Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 7 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 7. wolle. Darum will ich die Thoren entlarven und den Bösewichtern ins Angesicht leuchten. Sie werden lärmen und schwirren wie die aufgeschreckten Nachteulen. . . Die Wahrheit reizt, denn sie ist reizend, aber sie erbittert nicht." Und nun endlich, um diesen Punkt abzuschließen, noch folgende Stelle, gerade weil sie die bekannteste ist (7. Februar 1832) i „Dass ich ein Jude geboren, das hat mich nie erbittert gegen die Deutschen, das hat mich nie geblendet. Ich wäre ja nicht werth, das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lassen, mit schnödem Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ick immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler zu theilen. Ja, weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als Ihr. Ja, weil ich die Selaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als Ihr, Ja, weil ich keinem Vaterlande geboren, darum wünsche ich ein Vaterland heißer als Ihr." Die Werke des Vaters der deutschen Journalistik, auf dem der Fluck seines Volkes schwer lastete, auf dessen Brust der Parias-Stempel gedrückt war, sollten fpeciell in jedem jüdischen Hause gelesen werden, was bei dem billigen Preise (6 Bände lw. 6 Mark) trotz prachtvoller Ausstattung (holzfreies Papier, schöner Druck, Börner's Porträt und Briefe in Facsimile) leicht möglich ist. Litteratur. ZSavviner Ar. Keppver's jüdifch-tilterarischer Abreißkalender für das Jahr 5660/61. Koschmin, Provinz Posen, bei Israel Tuch, Preis 80 Pf. —Es war unstreitig ein glücklicher Gedanke, einen jüdischlitterarischen Abreißkalender zu schaffen. Es muß aber gesagt werden, dass dieser Gedanke nicht originell war, denn in Holland existirt ein solcher seit einem Jahrzehnt. Referent berichtet in nächster Nummer über,den diesjährigen. Dr. Heppner aber hat das unbestrittene Verdienst, den ersten deutschen Kalender dieser Art gemacht zu haben. Es wird Wohl Manchen geben, der vornehm auf die Kalender-Macher herabsehen und denken wird: Was ist ein Kalender? Wie kann ein ernster Rabb iner Kalender machen? In unserem in jeder Beziehung bedauernswerten Oesterreich, wo in den breiten Volksmaffen von einem ernsten jüdischen Leben kaum die Rede sein darf, und wo jeder Funke echter Begeisterung für Jüdisches überhaupt, sei es Gesetz, Geschichte oder Litteratur, fast ganz erloschen ist, und wo man diejenigen an den Fingern abzählen kann, die sich ohne Eigennutz und mit Eifer in den Dienst der echten jüdischen Sache stellen — wird für so einen jüdisch-litterarischer Abreißkalender kaum Sinn gefunden werden. Wer braucht einen Ijuach? Wer kümmert sich um Geburts, und Sterbetag jüdischer Geistesgrößen, jüdische Gedenktage des Glücks und Unglücks? Und dennoch sollte solch ein Kalender an der Wand jedes jüdischen Hauses sein. Allerdings, wenn an der Thürpsoste keine Mesusoh ist, nützt es nichts. In Deutschland hat Heppner's Kalender bereits die zweite und nicht kleine Auflage erlebt; er wird sich so einbürgern, dass man ihn überall findet Ganz nach dem Muster sonst gebräuchlicher Abreißkalender zeigt Heppner's Kalender aus jedem Tagesblättchen das jüdische Datum in großem Drucke und unter beiden Daten, dem bürgerlichen und jüdischen, einen Hinweis auf irgend eine große Persönlichkeit im Judenthume oder ein bedeutendes Ereignis unserer Geschichte in alter und neuer Zeit, außerdem noch Gedanken, Auszüge in Prosa und Poefie. Für die Sabbate und Festtage sind die zu lesenden Thorah- und Haftorah-Stücke angegeben. — Auffallend ist, dass zuerst bürgerliches und darunter jüdisches Datum zu stehen kommt, und die Gedenktage, sowie Sabbate nicht durch Rothdruck und hebr. Quadratschrift hervorgehoben erscheinen. Auch sollten die Wochenabschnitle hebräisch angegeben sein. Die Ausstattung ist nett und gefällig. Jeder jüdischen Familie sei Heppner's Kalender angelegentlichst zur Anschaffung empfohlen. F. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (24. Fortsetzung.) Josef Du hast dabei eine große Kraft bewiesen, aber Marie hat es nicht weniger gethan. Du hast Dich fest gehalten und bist nicht abgewichett von Deinem Entschluss, wie Du ihn einmal gefasst hast, aber Marie hat gezeigt, dass sie keinen Zwang auf Dich ausüben gewollt hat. Sie war bereitwillig, das größte Opfer zu bringen, sie hat verzichten gewollt, ihr Herz hat dabei geblutet, ich weiß es, und sie hat es doch gethan.. Dazu gehört Kraft, Kraft gehört da dazu so viel, dass ich nickt weiß, wem von Euch beiden mehr Lob gebührt. Nehmt mein Voll darum alle zwei. Eure Kraft und Stärke, die Ihr bewiesen habt, ist mir eine Beruhigung für das Glück Eurer Zukunft; denn das, was man mit solcher Anstrengung erkämpfen muss, was der Mensch nur durch den äußersten Kampf sich erwerben kann, das muss ihm hoch stehen im Preis, das muss ihm lieb unb wert sein für das ganze Leben, und darum seh ich getrost Eurer Zukunft entgegen. Ihr werdet fest an einander hatten, wie immer es auch kommen wird. Ihr werdet Eure Vergangenheit nicht vergessen, Ihr werdet nicht vergessen, unter welchen Kämpfen Ihr Euch gegenseitig erworben habt, und darum werdet Ihr auch glücklich sein. Also trink ich dies Glas und die ganze Gesellschaft wird es mit mir, auf Euer Wohl, auf Eure Gesundheit, auf das Glück Eurer Zukunft! Hoch, der^ Bräutigam und die Braut. Hoch der Bräutigam und die Braut! — wiederholten i alle Anwesenden, die Gläser klirrten an einander; jeder beeilte! sich mit dem Sprecher sowohl als mit den beiden Brautleuten i anzustoßen und alles leerte sein Glas bis zur Neige, selbst j die alte Brigitte strengte sich an und »hat diesmal mehr, als I sie zu leisten vermeinen konnte; ja sie ließ sich ihr Glas, das ' sie zum großen Theile geleert, sogleich wieder füllen und erhob! sich, dasselbe hoch empor haltend, um dem Beispiele des alten! Niederhnber zu folgen. Ich kann nicht viel reden — Hub sie an---— | Das ist eine Verleumdung! — sagte Houza, und zwar^ 1 so, dass man es hören konnte. Alle anderen riefen es ihm l nach: das ist eine Verleumdung! Mutter Brigitte muss uns j eine große Rede halten. Sie kann es! Wir wissen es! Sie ' muss! Sie muss! So lasst mich nur zur Wort kommen! — rief Brigitte! — Ihr schreit ja und macht einen Heidenlärm, dass ein.! ehrlicher Christenmensch sein eigenes Wort nicht hört!! Es ward wieder stille und Mutter Brigitte begann j von neuem: \ Ich kann nicht viel reden! Der Houza und Ihr alle ' mögt sagen, was Ihr wollt, ich kenn mich besser als Ihr mich I kennt, und darum bleib ich dabei und sag, ich kann nicht viel! reden! Das heißt so reden, was man so reden nennt! Freilich,, i reden in den Tag hinein von dem und von jenem, obs heut; schönes Wetter ist, und obs morgen Regen geben wird, und j was der Nachbar Franz für ein par schöne Pferd kauft hat,, j und dass die Schneider-Toni noch immer im ganzen Dorf die! schönste sein will, und dass der Görg gern die Marie kriegt i hätt, und dass er darum unfern Josef nicht leiden mag und I alles das Zeug, das ist freilich keine Kunst, das trifft ein jeder, i und das lreff ich auch! Das Reden mein ich aber gar nicht l! Wenn ich sag, ich kann nicht viel reden, so mein ich reden, | wie unser Meister Niederhuber jetzt geredt hat, reden, dass es! ein' Hand und Fuß hat, reden, wo man sich dabei gar eigene! Gedanken machen muss, das heißt, wenn einer ein' Kopf hat j und kein dummer Kerl nicht ist, reden, dass einem dabei das! Herz gerührt wird, und dass einem dabei die Augen übergehen, wie mir bei des Meisters Reden. Das mein ich! Versteht Ihr mich jetzt? und darum Hab ich gesagt, ich kann nicht viel reden, weil ich mich im voraus entschuldigen muss. (Fortsetzung folgt.)