen die Greißler sich als Staatsretter geberden, mögen die Krowoten für ihr Recht öffentlich einstehen — aber die Juden? Wo denken Sie hinverehrter Herr Collega? Die meisten von ihnen sind so entjudet, dass nur noch das geschärfte Auge der Antisemiten sie als Juden erkennen kann.Der nichtjüdische Geist hat nicht nur die jüdischen Herzen erobert, sondern auch die Synagogen und den jüdischen Religionsunterricht! Oder kann ein Religionsunterricht noch jüdisch heißen, in dem der Katechismus und unverstandene Phrasen die Hauptrolle spielen, während die Thora nicht einmal eine Nebenrolle spielen darf?! — Und was soll man erst dazu sagen, dass ein Rabbiner conservativer Richtung — Herr Dr. Rosenmann — die hebräische Sprache als nicht zum ureigenen Gebiet des israelitischen Religionsunterrichtes gehörig bezeichnet, wozu er nur Geschichte, Morallehre und Ritualien zählt? Werden denn zum hebr. Unterricht etwa die Romane Magus oder Smolenskys genommen, und nicht vielmehr unsere heiligen Schriften, welche doch Geschichte, Morallehre und Ritualien in der ursprünglichen und — besten Form enthalten? — Soweit ist die Verwirrung in unserem Lager gediehen, und dem soll eine — Broschüre abhelsen? O armes Judenthum! Dir sollte ein zweiter Esra erstehen, nachdem Du von dem ersten so wenig gelernt und das Wenige so ganz vergeffen hast. Moses Montestore und Ädolf Cremieur. Von Dr. M. H. Ariedlän-er. (Fortsetzung). Es ist fast unumgänglich, dass der Reisende, welcher Jerusalem besucht, solche Gefühle empfindet, und nur nach Maßgabe der Verehrung, die er für den Ott hegt, unabhängig von dem, was man hier wahrnimmt, kann er die Weihe desselben recht würdigen. Kann seine Denkkraft sich nicht dem einfachen Impulse des Geistes fügen oder ist seine Seele nicht fähig, ohne Monumente, Inschriften oder Statuen m Thätigkeit zu treten, so darf er in Jerusalem nicht auf Befriedigung rechnen; und verlässt er sich auf Sagen, welche sich hier Jahrhunderte hindurch angehäuft haben, so sind alle seine Betrachtungen nur geistige Schattengebilde. Er muss sich gänzlich dem Begriff von der allgemeinen Heiligkeit des Ortes hingeben.