Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 7 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit. Seite 7. Rabbiners nicht näher bezeichnet, der Ihnen solche schwerwiegende -Endeckungen gemacht hat? Wenn man die Dreistigkeit hat vor die Oeffentlichkeit hinzutreten und solche Bomben in ein ruhiges .Haus zu schleudern, so möge man sich doch vorerst genau Umsehen, welche Waffen man gebraucht. Mit der Schönrednerei, als trachte er, den Juden das Leben so angenehm als möglich zu machen, will er uns den Wolf im Schafspelz zeigen; doch wir sind mit seinen fletschenden Zähnen schon sehr oft in Berührung gekommen und wissen, dass unsere lieben Antisemiten zuweilen auch kriecherisch sein können, dass sie mit ihren aalglatten Zungen häufig größere Wunden uns Beibringen, als die frechsten, offenen Feinde. Wir fordern daher von unserem gntgesinnten Zmeskal den Namen seines Rabbiners mns bekannt zu geben, der ihm solche wichtige Urkunden geliefert, uns denen ein Ritualmord zu ersehen wäre, ansonsten wir uns im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit dagegen verwahren und seine Worte als bodenlose Lüge hinstellen, ersonnen die die Leidenschaften der Massen aufzuwühlen. Die clericalen Blatter scheinen durch ihre gehässige Wühlerei .den gewünschten Erfolg nicht erzielt zu haben, weil sie nur wenige Leser zu interessiren vermögen. Um daher das Feuer in das weite Ungarland hinauszutragen, um vielleicht auch mit den auswärtigen Antisemiten in Fühlung zu kommen, hat Herr Zmeskal im Abgeordnetenhause den Ritnalmord aufgetischt. Der Justizminister hat zwar den Fäll, auf den hier angespielt wurde, für einen gewöhnlichen Selbstmord erklärt, doch sich Vorbehalten, die Interpellation ausführlich zu beantworten. Wir werden daher noch einmal die Ehre haben, die salbungsvollen Reden Zmeskal's zu hören, bis dahin kann er uns aber den Namen des Rabbiners nennen, der ihm die wichtige Mittheilung des .Ritualmordes gemacht hat. B u z a t h und seine Freunde von der Volkspartei, die den Auseinandersetzungen Zmeskal begierig lauschten, suchten auch das ihrige dazu beizutragen, um einen ganzen Rattenkönig von Unsinn auszustellen. Wir wären zu wenig Patrioten, hätten uns auch nicht genügend magyarisirt, und er legt uns tief ans Herz, mehr Liebe dem Lande zu beweisen, das uits solche Rechte verliehen, tvie sie in andern Ländern die Juden nicht so schnell erreicht haben. Wir danken schönstens für die väterliche Mahnung, können aber von derselben keinen Gebrauch machen, weil das Judenthum stets Vaterlandsliebe bekundet, weit mehr als die engherzigen Clericalen und Antisemiten. Wir haben stets für den Aufschwung und das Gedeihen des geliebten Vaterlandes unser bestes Können eingesetzt, was wir damals bewiesen, als unser Vaterland nebst Geldauch Blutopfer forderte. In den Schlachtreihen hat der Jude willig sein Leben hingeopfert und wird jetzt, wo er in Ruhe seine errungenen Rechte genießen kann, nicht ermangeln, mit den Edlen zu wetteifern, die das Aufblühen des Vaterlandes anstreben. Herrn Zmeskal und Buzath erlauben wir uns in Erinnerung zu bringen, dass es gar viele in ihren Kreisen gibt, die offen und versteckt gegen das ungarische Vaterland arbeiten, die mit den Ungarfeinden Conventikel halten, die höchlich erfreut sind, wenn Herr Dr. Lueger aus ihrer Seele spricht, indem er nebst den Juden auch die barbarischen Magyaren aufs Derbholz nimmt. Diesen Verirrten thäte es Noth, mit Lehren über Vaterlandsliebe zu dienen, wir ungarischen Juden wollen «infür allemal derartige Lehren nicht annehmen. Duna-Földvär (Ungarn). Rabbiner Dr. Sam. P art o s. Ludwig Lörne.') Ludwig Börne ist in der deutschen Litteratur keine große Existenz, aber gewiss eine Existenz von großer Tragweite — obgleich er nie ein Buch geschrieben hat. Das klingt paradox, *) Ludwig Börnes gesammelte Schriften. Vollständige Ausgabe in 6 Banden nebst: Nachgelassene Schriften in 2 Bänden. Mit Börnes Porträt, einem Briefe in Facsimile und einer biographisch-kritischen Ein- Lttung von Alfred Klaar. Leipzig. Max Hesse Verlag. 1900. allein es ist eine Thatsache. „Ich habe" — sagte er selbst irgendwo — „keine Werke geschrieben, ich habe nur meine Feder versucht aus diesem, aus jenem Papier; jetzt sollen die Blätter gesammelt aufeinander gelegt werden, und der Buchbinder soll sie zu Büchern machen — das ist alles." Es ist richtig, Börne hat uns kein Drama und nur wenige und noch dazu herzlich schlechte Gedichte und nicht ein größeres Werk unterlassen. Die von ihm selbst veranstaltete Sammlung seiner zerstreuten kleinen Arbeiten ist heutzutage vergessen, er gehört zu jenen Schriftstellern, von denen man mehr spricht als man nach der Kenntnis seiner Schriften berechtigt ist, er gehört im günstigsten Falle zu jenen, die mehr gelobt als gelesen werden. Und doch, wer von sich sagen kann: „Was ich immer gesagt, ich glaubte es: Was ich geschrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgesagt, ich musste. Man würde lachen, wenn man wüsste, wie bewegt ich bin — wenn ich die Feder bewege." — Wer das in Wahrheit von sich sagen kann, der ist ein guter Schriftsteller, wenn seine ersten Arbeiten auch „mangelhaft" sein mögen. „Börne gehört vielmehr, wie der neueste Herausgeber Alfred Klaar in seiner liebevollen bwgraphnchen Einleitung des Näheren aussührl, zu jenen Schriftstellern, die jeder Zeit das Siegel der Persönlichkeit aufdrücken, und das Abbild dieser Persönlichkeit ist ein kostbarer Besitz unserer Litteratur, ja nochmehr ein werthvolles Zeugniß unseres deutschen Geisteslebens. Sein Styl kann nicht altern, weil er I die volle Lebendigkeit einer Natur besitzt, sein Charakter ist ein fleckenloses Vorbild für alle Volksgenossen von reinen und edlen Antrieben des Wesens, und so oft er auch in der Bezeichnung der nächsten Wege, die zum Ziele führen sollten, irren mochte, das Ziel selbst, das ihm verschwebte und auf das er rastlos mit all r Kraft des Temparementes und des Geistes hiuwies, die höchste Entwickelung aller geistigen und moralischen Kräfte durch Freiheit und Humanität wird dem deutschen Volke, für das er fühlte und sprach, immer heilig blelbeu." Interessant ist, die Art und Weise, wie Börne jeder Zeit für seine Glaubensgenossen aufs Wärmste eingetreten ist. Er schreibt 1819: „In Frankfurt, wo ich wohne, ist das Wort Jude der unzertrennliche Schatten aller Begebenheiten, aller Verhältnisse, aller Gespräche, jeder Lust und jeder Verdrießlichkeit. Stellt ein jüdischer Handelsmann seine Zahlungen ein, so . . . die jüdische Handlung N. N. habe ihre Zahlungen eingestellt. Ist ein Jude Arzt oder Advocat, dann . . . Arzt jüdischer Nation, Advocat jüdischer Nation. Stiehlt ein Jude und fragt man nach dem Diebe, so heißt es, ein Jude war's. Zeichllet sich ein Jude durch Art und Bildung aus, dann sagen die Spötter, er bleibt doch ein Jude, und die Gutgesinnten sprechen, er mache seiner Nation große Ehre. Geht ein Jude zu einem Schneider und bestellt sich einen Rock, so bemerkt ihm der Schneider unfehlbar, irgend ein Jacob oder Isaak habe sich ein ähnliches Kleid machen lassen. Kauft eine Jüdin Blumen ein, so erzählt ihr der Gärtner, Frau Ester habe ihm vor einigen Tagen einen Roseustock abgekauft. . . Wer nun gleich mir diese Narrheit schon 20 Jahre beobachtet hätte, der würde sich auch daran gewöhnt haben, zürnend oder lächelnd, tadelnd oder bekrittelnd wie ich auszurufen: Der ewige Jude!" „Vormals hatte man aus Glaubenswuth Juden und Ketzer verbrannt, aber weil dies unmenschlich war, kann es nicht menschlich gerichtet werden. Man beraubte die Gemordeten. Aber jetzt, da auch der ruchloseste Heuchler nicht zu sagen wagt, dass er die Juden wegen ihres Glaubens verfolge, womit wird jetzt die Bosheit beschönigt? Sonst dachte man, die Jaden kämen nicht in den Himmel, darum wolle man sie auch nicht aus Erden dulden; aber jetzt, da man ihnen den Himmel gönnt, warum möchte man sie immer noch von der Erde vertilgen? Es wird mit der schamlosesten Heuchelei gegen die Juden zu Werke gegangen, es werden lügnerische Behauptungen mit solcher Keckheit geführt, dass sebft Gutgesinnte dadurch getäuscht werden, weil sie nicht glauben können, dass man sie so plump betrügen